Der Zwei-Staaten-Weg

geschrieben von
P.C. Walther

5. September 2013

Diskussion mit Moshe Zuckermann über die Situation in Israel /
Palästina

Sept.-Okt. 2009

Moshe Zuckermann

Sechzig Jahre Israel

Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus

2009, 166 S., 16,90 Euro

Über die Situation in Israel und den Palästinensergebieten fand im Juli in Kassel ein bundesweites Seminar der VVN-BdA statt, das wohl alle Teilnehmer als sehr interessant und lehrreich empfanden. Ein besonderer Gewinn war dabei die Mitwirkung des Soziologie-Professors Moshe Zuckermann aus Israel.

An dieser Stelle sei jedoch erst einmal an die Vorgeschichte des Seminars erinnert: Der israelische Krieg im Gazagebiet hatte den Bundessprecherkreis der VVN-BdA zu dem Aufruf veranlasst: »Schluss mit dem Krieg. Frieden für Palästinenser und Israelis. Die Waffen nieder! Verhandeln statt schießen.« (veröffentlicht in der Januar/Februar-Ausgabe der »antifa«).

Der Gazakrieg und die Stellungnahme dazu waren Auslöser für die Wiederaufnahme einer Diskussion über die Einschätzung des Nahostkonflikts und die Umgehensweise damit. Im Bundesausschuss der VVN-BdA, in dem alle Landes- und Mitgliedsorganisationen vertreten sind, führte die Diskussion zur Formulierung von elf Thesen zum Thema, die als verbandsinternes Material verbreitet wurden. Zum Abschluss der verbandsweiten Diskussion trafen sich dann Mitglieder aus den Landes- und Mitgliedsorganisationen zu dem Seminar in Kassel, um miteinander über die Einschätzung der Situation sowie daraus resultierende Schlussfolgerungen zu diskutieren.

Den über 60 Teilnehmerinnen gelang das recht gut. Vor allem Moshe Zuckermann aus Tel Aviv gab Interessantes und Nachdenkenswertes zu Protokoll. Er äußerte Verständnis für den »neuralgischen« Umgang der Deutschen mit Israel. Für Deutsche gelte Israel als Land der Überlebenden der Shoah sicher als unantastbar. Dabei werde jedoch übersehen, dass Israel und seine Bewohner sehr unterschiedlich seien. Nicht alle Israelis seien Juden und nicht alle Juden Zionisten, unter denen es wiederum diverse Richtungen gebe. In Israel selbst lebten 1,3 Millionen Araber, die meisten von ihnen Moslems oder Christen. Sie würden allerdings als Staatsbürger zweiter Klasse behandelt.

Die Lage in Israel charakterisierte Zuckermann, der sich auch kritisch zum Zionismus und seinen widersprüchlichen Entwicklungen äußerte, mit der Feststellung, dass die Bedrohung der Juden gegenwärtig in Israel größer sei als anderswo. Das sei das Ergebnis israelischer Regierungspolitik. Für eine friedliche Zukunft gebe es heute nur die Zweistaatenlösung. In der gegenwärtigen Situation könne das Beschreiten dieses Weges jedoch zu einem Bürgerkrieg führen, weil Teile der Siedler eine solche Lösung mit Gewalt zu verhindern suchten. Auf die Frage, was dann der Ausweg sein könne, antwortete Zuckermann, dass er trotz dieser Gefahr keinen anderen Weg sähe. Der Weg zur Zweistaatenlösung müsse beherzt und entschlossen beschritten werden, wenn man Frieden und Sicherheit für alle Beteiligten wolle. Auch Israel brauche den Frieden.

In den eingangs erwähnten Stellungnahmen der Gremien der VVN-BdA waren die Kriegspraktiken Israels ebenso kritisiert worden, wie z.B. der Raketenbeschuss von Hamasgebieten auf israelische Wohngebiete. Gefordert wurde der »sofortige Stopp aller militärischen Handlungen« und stattdessen »Verhandlungen über einen Friedensprozess«.

Die Kritik an dieser Mehrheitsposition trug Antonio Perez von der Mainzer VVN-BdA vor. Er bewertete die Erklärung des Sprecherkreises als »einseitig« und blieb auch bei dieser Kritik, nachdem aus der Erklärung Gegenteiliges zitiert wurde. Perez vermisste kritische Beurteilungen der Politik arabischer Staaten, insbesondere Ägyptens, und wollte nicht akzeptieren, dass eine aktuelle Stellungnahme zum Gazakrieg nicht die Gesamtgeschichte des Nahostkonflikts darstellen kann.

Positiv schätzte der Korreferent aus Mainz die Art und Weise des Miteinanderdiskutierens und vor allem das Auftreten Moshe Zuckermanns ein. Ähnlich äußerten sich nahezu alle Teilnehmer. Der Diskussionsprozess dürfte damit zur Schaffung einer gemeinsamen Basis des Miteinanderumgehens und des Eintretens für eine gesicherte friedliche Zukunft aller Menschen in Nahost beigetragen haben.