Die Schublade aufgemacht

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geschrieben von Ernst Antoni

Materialreiches Buch über Nazikünstler mit Nachruhm

Ein »Gebrauchsgrafiker« war er Zeit seines künstlerischen Lebens. Stets bedacht darauf, dass seine Bilder, die gezeichneten, aber noch viel öfter die in Holz geschnittenen und reproduzierten, vielerlei praktische Verwendung finden.
Der in Niederösterreich 1886 geborene und 1985 im oberbayerischen Siegsdorf verstorbene Ernst Dombrowski war durchaus auf die Wirkung seines Werkes bedacht. Ernst von Dombrowski, wie er bis zur »Ent-Adelung« des einstigen k.u.k.-Reiches 1919 hieß – das »von« legte er sich sofort wieder zu, als der auch von ihm persönlich als NSDAP-Mitglied seit 1932 kräftig und militant mit angeschobene »Anschluss« Österreichs ans deutsche NS-Reich bewerkstelligt war. Und arbeitete zielstrebig weiter.
Mochten die politischen Verhältnisse nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg auf den ersten Blick auch noch so gewandelt erscheinen, verstand er es, beständig mitzuschwimmen als Holzschneider und Buchillustrator im künstlerischen Gewerbe. Zwar war der Bedarf an seinen kantig-kernigen Landsknechts- und Soldatenbildern zumindest anfangs eher bescheiden. Die nicht weniger kantigen Dombrowski-Bebilderungen von Hitler-Zitaten in »Ewiges Deutschland – ein deutsches Hausbuch«, zu dem Goebbels einst das Vorwort geschrieben hatte, waren in deutschen und österreichischen Bücherschränken in die zweite Reihen gewandert. Und offiziell »entbräunt« wurde der Künstler dann auch relativ bald von einer Spruchkammer, die ihn als »Mitläufer« einstufte.
Auf seine einstige Kunst-Professur in München hatte er allerdings verzichten müssen. Für diese wurde ihm später jedoch noch eine ordentliche Pension zuteil. Und weil Dombrowski in seinem Fundus überdies zahllose herzige Kinderbildnisse und urige Bauerndarstellungen hatte, geeignet nicht zuletzt für Karten für festliche Anlässe und als Illustrationsmaterial für »Heimatbücher« aller Art und in Deutschland und Österreich treue Abnehmer seiner Bilder musste er bis zuletzt nicht darben.
Möglich wurde ihm dies auch durch ein nicht unbedeutendes Netzwerk von Freunden und Bekannten, einstigen NS-Kampfgefährten, die im Nachkriegs-Österreich oder der Bundesrepublik allmählich wieder als Künstler, Autoren, Verleger kulturpolitisch Tritt gefasst hatten und einander unter die Arme griffen. Unterstützt von manchen anderen nicht unvermögenden Kreisen.
So gibt es heute, dank mäzenatischer Hilfe aber auch den nicht unbeachtlichen Einkünften Dombrowskis geschuldet, eine »Lebens- und Werkschau« in seinem letzten Heimatort Siegsdorf in gemeindeeigenen Räumen. Erinnert wird da bisher, ohne Historisches tiefer auszuloten, an den Orts-Ehrenbürger Dombrowski (seit 1985) und dessen Schaffen. Und eine nach ihm und seiner Gattin benannte Stiftung gibt es auch.
Nun aber hat sich unlängst jemand publizistisch zu Wort gemeldet, der auch in der Gegend daheim ist. Er hat ein Buch verfasst, das im Haupttitel schlicht »Dombrowski« heißt, im Untertitel aber präzisierend: »Eine Aufklärung über heute noch wirkender Mythen des Nationalsozialismus«. Auf insgesamt 184 ausgiebig bebilderten großformatigen Seiten legt Autor Rainer Thiemann, eine historisch-politische Bestandsaufnahme vor.
»Jugendliche, Schüler und Studenten«, schreibt er im Vorwort, »müssen über den Nationalsozialismus informiert werden, gerade weil das Beispiel Dombrowski offenbar die Unbelehrbarkeit, Verschleierung und Verdrängung aufzeigt, mit der nationalsozialistische Eliten in der Bundesrepublik und Österreich ihr zweites, oft erfolgreiches Leben weitergeführt hatten.«
Die Ergebnisse dieser Recherchen machen das Buch über die lokalen Bezüge hinaus so interessant. Bei der Lektüre der durch viele Archivfunde, Literaturverweise und Bildbeispiele belegten Seiten – es ist nicht so, dass es da in den letzten Jahrzehnten nichts Kritisches zum Thema gegeben hätte – springt ins Auge, wie kontinuierlich hier doch über Ländergrenzen und Jahrzehnte hinweg alte Naziverbindungen aufrecht gehalten und gepflegt wurden, welche braunen Netze im deutsch-österreichischen Raum über Generationen hielten. Und mit welchen Mitteln völkische und rassistische Propaganda auch in Ecken und Winkeln betrieben wurde, wo man sie nicht auf Anhieb vermuten würde. Bis heute – mit wechselnden Protagonisten.
In der Heimat des Autors hat sein Buch inzwischen kontroverse öffentliche Diskussionen ausgelöst, vor allem über die Frage, wie weiter mit dem »Museum« und dem Dombrowski-Nachlass umgegangen werden soll. Das »Traunsteiner Tagblatt« zitierte nach einer Veranstaltung mit dem Autor den Ortsbürgermeister: »Wir können die Schublade nicht mehr zumachen«. Das ist doch schon mal was…

Rainer Thiemann, Dombrowski. Eine Aufklärung über heute noch wirkende Mythen des Nationalsozialismus, Liliom Verlag Waging am See, 184 S., 25 Euro

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