Ausgabe: Januar/Februar 2026

geschrieben von Nils Becker

2. Januar 2026

Unser Titelbild zeigt eine der Blockaden vom 29. November 2025 in Gießen. Hier kamen Zehntausende Antifaschist:innen zu den Protesten gegen das Gründungstreffen der AfD-Jugendorganisation »Generation Deutschland«. Foto: Widersetzen Presse

Unser Titelbild zeigt eine der Blockaden vom 29. November 2025 in Gießen. Hier kamen Zehntausende Antifaschist:innen zu den Protesten gegen das Gründungstreffen der AfD-Jugendorganisation »Generation Deutschland«. Foto: Widersetzen Presse

Editorial: Bundespräsident Steinmeier hat in seiner Weihnachtsansprache an unsere Vorstellungskraft appelliert: »Stellen sie sich vor, in der Dunkelheit erstrahlt ein Licht«. Wer den Kitsch beiseite schiebt, merkt gleich, dass für das Licht wohl wir selbst sorgen müssen. Denn die Regierung feiert die negativen Superlative und affirmiert eine Krisenwahrnehmung (irgendwas zwischen Altersarmut, Migration und Kriegsbedrohung), die der Einfachwelt der Rechtspopulist*innen und ihren affektgeladen sowie empathielosen Lösungsansätzen zugute kommt.

Aus dem Hause von Innenminister Dobrindt hören wir, dass die Abschiebungen im Jahresvergleich zu 2024 um 20 Prozent erhöht werden konnten. Pro Tag sind das 65 Menschen, davon etwa zehn minderjährig, die gegen ihren Willen außer Landes geschafft wurden. Im Dezember hat die Bundesregierung zudem ein Gesetz erlassen, um noch schneller – nämlich ohne Zustimmung des Bundesrats, Staaten als »sicher« klassifizieren und Asylverfahren regelhaft negativ bescheiden zu können. Ein Regieren durch Rechtsverordnungen – fast so, wie man es dem US-Vorbild vorwirft. Nicht erwähnt wurde, dass Bundeskanzler Merz, der – entgegen der Norm – auch eine eigene Weihnachtsansprache hielt, diese jedoch ausschließlich auf TikTok und nur an die CDU/CSU richtete. Darin drohte er, dass es so weitergeht: »Wir brauchen Geduld und einen langen Atem« – beim Umbau der Staaten hin zu illiberalen Demokratien, möchte man zynisch hinzufügen.

»Dem destruktiven Charakter schwebt kein Bild vor. Er hat wenig Bedürfnisse, und das wäre sein geringstes: zu wissen, was an Stelle des Zerstörten tritt«, schrieb Walter Benjamin 1931, als er die demokratischen Nihilisten seiner Zeit beobachtete, die zwar bereit waren, Feuer zu legen, aber keine Idee davon hatten, mit der Dynamik der Flammen umzugehen. Der Faschismus war kein Betriebsunfall, sondern eine Eskalation im Kontinuum dieser Politik. Auch heute werden wir mehr brauchen als den »Funken Mut«, wie Steinmeier ihn uns wünscht, um Licht im Dunkeln zu machen.

Zeitgeschehen
Wehrpflicht reloaded (Cornelia Kerth)
US-Sicherheitsdoktrin: Kriegserklärung an die Welt (Rojin Kadir)
Interview „Widersetzen“: Widerstand intensivieren (Lou&Marc)
Interview mit AgR: AfD-Erfolge verhindern (Christian Schneider)
Hammerskins: Nazistruktur bleibt aktiv (Janka Kluge)
Medien befördern Vorurteile (Axel Holz)
NSU-Prozess: Bisher unbestraft
Debanking: Ein Angriff auf die Geschäftstätigkeit (Nils Becker)
Meldungen (Ulrich Stuwe)
Netzwerktreffen der Lagergemeinschaften (Maxi Schneider)
BAK K+R: Kirchen gegen extreme Rechte
Interview: Gedenkini Lübeck. Einen neuen Anlauf wagen (Betty Bass)
„Seitenwechsel“: Rechte Buchmesse als Knotenpunkt (Jan Tölva)
Demokalender gut gefüllt (Andreas Siegmund-Schultze)
Archiv: Digitalisierung abgeschlossen (Maxi Schneider)
Leserforum: Nationale Symbole und Nahost (Mathias Wörsching)

