Gelebter Schwur

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geschrieben von Gerhard Hoffmann

Der Befreiungstag in Buchenwald 2017

Viele Menschen waren schon am Morgen des 9. April 2017 auf dem Gelände der Gedenkstätte Buchenwald. Busse aus Berlin, Siegen, Dresden, Essen …, viele Familien, Gruppen, Einzelpersonen wollten den Tag gemeinsam begehen, an dem sich vor zweiundsiebzig Jahren die Häftlinge des Konzentrationslagers selbst befreit hatten.

Die Gedenktafel in Buchenwald am Block 8

Die Gedenktafel in Buchenwald am Block 8

In den Kinosaal der Gedenkstätte hatte die Lagerarbeitsgemeinschaft Buchenwald-Dora (LAG) zum 8. Treffen der Nachkommen eingeladen, das sich dem Thema »Jugendliche und Kinder im KZ Buchenwald« zuwandte. Zum Beginn des Treffens sahen die Teilnehmer emotional stark berührende Fotos von Jugendlichen und Kindern, teilweise von der Gestapo gefertigte erkennungsdienstliche Fotos, auch die »Häftlings-Personal-Karte« des neunjährigen Maurycy Grosberg, der als »Polit.[ischer] Pole-Jude« mit einer Körpergröße von 100 cm und von schwächlicher Gestalt beschrieben wurde. Mahnend endete das DVD-Einspiel mit einem Gegenwartsbezug, der Nennung von Zahlen getöteter und kriegsverletzter Kinder in Afghanistan aus dem Jahr 2016.
Günter Pappenheim, als Jugendlicher selbst Häftling in Buchenwald, ging in seiner Begrüßungsrede auf die hohen moralischen Ansprüche ein, denen sich jene Häftlinge stellten, die sich unter den komplizierten Bedingungen solidarisch um den Schutz der Jugendlichen und Kinder mühten In diesem Sinne begrüßte auch der Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD), Dominique Durand, die Anwesenden. Er umriss die Dimension der Verantwortung, die den Häftlingen nachfolgende Generationen zur Bewahrung des Vermächtnisses des antifaschistischen Kampfes zu tragen haben.
Sabine Stein, Leiterin des Buchenwaldarchivs, referierte faktenreich, wissenschaftlich fundiert und emotional ansprechend zum Thema. Interessiert und hoch konzentriert folgten die Anwesenden ihren Ausführungen.
Vier Weimarer Jugendliche liehen den Zeitzeugen Władysław Kożdoń, Jan Hartmann, Salek Falinower, Pavel Kohn, Michael Urich, Thomas Geve und Robert Büchler ihre Stimme.
Musikalisch begleiteten Thea und Anne Baumbach, Studentinnen der Musikhochschule Franz Liszt Weimar das Treffen.
Doris Zorn, Tochter des ehemaligen politischen Häftlings Otto Dambacher, verlas die Erklärung der Teilnehmer des Treffens, der die Teilnehmer mit Beifall zustimmten. Im Anschluss an das Treffen fand ein stilles Gedenken am Block 8, dem Kinderblock im Hauptlager, statt.
Für den Nachmittag hatte das IKBD zum Gedenken auf dem ehemaligen Appellplatz eingeladen. Im Mittelpunkt der vom stellvertretenden Direktor der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau -Dora, Rikola Gunnar Lüttgenau, eingeleiteten Veranstaltung standen Reden ehemaliger Häftlinge, die als Vertreter ihrer Länder im IKBD wirken. Die Ansprache vom Ehrenpräsidenten des IKBD, Bertrand Herz, musste wegen seiner gesundheitlich bedingten Abwesenheit verlesen werden. Er würdigte besonders »die deutschen Antifaschisten, die als erste ihre Kameraden überzeugten, die Freiheit zu verteidigen.« Das »Europa der Hoffnungen mit all seinen Unzulänglichkeiten« sei nun in die Hände der nächsten Generationen gelegt, die es verbessern und verteidigen müssen.
Èva Pusztai aus Ungarn verwies darauf, dass die Willkür neue Formen angenommen habe und dass der menschlichen Würde ihr Recht zurückgegeben werden müsse. Für Gilberto Salmoni aus Italien war es wichtig, dass der Geist des Schwurs von Buchenwald in der Erinnerung bleibe. Naftali Fürst aus Israel unterstrich, dass nicht geschwiegen werden dürfe, wenn die Welt immer fanatischer werde. Die junge Generation müsse die Botschaft des Friedens weitertragen. In seiner mehrfach von Beifall unterbrochenen Rede stellte Günter Pappenheim fest, dass zweiundsiebzig Jahre nach dem Schwur von Buchenwald das Ziel nicht erreicht sei, die damaligen Forderungen jedoch höchste Aktualität besäßen.
Er sagte: »Den folgenden Generationen kommt die Aufgabe zu, das Mahnen und Gedenken in Buchenwald aufrecht zu erhalten. Das wird nur möglich sein, wenn im solidarischen Miteinander, über alle konfessionellen und weltanschaulichen Grenzen hinweg, jede Möglichkeit genutzt wird, dem dramatischen Wachsen rechtspopulistischer und neofaschistischer Haltungen und Taten konsequent Einhalt zu gebieten […] Dringend notwendig ist, dass den Nachfolgenden staatliche Unterstützung gewährt und die Möglichkeit geschaffen wird, gesamtgesellschaftlich wirksam zu werden.
Antifaschismus ist nichts Antiquiertes, Überlebtes, er muss ohne Einschränkung und ohne den Zeitgeist zu bedienen, an jüngere Generationen vermittelt werden – so, wie er gelebt, erlebt wurde.
Mahnen und Gedenken bedeutet, die Forderungen des Schwurs von Buchenwald in seiner Gesamtheit vor jeder Verfälschung zu bewahren und alles zu unternehmen, dass sie Wirklichkeit werden können. Es gibt am Schwur von Buchenwald nichts zu deuten, von niemandem!« Der ereignisreiche Tag fand mit dem stillen Gedenken am Glockenturm seinen würdigen Abschluss.

Die Zeitzeugen übergaben auf der Gedenkveranstaltung symbolisch ihr Vermächtnis an ihre Nachfolger im IKBD.
Dominique Durand betonte in seiner Rede, dass das antifaschistische Vermächtnis zu bewahren bedeute, sich für Brüderlichkeit und gegenseitigen Respekt einzusetzen sowie für eine bessere Welt zu kämpfen. Die faschistischen, rassistischen und antisemitischen Ideologien gehörten an den Pranger gestellt.

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