Kulmhof – das erste Vernichtungslager

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geschrieben von Jutta Harnisch

Am 8. Dezember 1941 begann die industriemäßige Ermordung der europäischen Juden mit Giftgas

Kulmhof, wie die Nazis den polnischen Ort Chełmno eindeutschend nannten, ist in der öffentlichen Wahrnehmung kaum bekannt und in seiner Bedeutung weithin unterschätzt. Etwa 70 km nordwestlich von Łodz gelegen, war es das erste der sechs großen Vernichtungslager, die die Nazis – alle im besetzten Polen – errichteten. Vor 75 Jahren, am 8. Dezember 1941, begann in Kulmhof die Massentötung der europäischen Juden mit Giftgas.
Als Vernichtungsstätte wurde ab 1. Oktober 1941 ein unbewohntes Gutshaus (»Schloss«) im Dorf Chełmno gepachtet. Das Gelände am Fluss Ner, zu dem ein Park und ein großer Speicher gehörten, wurde mit einem Bretterzaun abgeschirmt und umgebaut. Abgelegen genug, um ungestört morden zu können, war es über Straßen- und Bahnverbindungen gut erreichbar – entscheidend für die Heranführung der Opfer. Im nur wenige Kilometer entfernten Waldstück von Rzuchow wurden die massenhaft anfallenden Leichen verscharrt.

Mitte 1944 wurde Kulmhof kurzzeitig als Vernichtungsort reaktiviert: Das letzte verbliebene jüdische Ghetto im faschistisch besetzten Polen in Łodz sollte »liquidiert« werden. Das Bothmann-Kommando wurde aus Jugoslawien zurückberufen. Um das Waldlager wurde ein Zaun gezogen und zwei Baracken zum Entkleiden aufgestellt, je eine für Männer und Frauen. Zwei Feldkrematorien wurden in Betrieb genommen, zwei Gaswagen trafen ein. Vom 24. Juni bis 15. Juli 1944 wurden noch einmal 7.126 Juden in Kulmhof vergast. Die »restlichen« 68.000 Juden in Łodz wurden im August nach Auschwitz-Birkenau transportiert.

Mitte 1944 wurde Kulmhof kurzzeitig als Vernichtungsort reaktiviert: Das letzte verbliebene jüdische Ghetto im faschistisch besetzten Polen in Łodz sollte »liquidiert« werden. Das Bothmann-Kommando wurde aus Jugoslawien zurückberufen. Um das Waldlager wurde ein Zaun gezogen und zwei Baracken zum Entkleiden aufgestellt, je eine für Männer und Frauen. Zwei Feldkrematorien wurden in Betrieb genommen, zwei Gaswagen trafen ein. Vom 24. Juni bis 15. Juli 1944 wurden noch einmal 7.126 Juden in Kulmhof vergast. Die »restlichen« 68.000 Juden in Łodz wurden im August nach Auschwitz-Birkenau transportiert.

Im Oktober und November 1941 traf das »Sonderkommando Lange« – 15 Angehörige von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst (SD) Posen sowie rund 90 Ordnungspolizisten – ein. Erster Kommandant wurde der einschlägig erfahrene SS-Sturmbannführer Herbert Lange, der bereits ab Dezember 1939 bis Mitte 1940 ein Sonderkommando befehligte, das Insassen pommerscher, ostpreußischer und polnischer psychiatrischer Anstalten in mobilen Gaskammern tötete.
Seit dem 8. Dezember 1941 wurden zunächst Juden aus der Umgebung und dem Ghetto Litzmannstadt (Łodz) zur Vergasung nach Kulmhof gebracht. Auch nach Łodz deportierte deutsche Juden sowie 4.300 aus dem österreichischen Burgenland stammende Roma gehörten dazu.
Im Schloss sagte man ihnen, es gehe zuerst zum Duschen. Sie mussten sich entkleiden und wurden von den Wachen brutal mit Peitschen über einen schmalen Korridor zur Rampe getrieben. An deren Ende standen drei Gaswagen, in die jeweils bis zu 90 Menschen gepfercht wurden. Waren sie voll, schlossen die SS-Leute die Türen, der Motor wurde angelassen und die Abgase ins Innere geleitet. Nach etwa zehn Minuten waren die Menschen tot. Die Motoren liefen gewöhnlich eine Viertelstunde.
Die Gaswagen fuhren ca. vier Kilometer zum »Waldlager«. Ein jüdisches Arbeitskommando musste die Wagen entladen, Goldzähne ausbrechen und nach Wertgegenständen suchen. Die Leichen musste es in riesige, langgestreckte, mehrere Meter tiefe Gruben schichten und die Lkws reinigen, die anschließend zurückfuhren. Ab Sommer 1942 gab es zwei Feldkrematorien, in denen das Arbeitskommando die Leichen gleich verbrennen, die Reste in Knochenmühlen zermahlen und die Asche in den Fluss schütten musste.
Die Nazis waren bemüht, den Massenmord in Kulmhof geheim zu halten. Doch die Bewohner von Chełmno konnten die Lkws sehen, die zwischen Schloss und Wald pendelten, manchmal hörten sie Schreie. Später waren die Feuer zu sehen, und der Geruch breitete sich bis zu 15 km weit aus.
Schon ab Anfang 1942 kursierten im Warschauer Ghetto Augenzeugenberichte. In der kommunistischen Untergrundzeitung »Morgenfrajhajt« wurde am 9. Februar 1942 die Nachricht einer Frau namens Fala veröffentlicht. Sie hatte am 27. Januar 1942 auf einer Postkaste an Verwandte im Warschauer Ghetto geschrieben: »Sie bringen uns nach Kulmhof und vergasen uns. Dort liegen schon 25.000 Juden. Das Gemetzel geht weiter. …«
Nach zwei Wochen Zwangsarbeit als Totengräber im »Waldlager« konnte am 19. Januar 1942 Szlama Ber Winer fliehen. Er erreichte das Warschauer Ghetto und schrieb auf Bitten der Untergrundbewegung sein Wissen über das Todeslager Kulmhof auf. Es ging unter dem Namen Grojanowski-Bericht an Untergrundvertreter der polnischen Exilregierung.
Am 2. Juli 1942 berichtete die New York Times von Tötungen mit mobilen Gaswagen. Am 2. September 1942 berichtete der polnische Exilpolitiker Szmul Zygielbojm in London von der Judenvernichtung.
Seit Anfang 1943 kamen immer weniger Transporte in Chełmno an: Die jüdische Bevölkerung war, mit Ausnahme der »Arbeitsfähigen« im Ghetto in Łodz, weitgehend vernichtet. Das Arbeitskommando musste nun die Leichen ausgraben, verbrennen und die Knochen zermahlen. Am 7. April 1943 sprengte das SS-«Sonderkommando Kulmhof«, seit April 1942 unter dem Kommando von SS-Hauptsturmführer Hans Bothmann, das Schloss und rückte »zur Partisanenbekämpfung« nach Jugoslawien ab. Innerhalb von 16 Monaten hatte es mindestens 145.000 Menschen ermordet.
Es gab nur drei Überlebende des Vernichtungslagers. Ihnen war die Flucht gelungen: Michał (Mordechai) Podchlebnik, Szyman (Shimon) Srebrnik und Mordechai Żurawski. Sie sagten 1945 vor polnischen Richtern aus, im Eichmann-Prozess bzw. bei Claude Lanzmann für seinen Film »Shoah«. Ihre Lebensinterviews werden in Yad Vashem aufbewahrt.

Gedenkstein mit der Aufschrift Pamiętamy (poln. für »wir erinnern uns« bzw. »wir gedenken«)

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