Neue Staaten, neue Geschichte

geschrieben von Bernd Hüttner

3. November 2026

Gedenkstättenbeiträge zu Nationalismus und Opferkonkurrenz in Osteuropa

Nach 1989 gründeten sich in Osteuropa, teils nach blutigen Kriegen, postkommunistische Staaten – etwa auf den Gebieten Jugoslawiens, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion. Mit ihnen wandelte sich auch der Blick auf die Vergangenheit grundlegend. Diesem Wandel widmet sich die sechste Ausgabe der jährlich von verschiedenen Gedenkstätten herausgegebenen Reihe »Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung«: »Geschichtspolitische Umbrüche im postsozialistischen Europa. Auswirkungen auf die Erinnerungskultur«.

Das Heft enthält zwölf Beiträge, davon zwei in englischer Sprache. Es beginnt mit einem Überblick über die von Nationalisierung, Geschichtsumdeutung und Opferkonkurrenz geprägte Entwicklung der Erinnerungskulturen im postsozialistischen Europa nach 1990: Ljiljana Radonić schildert – auch anhand verschiedener Museen – die Veränderungen, denen diese vonseiten unterschiedlicher Akteur*innen ausgesetzt sind. Zum einen müssen Ansprüche erfüllt werden, die etwa durch den Beitritt zur EU und damit zum Raum einer imaginären »gemeinsamen, europäischen Erinnerung« entstehen; zum anderen gedeihen Nationalismus und das Verschweigen von Kollaboration. Ähnliches berichtet die bekannte Osteuropahistorikerin Katja Makhotina in ihrem ebenfalls sehr lesenswerten Beitrag über Russland, Belarus und die drei baltischen Staaten. Eva Hasel befasst sich mit Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina. Neue Staaten, neue Geschichte weiterlesen »

Gegen Räte und Nazis

geschrieben von Peter Nowak

3. November 2026

Willi Buisson: Über einen rechten Sozialdemokraten, den die Nazis ermordeten

Ein unbekanntes Opfer des NS-Terrors ist Willi Buisson nicht. »Der 1. Senat des ›Volksgerichtshofs‹ verurteilt ihn am 26. April 1940 wegen ›Landesverrats und Vorbereitung zum Hochverrat‹ zum Tode. Willi Buisson wird am 6. September 1940 im Strafgefängnis Plötzensee ermordet«, heißt es im Totenbuch der Gedenkstätte Plötzensee. Dem Historiker und Politikwissenschaftler Rüdiger Zimmermann gelingt es, Buisson in seiner Biografie auch für Leser*innen interessant zu machen, die bisher wenig von ihm gehört haben.

Im ersten Kapitel widmet sich Zimmermann unter der Überschrift »Familiengeschichte Buisson« den Vorfahr*innen bis zurück zur Badischen Revolu-tion von 1848. Sogar eine Ahnentafel findet sich in dem Buch. Doch Willi Buisson, 1892 im badischen Emmendingen geboren, verlegte seinen Lebensmittelpunkt bald nach München. Dort politisierte er sich an der Seite des bayerischen SPD-Politikers Erhard Auer. Wie Auer vertrat auch Buisson im Ersten Weltkrieg unkritisch die Politik des Burgfriedens mit den herrschenden Kreisen Deutschlands. Gegen Räte und Nazis weiterlesen »

Der Weg zur Macht

geschrieben von Harry Friebel

3. November 2026

Sybille Steinbacher über Hitlers Aufstieg und das Versagen der Weimarer Justiz

Sybille Steinbacher, Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt am Main, zeichnet in ihrem Buch »Hitler« nach, wie die wahnhafte (Selbst-)Ermächtigung Hitlers und die (Selbst-)Zerstörung der Weimarer Republik historisch zusammenfielen.

