Die Verfemten neu entdeckt

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geschrieben von Ernst Antoni

Eindrucksvolle Ausstellung zum Thema »entartete« Kunst

» ›Entartete‹ Kunst« ist der Haupttitel, der Untertitel heißt »Verfolgung der Moderne im NS-Staat«. Über einige Monate war diese hoch interessante Ausstellung in Bayern zu sehen (sie ist es noch, allerdings, sollte sie nicht verlängert werden, nur bis zum 11. September). Im Kallmann-Museum in Ismaning, einer Gemeinde im Umland von München. 1937 wurde in der damaligen NS-«Hauptstadt der Bewegung« mit der Ausstellung »Entartete Kunst« im Hofgarten als Pendant zur einen Tag vorher im neuen »Haus der Deutschen Kunst« eröffneten ersten »Großen Deutschen Kunstausstellung« das wohl markanteste Signal gesetzt für Künstlerverfolgung und Bildervernichtungs- und -raubaktionen, bald weit über die Grenzen des damaligen »Dritten Reiches« hinaus.
Wobei die faschistischen »Femeschauen« ja nicht mit der Ausstellung in München ihren Anfang genommen hatten. Schon 1933 gab es sie in einigen Städten. »Kunsttempel«, in Mannheim etwa, in Karlsruhe, in Dresden, waren »gesäubert« worden von »Verfallskunst«. Deren Urheber und ihre Werke wurden in »Schandausstellungen« an den Pranger gestellt.

Katalog »‚Entartete‘ Kunst«, hsg. von Gerhard Schneider und Rasmus Kleine, zahlreiche Abbildungen, mit Beiträgen von Rasmus Kleine, Gerhard Schneider, Claudia Schinkmann, Laura Koch/Antonia Latkovic, Hilke Bode/Stephanie Stadler, Michael Rauch und Natascha Mazur. 334 Künstlerbiographien mit Bildbeispielen. 448 Seiten, 24,00 Euro. Bestellungen per Email: info@kallmann-museum.de oder telefonisch unter 089/9612948. – Adresse des Kallmann Museums: 85737 Ismaning, Schloßstr. 3b, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 14:30 bis 17:00 Uhr

Katalog »‚Entartete‘ Kunst«, hsg. von Gerhard Schneider und Rasmus Kleine, zahlreiche Abbildungen, mit Beiträgen von Rasmus Kleine, Gerhard Schneider, Claudia Schinkmann, Laura Koch/Antonia Latkovic, Hilke Bode/Stephanie Stadler, Michael Rauch und Natascha Mazur. 334 Künstlerbiographien mit Bildbeispielen. 448 Seiten, 24,00 Euro. Bestellungen per Email: info@kallmann-museum.de oder telefonisch unter 089/9612948. – Adresse des Kallmann Museums: 85737 Ismaning, Schloßstr. 3b, Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 14:30 bis 17:00 Uhr

