Mach weiter so, Alter

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Die Aktionen, Performances und Bilder von Günter Wangerin

Zwölf braune Bänke insgesamt. Nicht gerade die neuesten. Zwar wirken sie noch recht stabil, aber einige Jahrzehnte haben sie, so wie sie aussehen, wohl schon auf dem Buckel. Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts? Könnte vielleicht passen – dafür spräche auch die Frakturschrift auf den Schildern, die mittig an den Lehnen angebracht sind. Auf den deutschsprachigen Schildern zumindest. Die Beschriftungen variieren, es gibt sie in diversen Sprachen und Zeichen. Der Inhalt ist identisch: »Nur für Deutsche ohne Migrationshintergrund«. Wobei die Wortschöpfung »Migrationshintergrund« wesentlich jüngeren Datums ist, wie wir alle wissen. Das rückt diese Bänke wieder in unsere Jetztzeit. Aufgestellt hat das Sitzmöbel-Ensemble mehrere Male in den vergangenen Monaten der Münchner Künstler Günter Wangerin. Das Banken-Arrangement war an unterschiedlichen Orten in der bayerischen Landeshauptstadt zu sehen. Bevorzugt in der Innenstadt, dort, wo viele Leute vorbeikommen. Stets waren die Präsentationen verbunden mit Hinweisen auf das von der Bayerischen Staatsregierung konstruierte und CSU-mehrheitlich im Landtag beschlossene »Integrationsgesetz«. Ein Gesetzeswerk, das dem beinahe zeitgleich auf Bundesebene entstandenen juristischen »Integrations«-Text doch noch einiges voraus hat. »Völkisches« betreffend und Demokratie- und Grundrechte-Abbau. Nicht zuletzt gehören dazu Sanktionsdrohungen, die sich im bayerischen Gesetz nicht allein gegen unwillkommene Ausländer richten. Sondern auch gegen Eingeborene und »Zuagroaste« aus anderen deutschen Binnenländern, sollten diese die eine oder andere im Text aufgeführte »leitkulturelle« Ordnungsvorstellung nicht akzeptieren wollen. Der Künstler Günter Wangerin ist 1945 geboren. Hauptberuflich war er nach Schule und Medizinstudium längere Zeit als Arzt tätig, begann aber bereits Ende der 1960er-Jahre, sich aktiv in bild- und aktionskünstlerischen Umfeldern zu engagieren. Ende der 70er- und in den 80er-Jahren etwa als Mitgestalter jener auf Bertolt Brechts Gedicht »Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy« fußenden Straßeninszenierungen und Polit-Prozessionen, an deren Öffentlichkeitswirksamkeit in der damaligen BRD auch Brecht-Tochter Hanne Hiob als Rezitatorin wichtigen Anteil hatte. Wangerin entwickelt in dieser Zeit kostüm- und maskenbildnerische Fertigkeiten, die bei seinen Kunstaktionen bis heute eine wichtige Rolle spielen. Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir hier über solch eine Aktion berichtet, die da gerade ein gerichtliches Nachspiel gefunden hatte: Günter Wangerin mit selbst gefertigter Gauck-Maske als Präsidenten-Double mit umgehängtem riesigen Eisernen Kreuz beim Bundeswehr-Beförderungsappell vor dem Schloss Nymphenburg in München. Bundeswehr-Feldjäger bringen ihn zu Fall, sistieren ihn höchst unsanft. Das Verfahren gegen den Künstler wird im März 2016 eingestellt. Der künstlerische Auftritt, die Reaktionen darauf, das Medienecho: Der beabsichtigte Protest gegen zunehmende Militärspektakel in öffentlichen Bereichen, damit verbunden gegen Auslands- und geplante Inlandseinsätze deutscher Soldaten, hat zweifellos seine Wirkung gehabt. Auf solche Wirkungen setzt Günter Wangerin in allen Kunst- und Darstellungsformen, derer er sich bedient – ob Grafik oder Montage, Gemälde oder Bildhauerisches, Objekte, Installationen bis hin zur Performance, die einem, wie beim Gauck-Auftritt, auch »Fixierungen durch kontrollierte Nasenhebel« und andere schmerzhafte von »Ordnungskräften« beigebrachte Reaktionen bringen kann. Verständlich, wenn auch schade, dass der Künstler manchmal zu meinen scheint, diese oder jene seiner Botschaften müsse ab und zu auch »per Holzhammer« vermittelt werden. Aber vielleicht sehe ich das ein wenig zu abgehoben… Seine Homepage (https://guenterwangerin.jimdo.com/) hat Wangerin unter das Motto »Kunst in Zeiten der Barbarei« gestellt. Seit geraumer Zeit stellt er auch Zeichnungen und Gemälde aus, wenn sich Ausstellungsmöglichkeiten ergeben. Und er merkt an zu diesen Werken, zu denen auch die hier abgebildete 2013 entstandene »Strandlandschaft« gehört, die das Berliner Reichstagsgebäude (zu Recht) extrem nah an eines der zahllosen Flüchtlingsdramen rückt: »Meine Malweise ist ›konservativ‹. Anders gesagt: mein Stil ist eigentlich überholt, altmodisch, wenn man so will. Das spüre ich an den Reaktionen vor allem junger Betrachter. Manchmal glaube ich eine Spur Mitleid in ihrem Blick zu erkennen, was bedeuten könnte‚ ›der stammt aus einer anderen Zeit‹. Wenn ich nicht engagiert wäre – dass ich es bin, erfüllt sie, die Gleichgesinnten, mit einer gewissen Sympathie – würden sie mich wahrscheinlich gar nicht wahrnehmen. So aber klopfen sie mir auf die Schulter im Sinne von ›Mach weiter so, Alter…‹ Es stört mich nicht…« Ernst Antoni »Daran kann ich mich aus heutiger Sicht nicht mehr erinnern«: Unter diesem Titel ist bis zum 20. April eine Ausstellung mit Skizzen aus dem NSU-Prozess von Günter Wangerin im Münchner »Kulturhaus Milbertshofen«, Curt-Mezger-Platz 1, zu sehen. Vernissage mit einer Einführung von Robert Andreasch von NSU-Watch am Samstag, 11. März, 19 Uhr. Öffnungszeiten 12 – 18 Uhr (außer Montag)

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