Im Namen der Würde

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geschrieben von Axel Holz

Ein Spielfilm erhellt die Geschichte der »Colonia Dignidad«

Colonia Dignidad – das ist der Name eines 300 Quadratkilometer befestigten und abgelegenen Siedlungsareals in Chile, auf dem Paul Schäfer 1961 zusammen mit anderen Deutschen eine christlich-fundamentalistische, autoritäre Sekte gründete. Gegen Schäfer wurde zuvor in Deutschland wegen Kindesmissbrauchs ermittelt. In der Siedlung wurden die Einwohner streng nach Geschlecht getrennt. Kinder wurden den Eltern entzogen und viele Jungen von Schäfer missbraucht. Die »Kolonie der Würde« basierte auf Unterwerfung der Einwohner in einem nahezu militärisch gesicherten Terrain und existierte wirtschaftlich autark auf der Basis eines zwangsweisen, täglich bis zu 17 Stunden währenden Arbeitsregimes und sektenmäßiger Indoktrination der Bewohner. Aber auch auf der Basis der Zwangsarbeit politischer Gefangener des Pinochet-Regimes, von denen allein 1977 112 auf dem Gelände festgehalten und von chilenischen Geheimdienstmitarbeitern der DINA gefoltert wurden, wie der Colonia-Scherge Gerhard Mücke bestätigte. 2005 räumte er vor Gericht ein, dass er 18 bis 21 Leichen Oppositioneller aus Massengräbern verbrannt habe, um Spuren zu beseitigen.
Hier wurden auch illegal Waffen aus Deutschland beschafft und gehortet, das Giftgas Sarin produziert und verbrecherische medizinische Versuche an Häftlingen durchgeführt. Der Staat im Staate war ein Stützpunkt Chiles für einen möglichen Krieg gegen Peru und Argentinien. Hier befanden sich Sendeanlagen, Flugpisten und Waffen, von denen Fahnder 3,5 Tonnen ausgruben. Nachforschungen des Journalisten Gero Gemballa machten deutlich, dass es mit Paul Schäfer in der Colonia nicht nur einen Täter gab, sondern ein institutionalisiertes Geflecht aus deutschen, chilenischen und internationalen Wirtschafts- und Geheimdienstinteressen. In der Colonia war nicht nur Pinochet mehrfach zu Gast, sondern auch die CSU-Politiker Franz Josef Strauß und Wolfgang Vogelsang. An diesem Interessengeflecht scheiterten über Jahrzehnte alle Versuche, die kriminelle Vereinigung auszuschalten. Erste Berichte von Geflüchteten aus dem Jahre 1966 oder später- 1986 – gegenüber Mitarbeitern der deutschen Botschaft, fanden lange kein Gehör.
Um zwei dieser Geflüchteten geht es nun im gleichnamigen Film von Florian Gallenberger mit Daniel Brühl und Emma Watson in den Hauptrollen. Daniel Brühl spielt den kritischen Fotografen Daniel, der die sozialistische Bewegung in Chile dokumentiert und Plakate für Präsident Allende entwirft. Daniel verliebt sich in die Lufthansa-Stewardess Lena, wird während des Pinochet-Putsches 1973 verhaftet, aus dem berüchtigten Stadion in Santiago in die Colonia Dignidad entführt und dort gefoltert. Seine deutsche Freundin erfährt von seinem Aufenthaltsort und versucht, ihn zu finden, indem sie sich als christliche Interessentin zur Mitarbeit in der Colonia anbietet. Bisher hat, so der Film, kein Mensch die Colonia lebend verlassen. Tatsächlich findet sie ihren Freund, der sich inzwischen, um den Folterungen zu entgehen, debil gestellt hat und in einer Werkstatt unter Aufsicht gestellt wird. In der Sekte ist Lena dem Misstrauen und Drohungen des Sektenführers Paul Schäfer ausgeliefert, der durch den norwegischen Darsteller der Millenium Trilogie, Michael Nyqvist, überzeugend dargestellt wird.
Oscarpreisträger Florian Gallenberg hat die Lebensumstände im hermetisch abgeriegelten Lager sogfältig recherchiert. Die Schilderungen ehemaliger Sekten-Opfer über Folter, Teufelsaustreibungen und den Missbrauch von Kindern hatten ihn tief beeindruckt. Paul Schäfers Kontakte in die deutsche Politik werden zum Schluss des Films angedeutet, als Daniel und Lena die Flucht durch Elektrozaun und Selbstschussanlage gelingt und sie nur knapp einer Auslieferung an Paul Schäfer durch Botschaftsangehörige entgehen, als sie bei der deutschen Botschaft Schutz suchen und Folter-Beweise vorlegen. Der Spielfilm hat die Militärdiktatur in Chile und ihre Verflechtung mit Paul Schäfers Sekte öffentlichkeitswirksam in Erinnerung gebracht. Aber auch die Verstrickung der BRD in das Geschäft der mörderischen Sekte. Dies war ein Auslöser dafür, dass Bundesaußenminister Steinmeier die Geheimhaltung der Unterlagen des Auswertigen Amtes hierzu um zehn Jahre zurückstufte.
Sektenführer Schäfer wurde nach zehnjähriger Flucht 1997 in Argentinien verhaftet und starb 2010 in einem Gefängnis in Santiago. Zahlreiche weitere Täter flohen unbehelligt nach Deutschland in einen sicheren Hafen. Darunter findet sich auch der frühere Sektenarzt Hartmut Hopp, der in Chile zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde und sich nach Krefeld absetzte. Er wusste, dass Deutschland seine Staatsbürger nicht ausliefert. Inzwischen wurde auch Hopp wegen Mordes angezeigt. Die Krefelder Staatsanwaltschaft versucht seit Monaten, den chilenischen Antrag auf deutsche Vollstreckung beim Landgericht einzureichen. In Kürze soll es soweit sein. Die deutschen Ermittlungen gegen Hopp verliefen Jahrzehnten ergebnislos, viele Taten sind inzwischen verjährt.

Rainer Thiemann, Dombrowski. Eine Aufklärung über heute noch wirkende Mythen des Nationalsozialismus. Liliom Verlag Waging am See, 184 S., 25 Euro

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