»Kulturbolschewistische Bilder« nannte sich eine, eine andere präsentierte angebliche »Regierungskunst 1918-1933«, mit dem NSdAP-Reichsparteitag 1935 in Nürnberg begannen Ausstellungs-Tourneen durchs ganze Land. Und damit verbunden der Ausschluss der gebrandmarkten Künstlerinnen und Künstler aus jeglicher öffentlicher künstlerischer Betätigung – es sei denn, sie versuchten später, sich mit stilistischen oder politischen Wendungen anzupassen. Ab und zu funktionierte das.
Dem umfangreichen Katalogband zur Ausstellung in Ismaning ist zu entnehmen, dass zwischen 1933 und 1941 rund 20 000 Werke von ungefähr 1600 Künstlerinnen und Künstlern aus Museen beschlagnahmt wurden. »Bewusst negativ in Szene gesetzt« wurden ausgewählte Bilder und Objekte, »der Öffentlichkeit vorgeführt und lächerlich gemacht.« Von »NS-Kunst-Propagandisten«, als »entartet« bestimmt, so Rasmus Kleine vom Kallmann-Museum im Katalog, wurde diese Kunst als »krank« und »dem gesunden Volkempfinden« zuwiderlaufend aussortiert. Auch, »weil ihr als Ausdruck einer ‚jüdisch-bolschewistischen Verschwörung‘ ein zunehmender Einfluss auf die Kultur und auf die Menschen zugeschrieben wurde.«
Zu den Diffamierten gehörte auch der spätere Initiator und Namensgeber des 1992 in Ismaning gegründeten rührigen Museums, das öfter mit ungewöhnlichen Ausstellungen überrascht. Der Maler Hans Jürgen Kallmann (1908-1991) ist mit dem Bild einer Hyäne vertreten. Präsentiert werden in Ausstellung und Katalog Gemälde und vor allem Druckgrafiken aus der Sammlung von Gerhard Schneider. In mehr als 30 Jahren hat der Sauerländer Gymnasiallehrer und spätere Kunstantiquar Bilder von in der NS-Zeit verfemten Künstlerinnen und Künstlern zusammengetragen. Nicht zuletzt unter dem Aspekt, auch den bis heute vielfach in »offiziellen« Kunstszenen »namenlos« Gebliebenen Raum zu geben.
»Noch immer scheinen wesentlich Aspekte der Geschichte der ‚entarteten‘ Kunst vielfach unbekannt zu sein,« heißt es im Begleitmaterial, »insbesondere auch hinsichtlich des Umfangs, den die Repression, Diffamierung und Zerstörung von Kunst und Künstlern im ‚Dritten Reich‘ hatten. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass in Zusammenhang mit diesem Thema immer wieder die gleichen großen Künstlernamen aufgerufen werden, etwa Max Beckmann, Otto Dix oder die Künstler des Blauen Reiters und der Brücke. Dabei waren viel mehr Künstler betroffen…«.
Werke von über 400 Künstlerinnen und Künstler sind in Schneiders Sammlung zusammengekommen, darunter auch »große« Namen, vor allem aber solche, die bisher – zumindest in der alten BRD – einem breiten Publikum weniger bekannt waren. Anders zum Teil in der DDR, wo antifaschistisch engagierter Kunst (der »Kunst im Widerstand«, wie etwa ein 1968 erschienener Bildband hieß, in der BRD gab es eine Lizenzausgabe beim VVN-Röderberg-Verlag) und damit partiell auch dem Schaffen von NS-Verfolgten breiterer Raum gewidmet wurde. Dafür stehen unter anderem Künstlernamen wie Hans Grundig, Otto Nagel, Fritz Schulze, Heinz Kiwitz…
Ganz wichtig bei Ausstellung und Katalog deshalb diese Ausweitung: »Weiterhin fand eine Reihe durch die NS-Diktatur Beeinträchtigter Aufnahme, von denen zwar kein Kunstwerk beschlagnahmt wurde, die jedoch bis hin zum Tode unter den Auffassungen bzw. den Machenschaften des Systems gelitten haben. So sind z. B. alle Künstler/innen aufgenommen, die in KZs oder Gefängnissen oder an den Folgen der Haftbedingungen umgekommen sind. Es sei angemerkt, dass nachweislich nicht ihr Künstlertum für die Ermordeten zum Verhängnis wurde – zumindest ist bis heute ein solcher Beleg noch nicht erbracht – sondern ihre ethnische Herkunft (z. B. jüdische Abstammung) ihre politische Orientierung (etwa in Widerstandsgruppen, oft KPD-Mitglieder), ihre abweichende Weltanschauung (eine Religionszugehörigkeit) oder Eugenik (Erbgesundheitslehre, meist in Verbindung mit der Rassenlehre). Stets gaben solche Gründe in der Argumentation für die Verhaftung oder Tötung den Ausschlag.«

 

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