100 Jahre – 95 Jahre – 80 Jahre

geschrieben von Ulrich Schneider

5. Dezember 2018

Der 9. November als Datum deutscher Geschichte – Von Ulrich Schneider

Der 9. November wird gemeinhin als das deutsche Geschichtsdatum bezeichnet. Zumeist wird zu den Daten 1918, 1923 und 1938 noch das Jahr 1989 ergänzt und die Zufälligkeit der Datengleichheit dieser Jubiläen betont. Dabei besitzen die drei erstgenannten Daten durchaus einen unmittelbaren inneren Zusammenhang. Das sollte aus antifaschistischer Perspektive nicht aus dem Blick verloren werden.

Das zentrale Datum in diesem Jahr ist sicherlich der 100. Jahrestag der Novemberrevolution. An diesem Tag wurde offiziell der Rücktritt von Kaiser Wilhelm II bekannt gegeben und Philipp Scheidemann als Vertreter der Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) proklamierte die »deutsche Republik«, während wenige Stunden später Karl Liebknecht als Vertreter des Spartakusbundes die »freie sozialistische Republik Deutschland« verkündete. Grundlage für beide Erklärungen war das politische Machtvakuum, das durch den Aufstand der Kieler Matrosen am 4. November und den Beginn der politischen Erhebungen durch bewaffnete Arbeiter- und Soldatenräte geschaffen wurde. Die Ausrufung zweier unterschiedlicher Republikformen, die sich im Sinne der MSPD als parlamentarische Staatsform und im Sinne der USPD bzw. des Spartakusbundes als Rätedemokratie verstand, machte deutlich, dass selbst die Vertreter der politischen Linken von der Dynamik der revolutionären Entwicklung überrascht wurden. 100 Jahre – 95 Jahre – 80 Jahre weiterlesen »

Wenn der Geheimdienst warnt

geschrieben von Ernst Antoni

5. Dezember 2018

Die besonders wichtig erscheinende Information fand im ausklingenden Oktober bundesweit Eingang in nicht wenige Medien-Nachrichten. Öffentlich-rechtliche wie private. Es ging, wie derzeit nicht selten, wieder einmal um den Hambacher Forst, um die Auseinandersetzungen von Umweltschützern mit dem RWE-Konzern in Sachen Baumabholzung und Braunkohleabbau. Und um versuchte Hausbesetzungen, nachdem die Baumhäuser der Aktivisten von der Polizei mit nicht gerade sanften Mitteln sämtlich abgeräumt worden waren, dem Wald aber vorerst eine Gnadenfrist gewährt wurde.

Nein, hier in dieser antifa-Ausgabe wollen wir uns nicht detaillierter mit all den diskussionswürdigen Fragen befassen, die mit den Braunkohle-Kontroversen und den Argumenten dazu sicherlich auch verbunden sind – den ökologischen und klimapolitischen ebenso wie jenen, in denen es um die Sicherung von Arbeitsplätzen und Existenzen in den betroffenen Regionen geht. Dafür gibt es Foren, die für solche Themenfelder nun wirklich zuständiger sind. Wenn der Geheimdienst warnt weiterlesen »

Arbeiterdichter und Revolutionär

geschrieben von Dirk Krüger

5. Dezember 2018

Werner Möller wurde in den Januarkämpfen 1919 ermordet

Vom 4. bis 13. Januar 1919 tobten die unter der Bezeichnung »Januarkämpfe« in die Geschichte eingegangenen Arbeiterkämpfe in Berlin.

Am 5. Januar kam es zu einer Massendemonstration zum Polizeipräsidium. Es erging die Losung: 6. Januar: Kampf für den Sturz der Regierung Ebert-Scheidemann und zur Eroberung der »Macht des revolutionären Proletariats«. Am Abend und in der Nacht des 5. Januar besetzten Arbeiter und Soldaten verschiedene Gebäude im Berliner Zeitungsviertel. Der »Vorwärts« erschien unter neuer Redaktion vom 6. bis zum 11. Januar als »Organ der revolutionären Arbeiterschaft Groß-Berlins«.