1913 zog es den Österreicher Adolf Hitler von Wien nach München. Bei Kriegsbeginn 1914 meldete er sich dort freiwillig zur bayerischen Armee. Für den Vielvölkerstaat Österreich, so Steinbacher, wäre er niemals in den Krieg gezogen – für Deutschland aber wollte der vom Germanenkult und der Musik Richard Wagners beseelte junge Mann kämpfen. Dabei hätten die bayerischen Militärbehörden einen Österreicher gar nicht als Soldaten aufnehmen dürfen. Im Ersten Weltkrieg erhielt Hitler das Eiserne Kreuz Erster Klasse. Der Weg zur Macht weiterlesen »

Alpha-Allianzen

geschrieben von Peps Gutsche

3. November 2026

Julia Ebner zeigt, wie Gewalt und Dominanz zum Männlichkeitsideal werden

Julia Ebner ist eine Vorreiterin in der Auseinandersetzung mit digitalisierten Formen von Gewalt. Als Co-Geschäftsführerin des Institute for Strategic Dialogue beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit Verschwörungserzählungen und Hate Speech im Netz. In ihrem neuen Buch widmet sich die Wissenschaftlerin gewalttätigen und autoritären Männlichkeitsbildern und der Frage, warum diese weltweit so erfolgreich sind. Alpha-Allianzen weiterlesen »

Der falsche Feind

geschrieben von Janka Kluge

3. November 2026

Sammelband vom »Budapest-Komplex« bis zur »Neuen Rechten«

Martin Schirdewan, Mitglied der Linken im EU-Parlament und der VVN-BdA, ist Herausgeber des kleinen Bandes »Der falsche Feind: Antifaschismus«. Die Texte reichen von sehr guten Analysen über die aktuellen faschistischen Bestrebungen bis zu Texten von inhaftierten Antifaschist*innen, die vom sogenannten Budapest-Komplex betroffen sind. Der falsche Feind weiterlesen »

Zuflucht in den Cevennen

geschrieben von Ulrich Schneider

3. November 2026

Annelie Buntenbach über deutsche Antifaschist*innen im französischen Widerstand

Manche erinnern sich an Annelie Buntenbach, ehemals Bundestagsabgeordnete für die Grünen und Mitglied des DGB-Bundesvorstandes. Schon damals überzeugte sie mit einer klaren antifaschistischen Haltung. Jetzt, im beruflichen Ruhestand, fand sie Zeit, sich intensiver mit einem Thema zu beschäftigen, das sie bereits viele Jahre verfolgt: dem antifaschistischen Widerstand in den Cevennen.

Die Cevennen, ein armer Landstrich im Süden Frankreichs, gehörten in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs zum unbesetzten Frankreich. Das bedeutete nicht, dass die deutschen Besatzer dort nichts zu sagen hatten, aber die Möglichkeiten gegenüber den Kollaborateuren des Vichy-Regimes waren deutlich günstiger als in den von Deutschen kontrollierten Gebieten. Daher fand in dieser Region während des Krieges eine große Zahl von Flüchtlingen Zuflucht. Manche von ihnen wollten sich der Besatzungsmacht entziehen, andere waren auf dem Weg nach Marseille, wo sie sich Möglichkeiten zur Ausreise erhofften. Unter den Flüchtlingen waren nicht nur politisch Verfolgte, sondern auch zahlreiche Jüdinnen und Juden. Zuflucht in den Cevennen weiterlesen »

Vorspiel zur Machtübertragung

geschrieben von Axel Holz

3. November 2026

Philipp Ruch über den Wahlerfolg der NSDAP im September 1930

Am 14. September 1930 erzielt die NSDAP bei der Reichstagswahl einen erdrutschartigen Durchbruch. Der einstigen rassistischen Splitterpartei gelingt es, ihre Stimmenzahl gegenüber 1928 zu versiebenfachen – ihr Anteil steigt von 2,6 auf 18,3 Prozent – und damit die politische Landschaft nachhaltig zu verändern. Die Weimarer Republik wird nicht durch einen Putsch wie 1923 gelähmt, sondern durch den Vormarsch militanter Nazis in Form von 107 Reichstagsabgeordneten der NSDAP. Diese machen das Parlament unregierbar und verlagern die Macht in die Hinterzimmer, wo sie schließlich auch Hitler übergeben wird. In seinem Buch »Der Rückfall« fragt Philipp Ruch, wie eine dysfunktionale, geächtete und unbeliebte Partei in so kurzer Zeit so erfolgreich werden konnte. Dabei stellt er auch gängige Auffassungen zum Aufstieg der NSDAP in Frage, etwa die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und die rhetorische Überzeugungskraft Hitlers. Beides hält Ruch zufolge einer Prüfung nicht stand, weil die Weltwirtschaftskrise bis 1930 nur einen geringen, einstelligen Rückgang der Wirtschaftskraft bewirkt habe. Der wirtschaftliche Einbruch folgte erst später. Auch könnten 24 Reden Hitlers im Vorfeld der Wahl kaum über 6,3 Millionen Wähler mobilisiert haben. Vorspiel zur Machtübertragung weiterlesen »

