Sie wusste zu überzeugen

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geschrieben von Ernst Antoni

rinnerung an die Widerstandskämpferin Anna Pröll

»Als sie von der Augsburger IG Metall und von der Deutsch-Jüdischen Gesellschaft für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes vorgeschlagen wurde, haben wir lange diskutiert. Als der bayerische Ministerpräsident Stoiber im Auftrag des Bundespräsidenten ihr die Auszeichnung übergab, ergriff meine Mutter das Wort. Das war im Protokoll nicht vorgesehen. Mutter interessierte das nicht. Sie betonte, dass sie die Auszeichnung nur annehmen könne, im Namen all derer, die man nicht ausgezeichnet habe oder die die Befreiung vom Faschismus nicht mehr miterleben konnten.«

Anna Pröll, Foto: Josef Pröll

Anna Pröll, Foto: Josef Pröll

Josef, Sohn von Anna Pröll, erzählt das am 2. Oktober 2006 in Ravensbrück, anlässlich der Tagung der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis mit Überlebenden, Kindern und Enkeln von KZ-Gefangenen. »Anna, ich hab Angst um dich« hieß der Film über das Leben und die Erlebnisse seiner Mutter, den er – nach einem vorausgehenden Film zum Themenbereich antifaschistischer Widerstand in Augsburg (»Vorwärts und nicht vergessen«, 1972, und weiteren Filmen, die sich mit alten und neuem Faschismus befassten) – 1999 gedreht hatte.
Bei der Vorführung des Filmes bei der Tagung in Ravensbrück war Anna Pröll nicht mehr dabei. Am 28. Mai 2006 ist sie, kurz vor ihrem 90. Geburtstag, gestorben. Am 12. Juni 1916 geboren, wäre Anna Pröll nun 100 Jahre alt geworden. Ein Anlass, wieder einmal an eine jener Widerstandskämpferinnen aus der Arbeiterbewegung zu erinnern, die Zeit ihres Lebens so wenig von sich hermachten und dennoch mit Konsequenz und Überzeugungskraft ihren Kampf bis ins hohe Alter fortsetzten.
»Mitten im Ersten Weltkrieg bin ich geboren.«, sagte sie, die für ihre Kampfgefährtinnen und -gefährten aus Widerstand und Verfolgung, später aus Lagergemeinschaften, VVN und parteipolitischen Umfeldern, immer nur »die Anni« war, einmal im Gespräch mit Nachgeborenen. »Als ich das Laufen lernte, war immer noch kein Frieden. Und als ich Nachdenken lernte, sprach man wieder vom Krieg. 1939 habe ich selbst erfahren, was Krieg für die Menschen bedeutet. Und im hohen Alter bin ich wieder eine von denen, die gegen den Krieg auftreten.«
Anni Pröll konnte solche Sätze sagen, ohne dass der Eindruck entstand, hier ginge es um Aufgesetztes, um Pathos, um Parolen. Sie war bei solchen Anlässen einfach präsent, mit unverkennbar schwäbischer Tonfärbung, irgendwie zugleich bedächtig und unverdrossen, und, so schien es einem zumindest, unbekümmert darüber, ob da nun ein knappes Dutzend Menschen da waren oder einige Hundert. Sie stand da für die Authentizität des Erlebten und Erlittenen, ohne Nachgeborene mit ihren Beiträgen zu überfordern und auch, ohne diesen für sie auf Anhieb Unerreichbares abverlangen zu wollen.
Sie wollte, als das möglich wurde – und dass das ihr und vielen anderen aus dem Widerstand der Arbeiterbewegung, dem kommunistischen gar, in der alten Bundesrepublik, alles andere als leicht gemacht wurde, darüber legen heute die »Kinder des Widerstands« zunehmend Zeugnis ab – Anni wollte aus dem »Nie wieder« nach Verfolgung und Widerstand etwas Bleibendes machen. Zumindest in ihrer Region ist ihr das erstaunlich gelungen. Letztlich wurde die kommunistische Widerstandskämpferin Anna Pröll noch zur Ehrenbürgerin ihrer Geburtsstadt Augsburg ernannt. Gerade diese hatte ihr zuvor, auch in den Jahren nach der Befreiung vom Faschismus, oft die kalte Schulter gezeigt gehabt, auch da, wo es eigentlich ganz einfach gewesen wäre: die adäquate Unterbringung Überlebender der Naziverfolgung in städtischen Quartieren etwa.
Anna Pröll, geborene Nolan war in einer Augs-burger Weberfamilie aufgewachsen. Schon vor 1933 war ihr Vater als Kommunist Verfolgungen ausgesetzt gewesen, auch die Mutter hatte am Arbeitsplatz Probleme bekommen. Als Konsequenz daraus hatte sich Anna, damals 16 Jahre alt, dem Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) angeschlossen.
Nach der faschistischen Machtübernahme in Deutschland gehörte Anna Nolan – ihr Vater war inzwischen im KZ Dachau eingesperrt, in dem er später umkommen sollte – zu denen, die von Anfang an aktiven Widerstand gegen das NS-Regime leisteten. Wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« wurde sie verurteilt. Es folgten 26 Monate Gefängnis und anschließend, 1936, die Einlieferung in das Frauenkonzentrationslager Moringen. Sie überlebte das dank der Unterstützung von Mitgefangenen und wurde 1937 entlassen.
1938 heiratete sie Josef Pröll, der unter den Nazis ebenfalls bereits mehrere Jahre Haft erlitten hatte und 1939 erneut eingesperrt wurde. Josefs Bruder Fritz kam im KZ Buchenwald-Dora ums Leben. Anna und Josef Pröll engagierten sich nach der Befreiung erneut. In der VVN, parteipolitisch in KPD und später DKP.
Es ist in dieser Familienbiographie sehr viel zusammengekommen: Der Widerstand, die Verfolgung und das Weitermachen derer, die all das überleben konnten. Annas Sohn Josef, 1953 geboren, war bei vielem dann ein Beteiligter und wurde oft auch ein Chronist. Nicht zuletzt als engagierter Dokumentarfilmer.

Der Film »Anna ich hab Angst um dich« kann auf der Webseite http://www.anna-film.de/ bestellt werden.

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