Kunst – Geschichte – Politik

Drucken

geschrieben von Ulrich Schneider

Auf dem Weg zu einer politischen »documenta 14« 2017 in Kassel

Die weltgrößte Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die alle fünf Jahre stattfindende »documenta« in Kassel, wirft ihre Schatten voraus und wird auch für Antifaschisten wieder einmal interessante Objekte bieten. Wie in allen früheren Ausstellungen werden Kritiker sicherlich auch dieses Mal Belanglosigkeiten und Überflüssiges finden. Aber aus der Konzeption und allen bisher bekannten Hinweisen wird deutlich, wie politisch sich die »documenta 14« versteht.
Dazu gehört zuerst ein künstlerischer Brückenschlag von Kassel nach Athen, der anfangs Lokalpolitiker in helle Aufregung versetzte, da man befürchtete, die documenta solle aus Kassel verlegt werden.
Dagegen begründet der künstlerische Leiter Adam Szymczyk diese Verbindung mit der aktuellen politischen und sozialen Situation in Griechenland – einem Land unter der Kontrolle der Troika –, das auch schon im Zweiten Weltkrieg durch italienische und deutsche Okkupation unter fremder Kontrolle stand. Folgerichtig fanden erste Präsentationen des documenta-Konzepts in Athen an historischen Orten statt, die mit der Zeit der faschistischen Besetzung und der Militärjunta in den 60er Jahren verbunden sind.
Ein zweites Signal zur historischen Perspektive sendete Szymczyk, als er schon 2015 vorschlug, die Sammlung der NS-Raubkunst von Cornelius Gurlitt im Kontext der »documenta 14« zu präsentieren. Er verstand dies als Anknüpfung an die erste »documenta«, auf der Arnold Bode als »politische Wiedergutmachung« Werke der Nazi-Präsentation »Entartete Kunst« nun als anerkannte Kunstwerke 1955 in Kassel gezeigt und damit die Tradition der documenta begründet hatte.
Ein weiteres – nicht so öffentliches – Signal ist die Tatsache, dass Adam Szymczyk zusammen mit seinem Kuratoren-Team die Kasseler VVN schon 2015 gebeten hat, mit ihnen einen Stadtrundgang auf den Spuren von Widerstand und Verfolgung durchzuführen. Die intensiven Gespräche und Nachfragen auf diesem Rundgang zeigten, dass sich das Kunst-Team bereits intensiv mit dem historischen Ort und seiner Geschichte auseinandergesetzt hatte. Dieser Rundgang wurde später mit Künstlern der documenta und zukünftigen pädagogischen Betreuern wiederholt, da auch diese ein Interesse an diesem Teil der Kasseler Geschichte hatten.
Schon jetzt ist bekannt, dass sich verschiedene Kunstwerke bewusst mit der Geschichte auseinandersetzen werden. Exemplarisch sei nur auf das Projekt der argentinischen Künstlerin Marta Minujin »Der Parthenon der Bücher« verwiesen. Auf einer Grundfläche von 30 x 70 Metern – der Grundfläche des historischen Parthenon-Tempels auf der Akropolis – soll vor dem Eingang der documenta ein Metallgerüst errichtet werden, das mit bis zu 100.000 Büchern verkleidet werden soll, die in aller Welt gesammelt werden. Das Gemeinsame dieser Bücher ist, dass sie in ihren Ländern nach Jahren des Verbotes oder der Zensur wieder verlegt wurden oder trotz Verbot in anderen Ländern hier zugänglich sind. Die Idee eines solchen Kunstwerkes hatte Minujin schon einmal realisiert, nämlich 1983 in Buenos Aires, als sie 25.000 durch die Militärjunta verbotene und eingelagerte Bücher auf diese Weise präsentierte und anschließend verschenkte.
In Kassel wird diese Installation auf dem Friedrichsplatz gezeigt, wo am 19. Mai 1933 der »Kampfbund für deutsche Kultur« die Bücherverbrennung, die »Aktion wider den undeutschen Geist« inszenierte. Auf diesem Platz fanden auch die so genannten »Reichskriegertage« zur ideologischen Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges statt. Und an diesem Platz befindet sich auch das Fridericianum, die ehemalige Landesbibliothek, die während eines alliierten Bombardements zerstört wurde. Als Folge der faschistischen Kriegspolitik verbrannte damals ein Buchbestand von 350.000 Bänden.
Die Bücher für die Installation von Marta Minujin sollen – beginnend mit der Frankfurter Buchmesse – weltweit gesammelt werden. Eine Projektgruppe an der Universität Kassel wird die eingegangenen Spenden sichten, katalogisieren und auf der documenta-Webseite dokumentieren.
Vor dem Hintergrund einer solch politischen documenta ist es nur folgerichtig, dass während der 100 Tage der »documenta 14« auch die Ausstellung »Antifaschistischer Widerstand in Europa« zu sehen sein wird. Verbunden mit dem Projekt »Bewahrung der Erinnerung – preserving memories« versteht sie sich als antifaschistische Ergänzung im Sinne des künstlerischen Ansatzes der documenta. Parallel zur Ausstellung finden Zeitzeugengespräche, Lesungen, Filmvorführungen und weitere Veranstaltungen statt. Träger der Ausstellung sind die FIR, das »Institut des Vétérans«, die Stadt und der Landkreis Kassel sowie die Volkshochschule.

Schreibe einen Kommentar