Der Schoß ist fruchtbar noch

geschrieben von Bernd Kant

3. November 2026

Kurt Pätzolds Sammlung marxistischer Faschismusanalysen von 1922 bis 1964

Die Literatur, die sich mit dem Faschismusbegriff beschäftigt, ist zahlreich. Einzelne jüngere Autorinnen und Autoren versuchen sich an einer »Neudefinition«, andere reproduzieren die große Zahl theoretischer Ansätze mit eigenen Worten. Angesichts der politischen Rechtsentwicklung sowie des Aufschwungs der extremen Rechten in verschiedenen europäischen Ländern und international ist dieses Interesse in jeder Hinsicht nachvollziehbar.

Schwierig wird es immer dann, wenn Autorinnen und Autoren – mit dem gut gemeinten Anspruch, innovativ zu sein – Phänomene der Erscheinungsebene zur Grundlage »neuer« Theorien machen. Das trägt weniger zur inhaltlichen Klärung als zur Verwirrung bei. Der Schoß ist fruchtbar noch weiterlesen »

Theorie ihrer Zeit

geschrieben von Christian Meyer

3. November 2026

Orientierung im Dickicht der Faschismustheorien

Der Sammelband »Was war Faschismustheorie?« unterscheidet sich von anderen Publikationen, die sich dem Thema Faschismus widmen und in den letzten Jahren die Sachbuchregale und Feuilletonseiten beleben. Die literaturwissenschaftliche und theoriegeschichtliche Herangehensweise wirkt auf den ersten Blick für thematisch interessierte, aber fachfremde Leser_innen ungewöhnlich, zumal der Band weniger auf »Evergreens« als auf »randständige Perspektiven« (S. 12) setzt. Manche Zugänge sind nischig bis esoterisch: Surrealismus, tropischer Faschismus, Roland Barthesʼ Sprachphilosophie oder die jüngst verstorbene bildende Künstlerin Henrike Naumann. Theorie ihrer Zeit weiterlesen »

Ausgabe September/Oktober 2026

4. September 2026

Unser Titelbild zeigt zwei Kampagnen, ein Auftrag der Überlebenden: »nonpd« 2007 und »AfD-Verbot jetzt« heute. Was damals selbstverständlich war, gilt dem Finanzamt jetzt als »unzulässige politische Betätigung«. Fotos: privat und christian-ditsch.de.

Unser Titelbild zeigt zwei Kampagnen, ein Auftrag der Überlebenden: »nonpd« 2007 und »AfD-Verbot jetzt« heute. Was damals selbstverständlich war, gilt dem Finanzamt jetzt als »unzulässige politische Betätigung«. Fotos: privat und christian-ditsch.de. Fotos: privat und christian-ditsch.de