Einer ihrer führenden Köpfe war der am 6. Februar 1888 in der damals noch selbständigen Stadt Barmen (heute Wuppertal) geborene Werner Möller. Arbeiterdichter und Revolutionär weiterlesen »

Erklärung der FIR zur Europa-Wahl

2. Dezember 2018

Im Mai 2019 finden die nächsten Wahlen zum Europäischen Parlament statt.

Für die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten, ihre Mitgliedsverbände in fast allen europäischen Ländern und Israel sowie für die Veteranen des antifaschistischen Kampfes und für die Antifaschisten heutiger Generationen sind diese Wahlen aus mehreren Gründen von großer Bedeutung:

In den letzten Jahren mussten wir oft schmerzhaft erleben, dass die gegenwärtige Politik und Entwicklung der Europäischen Union nicht den Interessen großer Teile der Menschen in den europäischen Ländern entspricht. Insbesondere die Reaktion auf die Flüchtlingssituation und die finanzpolitische Knebelung einzelner Staaten haben die soziale Spaltung in Europa vertieft. Zahlreiche Entscheidungen führen zu massiver sozialer Ausgrenzung und Abbau von Rechten der Beschäftigten, gehen zu Lasten der Schwächsten der jeweiligen Länder.

Zeitgleich wird die Abschottung der »Festung Europa« massiv verstärkt und der Aufbau einer europäischen Militärmacht für internationale Einsätze vorangetrieben.

Dagegen müssen auch im Europäischen Parlament die Stimmen gestärkt werden, die sich für eine demokratische, friedensorientierte, solidarische und sozial gerechte Entwicklung Europas einsetzen.

Außerdem erleben wir in zahlreichen europäischen Ländern einen deutlichen Vormarsch offen rassistischer, nationalistischer und extrem rechter Parteien und Gruppen. Sie sind nicht nur in nationalen Parlamenten stark vertreten, sondern mittlerweile in mehreren Staaten an der Regierung beteiligt und setzen dort ihre antidemokratische und rassistische Politik in Regierungshandeln um.

Die antifaschistischen, antirassistischen und friedensbewegten Organisationen und Gruppen sowie Gewerkschaften, soziale und gesellschaftliche Bewegungen müssen ihre Kräfte bündeln, um solchen Entwicklungen im Wahlkampf und später im Europäischen Parlament engagiert und erfolgreich entgegenzutreten.

Die Grundlage dieses Handelns ist kein Wahlaufruf für eine Partei, sondern das gemeinsame Eintreten für ein Europa,

• das jeder Form der rassistischen Diskriminierung oder der Fremdenfeindlichkeit entgegentritt,

• das für vergleichbare Lebensbedingungen in allen Ländern eintritt, um erzwungene Arbeitsmigration aus den Notwendigkeit der Lebensbedingungen zu verhindern,

• das sich für Flüchtlinge und Minderheiten einsetzt und allen eine menschenwürdige Behandlung garantiert,

• das gegen jede Form von Nationalismus und separatistischen Bestrebungen eintritt und kulturellen Eigenheiten von Minderheiten und Regionen in Europa schützt,

• das sich gegen jegliche Form von Holocaustleugnung, Verfälschung des Widerstandskampfes, Zerstörung von Gedenkorten, Geschichtsrevisionismus und Rehabilitierung von SS-Verbrechern einsetzt,

• das eine soziale Politik gewährleistet, durch die allen Menschen Arbeit, Bildung, Ernährung und eine angemessene Wohnung garantiert wird als Basis für eine wirkliche Demokratie,

•  das eine Gemeinschaft im Interesse der Menschen darstellt und deutlich macht, dass Europa nicht auf die Herrschaft von Großbanken und Wirtschaftslobbyisten reduziert werden darf,

• das für eine Friedenspolitik eintritt, die nicht auf hegemonialer Dominanz in der Außenpolitik, sondern auf nichtmilitärischer Konfliktlösung beruht.

