Als die VVN jünger wurde

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geschrieben von Ulrich Schneider

Vor 45 Jahren öffnete sie sich für Nachgeborene

 

Eine Zäsur in der Organisationsgeschichte der VVN war ohne Zweifel der Oberhausener Kongress Mitte Mai 1971. Im Zentrum der Debatte stand neben der Frage, wie der politische Kampf gegen Reaktion und Neofaschismus intensiviert werden kann, die endgültige Beschlussfassung über die Öffnung der Organisation für nachgeborene Generationen, die nicht als Familienangehörige mit den Überlebenden verbunden waren. Schon in den 50er und 60er Jahren waren Jugendliche über »Hilfskonstruktionen« Mitglieder der VVN geworden, z.B. FDJler, die als Friedenskämpfer Widerstand gegen Remilitarisierung geleistet hatten und verfolgt wurden. Auch Teilnehmer der Feriencamps der FIR oder Mitglieder der »Geschwister-Scholl-Jugend« standen in direktem Kontakt zur VVN. Doch von einer gleichberechtigten Mitarbeit innerhalb der Organisation war man in dieser Zeit weit entfernt. Die VVN war auch im Selbstverständnis ihrer Mitglieder eine Gemeinschaft vor allem der Frauen und Männer aus dem Widerstand gegen Faschismus und Krieg und der Opfer der NS-Herrschaft.

Doch die politischen Entwicklungen in den 60er Jahren in der BRD erforderten eine Veränderung dieser Sichtweise. Die VVN wurde nicht zuletzt durch das Wiedererstarken des Alt- und Neofaschismus und die politischen Auseinandersetzungen um Notstandsgesetze und Kriegsgefahr zunehmend mit politischen Aufgaben der Gegenwart konfrontiert. Natürlich spielten Entschädigung und Wiedergutmachung immer noch eine Rolle, die Renazifizierung der politischen und wirtschaftlichen Elite blieb ein innenpolitischer Konfliktpunkt, auch der gesellschaftliche Umgang mit der Erinnerung an Widerstand und Verfolgung war eine Daueraufgabe für die VVN, aber die Bewegungen »Kampf dem Atomtod«, die beginnenden Ostermärsche und die außerparlamentarische Opposition (APO) mobilisierten zahllose Menschen in diesem Land für antifaschistische Themen, auch wenn sie nicht selbst Verfolgte waren.

Zudem wurde deutlich, dass sich die Studentenbewegung zunehmend kritisch mit dem gesellschaftlichen Verschweigen der faschistischen Vergangenheit auch ihrer akademischen Lehrer beschäftigte (»Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren!«). Junge Menschen gingen auf die Straße gegen die Auftritte der NPD und für die Erweiterung demokratischer Rechte. Das waren Antifaschisten, die nicht aus eigenem Erleben oder familiärer Tradition, sondern aus politischer Überzeugung handelten.

In einem Bericht über den Oberhausener Kongress heißt es dazu: »Für die VVN wurde deshalb immer dringlicher, auch im Erscheinungsbild und im Namen der Öffentlichkeit deutlich zu machen, daß in ihren Reihen Platz für alle ist, die bereit sind, aktiven Anteil an der Verteidigung des Humanismus und der Demokratie gegen Neonazismus und Rechtskartell zu nehmen. Damit soll nicht gesagt werden, daß die VVN-Bund der Antifaschisten sich anmaßt, die Sammlung aller Gegner des Neonazismus zu sein … Aber für alle diejenigen, die denken, in den Reihen der VVN am besten und wirksamsten die alten und neuen Feinde und Gefahren bekämpfen zu können, ist nach der Namensänderung jede Möglichkeit eine aktiven Betätigung gegeben.« (»Stimme des Widerstandes«, Sondernummer Juni 1971).

Diese Änderung des Statuts war der Schlusspunkt einer mehrjährigen Debatte innerhalb der Organisation, bei der viele Ängste und Vorbehalte gegenüber der »rebellischen Jugend« überwunden werden mussten. Doch mit dem Beschluss selbst war es nicht getan. Zum einen mussten innerhalb der VVN noch viele ältere Mitglieder von der Richtigkeit dieser Erweiterung überzeugt werden und auch in der FIR blieb diese Öffnung für Nichtverfolgte nicht ohne Widerspruch. Zum anderen war es notwendig, nun auch innerhalb des Verbandlebens eine Kultur des Miteinanders zu entwickeln, die eine tatsächlich gleichberechtigte Mitwirkung von Angehörigen der nachgeborenen Generationen ermöglichte. In manchen Kreisvereinigungen dauerte es noch einige Jahre, bis jungen Antifaschisten in den Leitungsgremien und anderen Aufgabenbereichen Verantwortung übertragen wurde.

Sicherlich hat dazu auch beigetragen, dass sich besonders jüngere Antifaschisten in der Aufarbeitung der regionalen antifaschistischen Geschichte engagierten und damit sichtbar machten, welchen wichtigen Beitrag sie für die Bewahrung des politischen Vermächtnisses der Frauen und Männer aus dem Widerstand zu leisten bereit waren.

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