Spezial
Gedenkstättenkonzept: Status quo der Erinnerung (Maxi Schneider und Ulrich Schneider)

Portrait
Dompropst Bernhard Lichtenberg: Gewissen gegen Barbarei (Jutta Harnisch)
Bertl Lörcher: Seinem Weg treu (Friedbert Mühldorfer)

Geschichte
Interview zu 100 Jahren Heideruh: Ein Ort, der verbindet (Bea Trampenau)
Roma-Gedenkstätten in Tschechien (Gerald Netzl)
Curiohaus-Prozesse: Symbolische Abrechnung (Russel Kent)

Internationales
75 Jahre FIR (1) (Ulrich Schneider)
Franco und sein Erbe (Carmela Negrete)

Kultur
Mitte-Studie: Seismograf der Stimmung (Axel Holz)
Katharina Höftmann Ciobotaru, Sohrab Shahname: Über den Hass hinweg (Harry Friebel)
Susanne Siegert: Gedenken neu denken (Bernd Hüttner)
Bettina Wilpert: Die bärtige Frau (Peps Gutsche)
Bela Winkens: Brief an die Mutter (Gabi Bauer und Peter Piro)
Vor 90 Jahren: Friedensnobelpreis für Ossietzky (Janka Kluge)
Heinz Jürgen Schneider: Rote Marine (Peter Nowak)
Karl Banghard: Die wahre Geschichte der Germanen (Mathias Wörsching)



Wehrpflicht reloaded

geschrieben von Cornelia Kerth

2. Januar 2026

Erst Fragebogen, dann Zwangsdienst

Am 5. Dezember wurde es im Bundestag beschlossen, im Januar geht es los: Für den ersten Schritt zum »freiwilligen« Wehrdienst ist die Wehrerfassung bereits aktiviert, junge Menschen erhalten zum 18. Geburtstag einen Fragebogen. Frauen können ihn (noch) einfach ignorieren, Männer müssen ihn bei Androhung eines Bußgelds (bis zu 1.000 Euro) ausgefüllt zurückschicken. Wer ankreuzt, dass er kein Interesse am Dienen hat, hat damit seine Pflicht erst mal erfüllt. Stufe zwei tritt allerdings schon ein Jahr später in Kraft: Dann ist für Männer auch die Musterung Pflicht. Ein Schelm, wer dabei an die Debatte über fehlende Voraussetzungen für eine »neue Wehrpflicht« in Struktur und Logistik der Bundeswehr und ihrer Verwaltung denkt, und weiteren »Aufwuchs« kommen sieht, wenn Kapazitäten für Unterbringung und Ausbildung geschaffen sind … Wehrpflicht reloaded weiterlesen »

Kriegserklärung an die Welt

geschrieben von Rojin Kadir

2. Januar 2026

Die neue US-Sicherheitsstrategie

Das nationale Sicherheitspapier der USA ist ein Dokument seiner Zeit – der postfaktischen, neofaschistischen Zeit des neoliberalen AI- und Tech-Kapitalismus. Die reaktionäre Internationale, die Massenmörderkaste konstituiert sich weiter. Das System ist zunehmend beherrscht von Kriegen über regionale Vorherrschaft zwischen alten Hegemonen und denjenigen, die sich einst als Alternative präsentierten, heute aber die Regeln eines autoritären kapitalistischen Systems genauso gut beherrschen. Das Papier liest sich als eine weitere Kriegserklärung an die Welt. Kriegserklärung an die Welt weiterlesen »

Widerstand intensivieren

geschrieben von Interview: Kristin Caspary

2. Januar 2026

Lou und Marc von »Widersetzen« zu den Aktionen in Gießen

antifa: Das bundesweite antifaschistische Bündnis »Widersetzen« hat sich im Jahr 2024 gegründet, um den AfD-Parteitag in Essen zu blockieren. Wie ging es danach weiter?

