Allons enfants de la Patrie

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geschrieben von Gerhard Hoffmann

Günter Pappenheim zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt

Im festlich ausgestatteten Erfurter Konferenzsaal stand auf einem Beistelltisch eine Ziehharmonika, ein älteres Modell der Marke »Senator«. Die Gebrauchsspuren an dem Instrument deuteten auf rege Benutzung – gegenüber saß ein Akkordeonist mit einem anspruchsvollen Akkordeon.
Die Aufmerksamkeit der Gäste aber galt Günter Pappenheim, dem ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers Buchenwald mit der Nummer 22514 sowie dem Botschafter der Französischen Republik in Deutschland, Philippe Etienne. Zu der Zusammenkunft, an der auch Überlebende des KZ Buchenwald sowie der Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, Dominique Durand und weitere Persönlichkeiten teilnahmen, hatte der Präsident des Thüringer Landtages, Christian Carius, eingeladen. Nach seiner Begrüßungsrede erklang, gespielt auf dem Akkordeon, die »Marseillaise«, die französische Hymne. Günter Pappenheim hatte sie als Achtzehnjähriger am französischen Nationalfeiertag 1943 für französische kriegsgefangene Zwangsarbeiter auf seiner schlichten Ziehharmonika gespielt, eben der auf dem Beistelltisch ausgestellten. Von Kollegen denunziert, verhaftete ihn die Gestapo, misshandelte ihn im Gefängnis Suhl, in dem zehn Jahre zuvor sein Vater als Antifaschist grausam gefoltert worden war und wies ihn schließlich mit Schutzhaftbefehl in das KZ Buchenwald ein.
Jetzt ist Günter Pappenheim durch Erlass des Präsidenten der Französischen Republik zum Kommandeur der Ehrenlegion, der ranghöchsten staatlichen Auszeichnung Frankreichs, ernannt worden. Der Botschafter überreichte am denkwürdigen 27. Januar die Insignien, den Orden am Halsband, die Ernennungsurkunde.
In einer emotionalen Rede zeichnete er den Weg des Geehrten zum Antifaschisten und Internationalisten nach.
Im sozialdemokratischen Elternhaus, der Vater war Landtagsabgeordneter und geachteter Kommunalpolitiker, herrschte ein antimilitaristischer und antifaschistischer Geist. Den Vater verhafteten die Nazis 1933, folterten ihn grausam und ermordeten ihn im Januar 1934 bestialisch im KZ Neusustrum. Mittellos sah sich die Mutter mit vier Kindern den Drangsalierungen der Nazis ausgesetzt. Dennoch nahm sie Einfluss darauf, dass sich die Kinder dem Nazieinfluss widersetzten. Rassistischen Anfeindungen ausgeliefert, gehörte die Familie nicht zur so genannten Volksgemeinschaft. Als Schlosser in einer Werkzeugfabrik in Schmalkalden fand Günter Kontakt zu kriegsgefangenen französischen Zwangsarbeitern, die er aus Kameradschaft mit Informationen zur politischen Lage und zum Kriegsverlauf versorgen konnte. Ihnen war die »Marseillaise« zugedacht. Dafür kam er nach Buchenwald ins Kleine Lager. Mitstreiter seines Vaters erkannten ihn. Der Vater sei ermordet worden, er müsse überleben, war das Motiv für die Solidarität, die er in der Folgezeit erfuhr und die nur möglich wurde durch den organisierten politischen Widerstand im Lager.
Günter sprach am 19. April 1945 mit seinen 21.000 Kameraden, die den Lagerterror überlebt hatten, den Schwur von Buchenwald »… Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Eine neue Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel …«
Dieser Schwur, führte Günter in seiner Dankrede aus, sei für sein weiteres Leben stets Kompass gewesen und habe sein antifaschistisches, auf Völkerverständigung und Frieden gerichtetes politisches Wirken bestimmt. Als Vorsitzender der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora, als Erster Vizepräsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos, bei seinen Begegnungen mit jungen Menschen habe er ohne jeden Zweifel im Sinne des Schwurs gehandelt.
In einem Exkurs wies er die infame Beleidigung der 56 000 Toten und der Überlebenden des KZ Buchenwald und aller Opfer des deutschen faschistischen Terrors durch den hessischen Verfassungsschutz zurück, der in einem Konstrukt die Aussage des Schwurs von Buchenwald als die Prinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in Frage stellend bezeichnet hatte.
Abschließend sagte Günter Pappenheim: »Da ich nun diese hohe französische Ehrung erfuhr, möchte ich versichern: Ich bin durch Erleben Internationalist geworden und Internationalismus lässt sich von Antifaschismus nicht trennen, das beweist die Geschichte eindringlich. Dessen eingedenk ist es wichtig, in breiten Bündnissen gegen Terror, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus das Trennende zu überwinden, gesunde Kompromissbereitschaft zu entwickeln, denn Kompromisse besiegen Feindschaft. Antifaschismus ist nichts Antiquiertes, Überlebtes, er muss ohne Einschränkung und Zeitgeist- Erwägungen an jüngere Generationen vermittelt werden – so, wie er gelebt, erlebt wurde. In dieser Überzeugung lebe ich und in dieser Überzeugung möchte ich Sie alle grüßen mit Versen von Johannes R. Becher:
>Friede, Friede sei auf Erden!
Menschen, lasst uns Menschen werden!<«

 

Der Minister der Thüringer Landesregierung und Chef der Staatskanzlei, Benjamin Immanuel Hoff, würdigte mit einer sehr persönlichen Ansprache den Antifaschisten Günter Pappenheim. Die Mitglieder der Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora danken besonders jenen französischen Kameradinnen und Kameraden, die sich engagiert für diese hohe Auszeichnung eingesetzt hatten. In Deutschland war der Antrag zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Günter Pappenheim »vertraulich« ohne Begründung zurückgewiesen worden, weil, wie es hieß, die geforderten Voraussetzungen nicht erfüllt seien.

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