Verquere Debatten

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Von Wolfgang Gehrcke

Thomas Willms hat in seinem Artikel »Zauberlehrlinge« einen historischen Teil, der sich besonders mit Karl Radek und seiner angeblichen Querfront-Politik auseinandersetzt, und einen aktuell-politischen Teil, der sich den Freidenkerverband und die Arbeiterfotografie vornimmt. Der historische Teil ist unzureichend und dem Opfer der stalinistischen Schauprozesse Karl Radek nicht angemessen. Der aktuell-politische fällt zurück auf eine Denkweise, die bisher in der VVN nicht vorhanden war. Thomas Willms schreibt: »… dass die sowjetische und erst Recht die russische Außenpolitik ein waches Auge« – auf Friedens- und antifaschistische Bewegungen – »hatte und hat und sie seit einigen Jahren auch aktiv fördert.« Kaum eine demokratische Bewegung – an den meisten war die VVN aktiv beteiligt -, von der nicht behauptet wurde, sie sei aus Moskau finanziert oder von Moskau gesteuert. Das »wache Auge«, das die russische Außenpolitik auf die Friedens- und antifaschistische Bewegung hat, könnte auch so verstanden bzw. missverstanden werden, dass diese Bewegungen aus Moskau gesteuert werden.

Thomas Willms schreibt über einen »erheblichen Wertekonflikt«. Angeblich soll »mancher (…) bereit (sein), zugunsten der Losung »der Feind meines Feindes ist mein Freund« grundlegende Anliegen des Antifaschismus – die Achtung der Menschenrechte und die Niederringung faschistischer Ideologie und Politik – hintan zu stellen.« Wer ist »mancher«? Ich bin es mit Sicherheit nicht! Dieser »Wertekonflikt« hätte nur dann eine Logik, wenn »Nie wieder Krieg!« und »Nie wieder Faschismus!« auseinandergebracht würde. So könnte es geschehen, dass der »Wert« einer pazifistischen Grundhaltung gegen den »Wert« einer antifaschistischen Menschenrechtspolitik gestellt wird. Genau dies war das Herangehen von Joseph Fischer im Kosovo-Krieg, in dem er den Kosovo mit der »Rampe von Auschwitz« gleichsetzte und insofern aus dem NATO-Aggressionskrieg gegen Jugoslawien eine antifaschistische Befreiungsaktion machte.

Die VVN-BdA hat sich von Anfang an, so Thomas Willms, »gegen jede Einflussnahme nationalistisch-rechtsgestrickter Akteure gewehrt…« Richtig so! Doch er setzt den Satz fort:«… als auch die Bereitschaft diverser Politiker des linken Spektrums, mit eben diesen Akteuren zusammen zu arbeiten, kritisiert.« »Nationalistisch-rechtsgestrickt« ist ein großer Wortsack, in den viel hineinpasst. Die Hauptsache ist wohl, dass unter den herrschenden Verhältnissen breite Schichten »nationalistisch-rechtsgestrickte« Stimmungen und Auffassungen haben. Der Einfluss eines imperialistischen Nationalismus muss eingedämmt werden und dafür muss man mit vielen Menschen diskutieren. Dies war Anliegen bekannter Mitglieder der VVN wie Kurt Bachmann, Richard Scheringer, Katharina Jakob, Max Oppenheimer, Peter Gingold, Hans Canjé, Kurt Goldstein und vieler anderer. Für sie gab es kein Monopol auf Antifaschismus und kein Monopol auf Friedenspolitik.

Nun zu Thomas Willms‘ »Querfront-Theorie« und »Querfront-Geschichte«. Als Beispiel dient Willms die Rede von Karl Radek im Juni 1923 »Leo Schlageter, der Wanderer ins Nichts.« Er sieht in ihr »das offene Buhlen um den bewaffneten und terroristischen Arm der deutschen Rechten«. An der Rede fällt für uns Heutige gewiss sofort das schiefe sozialpsychologische Bild vom Typus »Schlageter« auf, das Radek zeichnet und so ein fatal falscher Satz wie: »Schlageter, der mutige Soldat der Konterrevolution verdient es, von uns Soldaten der Revolution männlich-ehrlich gewürdigt zu werden.« Doch, seltsam, der Kern und Sinn dieser Rede von Radek kommt bei Willms nicht vor. Das Wesen der Rede kommt an vielen Stellen zum Ausdruck. Hier sei nur folgendes zitiert: »Die Mehrheit des deutschen Volkes besteht aus arbeitenden Menschen, die kämpfen müssen gegen die Not und das Elend, das die deutsche Bourgeoisie über sie bringt. Wenn sich die patriotischen Kreise Deutschlands nicht entscheiden, die Sache dieser Mehrheit der Nation zu der ihrigen zu machen und so eine Front herzustellen, gegen das ententistische und das deutsche Kapital, dann war der Weg Schlageters ein Weg ins Nichts, dann würde Deutschland angesichts der ausländischen Invasion, der dauernden Gefahr seitens der Sieger zum Felde blutiger innerer Kämpfe, und es wird dem Feinde ein Leichtes sein, es zu zerschlagen und zu zerstückeln.«

Die Rede hielt Radek auf einer Tagung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, deren 3. Weltkongress zuvor stattgefunden hatte. Karl Radek vertrat eine Frühform der Volksfront-Konzeption, wie sie später theoretisch vom VII. Weltkongress ausgereift bestimmt wurde und unter ganz anderen Verhältnissen Mitte der 30er Jahre in Spanien und Frankreich, wieder ganz anders im »Nationalkomitee Freies Deutschland« und nach 1945 in den Volksfrontregierungen in Italien und Frankreich verwirklicht wurde.

Eine Volksfront oder, modern formuliert, eine Unidad Popular, eine breite, Klassen und Schichten übergreifende demokratische, antiimperialistische Bewegung ist heute dringend nötig. Solche Bewegungen müssen in europäischen Dimensionen gedacht und organisiert werden. Das kann Menschen mobilisieren und unterschiedliche politische, soziale, kulturelle Richtungen zusammenbringen.

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