Lou: Seit Essen konnten wir ein stetiges Wachstum beobachten, sowohl was aktive lokale Gruppen anbelangt als auch die Größe der Aktionen selbst. Bei den Protesten gegen den AfD-Parteitag in Riesa waren wir schon 15.000 Menschen! Nach diesem Erfolg haben wir eine Konferenz ausgerichtet, auf der wir das Ziel formuliert haben, in Gießen den AfD-Jugendkongress zu blockieren. An über 80 Orten gab es daraufhin Veranstaltungen, um über die »Generation Deutschland« (GD) aufzuklären, zu erläutern, warum wir deren Gründung blockieren sollten, und zusätzliche Aktionstrainings. Widerstand intensivieren weiterlesen »

AfD-Erfolge verhindern

geschrieben von Interview: Nils Becker

2. Januar 2026

Christian Schneider von »Aufstehen gegen Rassismus« zum Wahljahr 2026

antifa: 2026 stehen in acht Bundesländern Wahlen bevor. Aktuelle Umfragen sehen die AfD zwischen 20 (Bayern) und 40 Prozent (Sachsen-Anhalt). »Aufstehen gegen Rassismus« (AgR) will in die Wahlkämpfe intervenieren, um die AfD-Ergebnisse zu drücken. Was habt ihr vor?

Christian: Im Gegensatz zu Parteien, die Wahlkampf für ihr Programm und ihr Personal machen, werden wir mit vielen anderen gegen die AfD, ihre Forderungen und ihr Personal arbeiten. Wir werden aufklären, Menschen befähigen, gegen die AfD aktiv zu werden, und auch Bündnisse für die Zeit nach der Wahl schmieden. Letztlich wollen wir die AfD aus den Parlamenten vertreiben und mögliche Fraktionsbildungen, Zählgemeinschaften und was es sonst noch alles Gruseliges auf kommunaler Ebene mit ihnen gibt, verhindern. Allen anderen Parteien muss klar werden, dass die Zusammenarbeit mit der AfD nicht in Frage kommt, auch wenn sie viele Wähler*innen von sich überzeugen kann. Gleichzeitig wollen wir unsere Forderung nach einem AfD-Verbot weiter ins Bewusstsein rücken. AfD-Erfolge verhindern weiterlesen »

Nazistruktur bleibt aktiv

geschrieben von Janka Kluge

2. Januar 2026

Verbot gegen Hammerskins durch Bundesverwaltungsgericht wieder aufgehoben

Am 19. Dezember 2025 hat das Bundesverwaltungsgericht das 2023 ergangene Verbot der neonazistischen »Hammerskins« gekippt. Die Kammer gab als Begründung an, dass trotz Prüfung nicht nachgewiesen werden konnte, dass die 13 Gruppen, analog zu Rockern Chapter genannt, eine deutschlandweite Führung hatten. Nur dann, so das Gericht, kann ein Verein vom Innenministerium verboten werden. Drei Mitglieder der Hammerskins und neun der 13 Chapter hatten gegen das Verbot geklagt. Sie seien zwar Mitglieder der weltweiten Hammerskin-Bewegung, es gebe aber keinen Verein Hammerskin Deutschland, in dem sie Mitglied sind. Damit müssen auch das beschlagnahmte Vermögen und die Immobilie zurückgegeben werden. Nazistruktur bleibt aktiv weiterlesen »

Medien befördern Vorurteile

geschrieben von Axel Holz

2. Januar 2026

Angebliche Häufung: Tatverdächtige mit ausländischer Staatsangehörigkeit

Deutsche Leitmedien berichten deutlich häufiger über Gewaltdelikte von Tatverdächtigen mit ausländischer Staatsangehörigkeit, als es ihrem Anteil in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik entspricht, berichtete jüngst der Mediendienst Integration. Der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger bei Gewaltdelikten liegt bei 34,3 Prozent. Ein Viertel der TV-Berichte benennt die Herkunft von Tatverdächtigen. Jedoch beziehen sich 94,6 Prozent davon auf Tatverdächtige mit ausländischer Staatsangehörigkeit. Bei den Printmedien beziehen sich 90,8 Prozent der Berichte auf nichtdeutsche Tatverdächtige bei Gewaltdelikten. Tatverdächtige mit ausländischer Staatsangehörigkeit sind damit mehr als dreimal so häufig in den Medien vertreten, als es ihrem tatsächlichen Anteil entspricht. Das schürt bestehende Vorurteile gegenüber Migrantinnen und Migranten. Medien befördern Vorurteile weiterlesen »