Ein solches Europa ist möglich, wenn sich die Völker aktiv und vernehmbar für ihre Interessen einsetzen.  Die FIR wird ihren Beitrag dazu leisten, damit die unterschiedlichen politischen Bewegungen und Kräfte gemeinsam auf diesem Weg vorankommen. Ebenso wie die nationalen Mitgliedsverbände sich in ihren Ländern für gesellschaftliche Bündnisse gegen Rechtsentwicklung und für die Verteidigung der antifaschistischen Grundlagen einer Gesellschaft einsetzen, so arbeitet die FIR auf internationaler Ebene auf eine Vernetzung bestehender Initiativen und Bewegungen hin, um gemeinsam als politische Stimme in Europa gehört zu werden.

 

Himmler beim Denken zuhören

geschrieben von Thomas Willms

2. Dezember 2018

Rhetorischer Selbstmord in den »Posener Reden«

Ein Tag mit Kopfschmerzen ist nicht der beste, sich eine Rede von Heinrich Himmler anzuhören. Aber es war nun einmal der 4. Oktober, der 75. Jahrestag seiner berüchtigten »Posener Rede« vor dem Führungskorps der SS. Während sich der Rest der S-Bahn-Reisenden hoffentlich fröhlicheren Themen zuwandte, hatte ich ein Bild des Reichsführers auf dem Smartphone und lauschte seinen Worten. Die kürzliche Verfügbarmachung auf youtube (von wem auch immer) in einer Länge von 1h 42 min ist eine Aufbereitung, nämlich ein Zusammenschnitt mit einer zweiten, am 6. Oktober vor Gauleitern und anderen Granden des Reiches gehaltenen Rede. Man kann sich auf dieses Dokument verhältnismäßig gut einlassen, weil Himmler der rhetorisch zurückhaltendste aller Nazi-Größen gewesen ist. Was in diesem Zusammenschnitt fehlt – was aber in einem anderen Video schnell verfügbar ist – ist die 1 min 38 sec. lange Passage, die seit dem Internationalen Militärtribunal, bei dem die Abschrift der Rede Beweismittel war, jeder kennt oder kennen kann: das ausgesprochene Bekenntnis zum Massenmord an den Juden Europas. Dies sei »zweifellos« das »Kernelement« dieser Rede, heißt es in einer heutigen Einleitung zum Text. Himmler beim Denken zuhören weiterlesen »

Wie hältst du´s mit der DDR?

geschrieben von Regina Girod

2. Dezember 2018

Neue deutsche »Geschichtsaufarbeitung« und ihre Folgen

Die offiziellen Feiern zum »Tag der der Deutschen Einheit« wurden in diesem Jahr von teils nachdenklichen, teils verständnislosen Reflexionen über Denk- und Verhaltensweisen in Ostdeutschland begleitet, die westlichen Kommentatoren bis heute fremd erscheinen. »Im Zeichen des erstarkenden Populismus ist 28 Jahre nach dem Vollzug der Wiedervereinigung die Kluft zwischen Ost und Welt so präsent wie seit Jahren nicht mehr.«, meldete ntv und titelte: »Einheit ist noch nicht vollendet«.

Tatsächlich existiert neben anderen Spaltungen der BRD-Gesellschaft ungebrochen weiter die zwischen Ost und West, erkennbar u. a. an der fast doppelt so hohen Zustimmungsrate für die AfD im Osten. Das älteste Erklärungsmuster dafür lautet: »Im Osten wählen die Menschen eher rechts, weil sie aus einer Diktatur kommen.« Wenn also im nächsten Jahr die AfD in Sachsen die Landtagswahlen gewinnen sollte, ist der Schuldige schon ausgemacht – die DDR. So einfach, so falsch. Tatsächlich lassen sich gesellschaftliche Sozialisationsbedingungen nicht einfach »abschalten« und wirken noch über Generationen nach. Doch vielleicht sind es ja nicht nur die Erfahrungen aus der DDR, sondern eher jene, die die Ostdeutschen in den Jahren nach der »Wende« machen mussten, die Enttäuschung, Wut und Verbitterung hinterließen, von denen heute u.a. die AfD profitiert? Wie hältst du´s mit der DDR? weiterlesen »

Praktischer Internationalismus

geschrieben von Charlotte Hahn, Mitglied des VjF und des KFSR

2. Dezember 2018

Junge Freiwillige im Einsatz auf dem Friedhof der Sozialisten

Wie kann man jungen Menschen einen Zugang zur Geschichte des antifaschistischen Kampfes eröffnen? Dafür gibt es auch ganz praktische Möglichkeiten. Bereits zum dritten Mal fand in Berlin ein internationales Workcamp des Vereins »Kämpfer und Freunde der Spanischen Republik 1936 –1939 e.V. » und der Vereinigung junger Freiwilliger e.V. statt, diesmal mit zwölf Jugendlichen aus Frankreich, Hong Kong, Italien, Mexiko, Polen, Russland, Spanien, Tschechien und der Türkei.

