Bestseller mit Ansage

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geschrieben von Thomas Willms

Didier Eribons »Rückkehr nach Reims«

Der im letzten Mai auf Deutsch erschienene autobiographisch-sozialpsychologische Band »Rückkehr nach Reims« des französischen Soziologen Didier Eribon ist angesichts der großen Aufmerksamkeit, die ihm von vornherein wiederfuhr, ein Bestseller mit Ansage. Das hat er auch verdient, beschäftigt er sich doch mit einem der zentralen Probleme der französischen Linken: Wie konnte es soweit kommen, dass die französische Arbeiterklasse und insbesondere die organisierte Anhängerschaft der sozialistischen und kommunistischen Parteien zu großen Teilen zum Front National und damit zum natürlichen Gegner übergelaufen sind? Das Ausmaß der Katastrophe wird insbesondere daran deutlich, dass eherne Bastionen dieser Parteien heute von FN-Bürgermeistern regiert werden, die bei den zentralen Wahlkampfauftritten Le Pens schärpenbehangen das Ehrenauditorium bilden.
Für Eribon ist das keine abstrakte Frage. Es geht ihm um die eigene Familie, insbesondere die Mutter, die er nach dem Tod des Vaters nach langer Zeit aufsucht, um vielleicht doch wieder ein bisschen Zusammenhalt und Verständnis zu gewinnen. Davon gab es nämlich daheim für den 1953 geborenen Mann aus gleich zwei Gründen wenig. Zum einen war er schwul und zum zweiten auch noch milieuuntypisch bildungsbeflissen. Es blieb nur, wie so oft in solchen Fällen, die Flucht in die Großstadt. Dort konnte er immerhin seine Sexualität ausleben, allerdings zu einem hohen Preis. Unterdrückung, Polizeiverfolgung, Überfälle, Nötigungen und die allgemeine Verachtung haben sich Eribon offenbar so tief eingegraben, dass er von der heutigen Liberalität eigentlich gar nichts zu haben scheint. Ihm ist diesbezüglich alles bitter und böse.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, edition suhrkamp, 238 Seiten, 18 Euro

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims, edition suhrkamp, 238 Seiten, 18 Euro

Und doch ist dies nur das kleinere der erlittenen Übel. Noch schlimmer erlebte er die soziale Verachtung für das Kind aus »einfachen Verhältnissen«, das nicht »dazu gehört«. Die soziale Beschämung war so stark, dass sie der jugendliche Eribon weitgehend selbst übernahm und sich von seiner Herkunft rabiat abschnitt. Eine neue Sprache, ein anderes Auftreten und was alles sonst noch zu den »feinen Unterschieden« dazu gehört, suchte er sich bei seinem Aufstieg im akademischen Milieu anzueignen. Talent, Fleiß, das eine oder andere Stipendium und dann auch noch das Glück, mit den größten französischen Geistesheroen, Michel Foucault und Pierre Bourdieu, zusammen zu geraten, führten dazu, dass er jetzt wirklich »dazu« gehören könnte. Der einschlägige Jargon – dauernd müssen sich Leute »selbst konstruieren« statt sich zu entwickeln, anzupassen oder zu verändern, macht die Lektüre dann auch ein bisschen nervig. Aber das kann man verzeihen, weil Eribon grundehrlich, offen und ohne Anspruch auf vollständige Erklärbarkeit schreibt.
Die Leute wählen Eribon zufolge rechts, weil die Linke sie im Stich gelassen hat. Spätestens mit der Präsidentschaft Mitterrands, polemisiert Eribon, hätten sich die meisten linken Intellektuellen und Funktionäre auf die Seite der Macht gestellt und immer ausgefeiltere Begründungen für die weitere Unterdrückung der Armen entwickelt. Diese, ihrer scheinbar natürlichen Repräsentation beraubt, hätten sich mit dem FN eine neue besorgt und in dem Zuge ihr Weltbild transformiert. Aus dem »Arbeiter-Wir« wurde weitgehend ein »Franzosen-Wir«, aus dem »Bourgeois-Die« ein »Ausländer-Die«. Und wo er schon einmal dabei ist, hinterfragt Eribon auch gleich generell das scheinbar natürliche Band zwischen Partei und Klasse und verweist auf den keineswegs nur randständigen Rassismus der französischen Arbeiterparteien seit jeher. Die große Gefahr besteht für Eribon darin, dass die einmal wegen welcher Einzelfrage auch immer getroffene Wahl für den FN, von diesem als Legitimation für das politische Gesamtpaket interpretiert und vertreten werden kann. Aus Protestwählern werden zunehmend faschisierte Überzeugungswähler. Trotzdem scheint Eribon das Hauptproblem in den formaldemokratisch (noch) legitimierten Polit-Eliten zu sehen, die – so sein Vorwurf – »Populismus« als neue Kampfvokabel für sich entdeckt hätten.
Er selbst möchte seiner Klasse die Treue halten, die er doch einmal unbedingt hat verlassen wollen. Auch wenn man nicht allen Argumentationen folgen will, ist »Rückkehr nach Reims« ein selten anrührendes Buch, insbesondere für all jene, die wie Eribon ohne Netz durchs Leben balancieren müssen.

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