Bisher unbestraft

geschrieben von (red)

2. Januar 2026

NSU-Prozess gegen Susann Eminger und weiter Kritik der Betroffenen

Vor dem Oberlandesgericht Dresden läuft seit Anfang November 2025 ein weiterer Prozess im NSU-Komplex. Angeklagt ist diesmal Susann Eminger (44), eine langjährige Vertraute der verurteilten Beate Zschäpe. Wie schon ihr Mann André Eminger (bereits zu 2,5 Jahren Haft verurteilt) soll auch sie den NSU beim Leben unter falschen Identitäten unterstützt haben. Dazu zählen das Bereitstellen der eigenen Krankenkassenkarte und Personalien sowie die Beteiligung an der Abholung eines Wohnmobils, das der NSU beim letzten Raubüberfall 2011 nutzte. Laut Anklage wusste Eminger spätestens ab 2007 von den Morden und Überfällen. Bisher unbestraft weiterlesen »

Ein Angriff auf die Geschäftstätigkeit

geschrieben von Nils Becker

2. Januar 2026

GLS-Bank kündigt der Roten Hilfe die Konten

Kurz vor der spendenreichen Zeit wurden mehreren linken Organisationen die Konten von der Genossenschaftsbank GLS Bank gekündigt. Prominent darunter die DKP und die Rote Hilfe. Zusammengenommen Organisationen mit jährlich einer siebenstelligen Euro-Zahl an Spendeneinnahmen und Mitgliedsbeiträgen. Versuche, bei anderen Banken neue Konten zu eröffnen, gestalten sich mehr als schwierig.

Politischen Organisationen die Geschäftsfähigkeit per Bankkonto-Boykott streitig zu machen, hat  in Deutschland eine längere Geschichte. Bisher konnten sich viele dagegen erfolgreich vor Gericht wehren oder zumindest Konten bei Sparkassen erstreiten – die als Anstalten öffentlichen Rechts noch mal anders an Grundrechte und Gleichheitssatz gebunden sind. Aufsehen erregte schon 1986 der Sieg der MLPD gegen die Deutsche Bank, die noch bis mindestens 2017 Konten der Partei halten musste. Das multipolar-Magazin listet fortlaufend Fälle der letzten Jahrzehnte auf. Politisch aktive Einzelpersonen, Journalist*innen, Organisationen, aber auch Presseorgane, Freie Radios oder Nachrichtenportale wie israel heute sind darunter. Gegen manche gibt es EU-Sanktionen, wie gegen den Journalisten Hüseyin Doğru, dessen Bankkonten aufgrund einer Weisung der Bundesbank eingefroren wurden. Ein Angriff auf die Geschäftstätigkeit weiterlesen »

Meldungen

geschrieben von Ulrich Stuwe

2. Januar 2026

Rechte Medienkampagne

Das rechte Internetportal Apollo News führt seit Mitte Oktober zusammen mit anderen Medien eine Kampagne gegen Kira Ayyadi von der Amadeu Antonio Stiftung. Ayyadi hatte bei einer Veranstaltung der Linken Treptow-Köpenick, in diesem Bezirk sitzt auch Apollo News, gesagt, dass das Portal zu einem Netzwerk rechts-alternativer Medien gehöre und immer wieder irreführende und unzutreffende Aussagen treffe, die den Anspruch seriöser Berichterstattung untergrabe. Daraus haben rechte bis extrem rechte Medien eine Kampagne gesponnen, die von einer »Rhetorik der offenen Gewalt« und dem »Angriff auf die Pressefreiheit« faseln. Neben Apollo News haben sich Nius, Compact, Berliner Zeitung und AfD daran beteiligt.

Nazinetzwerk in Kroatien

Ein in Kroatien aktives Netzwerk um den Leipziger Reinhard Rade sorgt auf der Insel Šipan für wachsende Proteste. Standard-Recherchen zufolge wurden systematisch Immobilien aufgekauft, um Rückzugsräume für rechte Akteure aus Deutschland zu schaffen. Lokale Bewohner berichten von Abschottung, fehlender Transparenz und zunehmendem Misstrauen gegenüber dem Netzwerk des rechten Geschäftsmanns. Meldungen weiterlesen »

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