Work – das waren vielfältige Pflegearbeiten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde. So wurden Grabplatten von Freiwilligen, die auf Seiten der Spanischen Republik gegen Franco gekämpft hatten, gesäubert, Rabatten von Unkraut befreit und im Einsatz gegen die Rosskastanien- Miniermotte, die den alten Kastanienbestand des Friedhofs gefährdet, Unmengen von befallenem Laub entsorgt..

Beim Reinigen der Platten lernten die jungen Leute die Biographien der Begrabenen kennen, die meist der Generation ihrer Urgroßeltern angehört hatten. Wie schon in den vergangenen Jahren wählten sie jeweils einen Kämper oder Kämpferin aus, deren Lebensweg sie besonders berührt hatte. Ein Foto von der Grabstätte und die Biographie nahmen sie mit nach Hause.

Das Camp-Leben war geprägt durch die interkulturellen Begegnungen, die Verständigung erfolgte auf Englisch. Zum Camp-Ende konnten alle feststellen, dass sie nicht nur ihre Sprachkenntnisse verbessert hatten, sondern auch viel über das Leben in Deutschland und in den Herkunftsländern der anderen Teilnehmer erfahren hatten.

Natürlich ging es auch um den Kampf des spanischen Volkes und seiner internationalen Unterstützer gegen Franco. So war die Lesung des amerikanischen Journalisten, Autors und Übersetzers, Victor Grossman, aus seinem Buch »Madrid, du Wunderbare« ein Höhepunkt des Begleitprogramms. In der Diskussion zeigte sich, dass die Teilnehmer nicht nur an der Geschichte des Spanischen Kriegs 1936-1939 interessiert waren. Der Gast wurde ebenso intensiv zu seiner Meinung zur aktuellen amerikanischen Politik und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Welt befragt.

Diskutiert wurde auch beim Besuch der Fraktion Die Linke im Bundestag. Es gab viele Fragen zur Lage und zur Politik in Deutschland. Vor allem aber interessierte, wie es der europäischen Linken gelingen könnte, an Einfluss zu gewinnen. Auch Erfahrungen aus den eigenen Ländern wurden eingebracht. Bei der anschließenden Führung galt das besondere Interesse den Inschriften der sowjetischen Soldaten in den Mauern des Gebäudes.

Der Besuch mit Führung durch die Gedenkstätte Sachsenhausen war für die meisten der Gruppe eine ganz neue Erfahrung. Sie waren tief beeindruckt.

Die besondere Form der Begegnung mit Jugendlichen verschiedener Länder ist auch für uns als Veranstalter immer wieder ein Gewinn. Gern teilen wir unsere Erfahrungen mit Interessierten, die ähnliche Projekte in Angriff nehmen wollen.

 