Wer kennt sie nicht, die fünf oder zehn Dinge, die JETZT zu tun sind, um die Machtambitionen der AfD zu durchkreuzen. Systematische Herangehensweisen an das Faschismusproblem und das Rechtsdriften der Gesellschaft gibt es seit hundert Jahren. Was heute »Checklisten für demokratisches Handeln« oder »Tipps & Trix für Antifas« sind, gab es auch schon in den 1930er-Jahren. So breitete Carlo Mierendorff (SPD) in der Broschüre »Grundlagen und Formen politischer Propaganda« (Reichsbanner Magdeburg, 1932) eine kluge kommunikative Strategie für NSDAP-Gegner*innen aus, die erstaunlich stark dem gleicht, was heute gegen die AfD versucht wird: Ihre Lügen entlarven, die Verbindungen aufzeigen, die Gefahren für den eigenen Alltag herausstellen, die Verhinderungstaktiken auf Eignung prüfen und zum Schluss die Einheitsfront fordern. Solche Schriften erschienen vor der Machtübergabe an Hitler 1933 in hoher Auflage und erreichten auch die Massenbasis der Arbeiter*innenbewegung. Interessante Parallelen zeigen sich auch bei kurzfristigen Mobilisierungserfolgen, die durch Veröffentlichungen wie die von Correctiv Anfang 2024 ausgelöst werden. Auch 1931 gab es so was. Wilhelm Leuschner, damaliger hessischer Innenminister, veröffentlichte die NSDAP-internen »Boxheimer Dokumente«. Darin fanden sich Pläne der NSDAP für eine gewaltsame Machtübernahme. Der Aufschrei war – ähnlich wie nach Bekanntwerden der »Remigrations«-Pläne der AfD 2024 – riesig. Doch das Reichsjustizministerium lehnte eine Verfolgung ab, denn die Umsturzpläne wären nur als Reaktion auf einen drohenden kommunistischen Umsturz zu werten. Ähnlich wie heute lief es mit der Möglichkeit, die NSDAP zu verbieten. Seit ihrer Neugründung 1925 verfolgte die NSDAP einen Legalitätskurs, um sich ungestört aufbauen zu können, ohne ständig mit Repression überzogen zu werden. 1930 unternahm das preußische Innenministerium auf Grundlage eines 97-seitigen Gutachtens erneut einen Verbotsversuch. Kanzler Brüning lehnte aber ab, da man die NSDAP politisch stellen und »entzaubern« wolle. Geschichte mag sich nicht wiederholen, aber ähnliche historische Fehler werden auch heute gemacht. Die Gegenaktivitäten gegen faschistische Parteien erreichen heute wie damals nicht die notwendige Breite und Durchschlagskraft und verpuffen in den undurchsichtigen Machtdynamiken. Trotzdem dran bleiben. Nils Becker

Zeitgeschehen

Angriff auf die VVN-BdA (Cornelia Kerth)
Artgemeinschaft: Verboten, aber nicht weg (Andreas Siegmund-Schulze)
Sparen fürs Militär (Kristin Caspary)
Im rechten Strom – Umgang mit rechten Streamern (Markus Roth)
CSD-Anschlag im Kontext (Nils Becker)
NSU-Prozesse: Wie Naziterror funktioniert (Interview mit NSU-Watch)
35 Jahre Hoyerswerda: Den eigenen Blick ändern (Interview mit Kulturfabrik Hoyerswerda)
Meldungen 
AfD-NRW: Aufmarsch im Verborgenen (Hartmut-Meyer-Archiv)
Das Ungarn-Verfahren (Interview mit Soligruppe Düsseldorf und NRW
Nachruf Reinhard Strecker (Peter Nowak)
Archiv: Recherche unerwünscht 1961 (Ulrich Schneider)
Leserforum: Zur Ausstellung „Was wussten die Deutschen“ (Janka Kluge)
FIR Jubiläum: Vision nach 75 Jahren

Spezial

Armee der Solidarität – 1936 in Spanien (Werner Abel)
Mallorcas vergessene Frauen (Carmela Negrete)

Portrait
Vom Ruhrpott nach Amsterdam (Eva Petermann)

Internationales

Anti-Antifa-Konferenz in Washington
250 Jahre USA (FIR Stellungnahme)
25 Jahre danach: Was von 9/11 bleibt (André Wartmann)

Geschichte

Erinnerungsarbeit in den Niederlanden (Gerald Netzl)
Stalag 326: Sechs Jahrzehnte Erinnern (Bernd Hüttner)
Sandvoß „Schutztruppe der Republik“ (Peter Nowak)

Kultur

Hindenburg Ehrungen: Kann das mal weg? (Christian Viefhaus)
Rezension „Jüdischer Alltagswiderstand“ (Bernd Kant)
Kulturpolitik der Neuen Rechten (Lisa Mangold)
Pia Lamberty: Kraft statt Kapitulation (Peps Gutsche)
Trumps Welt: Momentaufnahme im Sumpf (André Wartmann)
Mythos »Stauffenberg-Attentat« (Janka Kluge)
Kommunist und Gerechter: Bernd Heyl über Wilhelm Hammanns (Ulrich Schneider)
Schattenarmee vor 1947: Kooperieren statt bekriegen (Stefan Dietl)
Filmbesprechung: „Staatsschutz“ (Axel Holz)

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