Der Abgrund von nebenan

geschrieben von Andreas Meinzer

29. November 2018

Tobias Ginsburgs etwas anderer Reisebericht über die Reichsbürgerszene

Sie leben mitten unter uns, profitieren von allen Vorzügen eines rechtsstaatlichen und demokratischen Gemeinwesens. Aber sie lehnen nicht nur die bestehende, sondern jede Form der Demokratie und die damit verbundenen Werte ab. Sie bekämpfen nicht nur den Staat – nein, sie leugnen seine Existenz: Deutsche – die sogenannten und selbsternannten »Reichsbürger«. Eine breitere Öffentlichkeit wurde erst auf das Phänomen aufmerksam, als Ende 2016 der Jäger Wolfgang P. im mittelfränkischen Georgensgmünd eine SEK-Einheit, die sein Haus nach Waffen durchsuchen wollte, mit einer Schusswaffe angegriffen, mehrere Polizisten verletzt und einen getötet hat. Zuvor waren sie nur Kennern der rechten Szene ein Begriff: Deutsche Staatsbürger, die, wie der Täter, der seinen Personalausweis zurückgegeben, sich zum »freien Menschen Wolfgang« und sein Haus zum »autonomen Regierungsbezirk« erklärt hatte, keine Institutionen der von ihnen oft als »GmbH« bezeichneten BRD akzeptieren und sich zu »Bürgern« eines untergegangenen Reiches (wie des Deutschen Kaiserreiches oder des »Dritten Reiches«) oder eines neugeschaffenen definieren. Über 15 000 von ihnen soll es in Deutschland geben, Tendenz steigend. Auch, schizophrener Weise, im Dienste staatlicher Institutionen, allen voran der Polizei. Der Abgrund von nebenan weiterlesen »

Der VVN-Verlag in Ostdeutschland

geschrieben von Michael Klein

29. November 2018

Ein kaum bekanntes Kapitel unserer Geschichte: 1947 bis 1953 erschienen Publikationen mit einem pluralen Widerstandsbegriff

Jede gesellschaftliche Organisation in der SBZ/DDR hatte ihren eigenen Verlag, so auch die VVN. Gegründet wurde der VVN-Verlag am 22. September 1947. Er übernahm die vierzehntägliche Mitgliederzeitschrift »Unser Appell«, sie wurde 1949 als Wochenzeitung »Die Tat« fortgeführt. Ferner sollte er Bücher »belehrenden und aufklärenden Inhalts« im Sinne der Ziele der VVN herstellen und vertreiben.

Die dominierende Kraft war das Ehepaar Hanna und Erich Klückmann. Johanna Klückmann, geb. Hofmann (1899-1988), in Berlin geboren, hatte sich 1928 der KPD angeschlossen, war im Widerstand aktiv und kurzzeitig inhaftiert. 1939 hatte sie den Schriftsetzer Erich Klückmann (1893-1975) geheiratet, nachdem er, Kommunist seit 1926, nach vier Jahren Haft wegen Vorbereitung zum Hochverrat aus dem KZ Sachsenhausen entlassen worden war. Der VVN-Verlag in Ostdeutschland weiterlesen »

Einfallstor der Ideologie

geschrieben von Janka Kluge

29. November 2018

Wieder gelesen: LTI von Victor Klemperer

Victor Klemperer (1881 – 1960), Romanist aus Dresden, ist mit zwei Büchern bekannt geworden. In der Bundesrepublik wurde er 1995 durch seine Tagebücher bekannt. In der DDR dagegen durch das Buch »LTI«. Das Kürzel steht für Lingua Tertii Imperii , die Sprache des Dritten Reiches. Unmittelbar nach der Befreiung vom Faschismus hat sich Victor Klemperer an das Schreiben des Textes gemacht, Die erste Ausgabe ist bereits 1947 erschienen. Sie gehört damit zu den ersten Büchern, die nach 1945 von Überlebenden geschrieben wurde. Nachdem er 1935 von der Universität entlassen wurde, weil er Jude war, und zwei Jahre später auch öffentliche Bibliotheken nicht mehr betreten durfte, legte er den Schwerpunkt seiner Arbeit auf das Schreiben von Tagebüchern. Er schreibt in seiner Einführung zu LTI: »Mein Tagebuch war in diesen Jahren immer wieder meine Balancestange, ohne die ich hundertmal abgestürzt wäre. In den Stunden des Ekels und der Hoffnungslosigkeit, in der endlosen Öde mechanischer Fabrikarbeit, an Kranken- und Sterbebetten, an Gräbern, in eigener Bedrängnis, in Momenten äußerster Schmach, bei physisch versagendem Herzen – immer half mir diese Forderung an mich selber: beobachte, studiere, präge dir ein, was geschieht – morgen sieht es schon anders aus, morgen fühlst du es schon anders; halte fest, wie es sich jetzt kundgibt und wirkt.« Dadurch wurde er zu einem Chronisten des deutschen Faschismus. Einfallstor der Ideologie weiterlesen »

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