Überraschende Wiederbegegnungen

geschrieben von Janka Kluge

1. November 2019

Was von der Sprache der Faschisten bis heute übrig blieb

Sprache prägt unsere Vorstellungen von den Dingen. Der Journalist Matthias Heine hat ein Wörterbuch mit Begriffen aus der Zeit des Faschismus erarbeitet und ist der Frage nachgegangen, inwieweit wir diese Worte auch heute noch benutzen. Am Ende eines jeden Begriffes wägt er ab, ob das Wort heute bedenkenlos benutzt werden kann.

Im Vorwort beschreibt Heine, wie die Nazis die Sprache geprägt und geformt haben. Er arbeitet dabei vier unterschiedliche Strategien heraus. Zum ersten bildeten sie neue Wörter (Neologismen), als Beispiel hierfür führt er die Begriffe »Vergeltungswaffen« und »Kulturschaffende« an. Als zweite Strategie benennt er die Bedeutungsänderung von Worten. »Fanatisch« dient ihm hier als Beispiel. Hitler hat sich in dem Buch »Mein Kampf« selbst als fanatisch beschrieben. Seitdem wurde das Wort von Mitgliedern der NSDAP als positive Eigenbeschreibung genutzt. Davor hatte es eher eine negative Bedeutung.

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Nüchtern abgerechnet

geschrieben von Heinrich Fink

1. November 2019

Was die »Wiedervereinigung« gebracht hat

Pünktlich zum 3. Oktober, an dem der Jahrestag des wiedervereinigten Deutschland gefeiert wurde, lag eine ernüchternde Nachdenkhilfe von Daniela Dahn in den Buchhandlungen.

»Was will dieses Buch? Es ist kein Buch über die DDR, sondern über die 30 Jahre danach. Es gilt, Bilanz zu ziehen, was nicht nur der Mauerfall, sondern der Wegfall des bisherigen Realsozialismus an dem angeblich unbetroffenen Westen eigentlich bewirkt hat. Wie hat sich dieses Land in diesem Europa, in dieser Welt in den letzten 30 Jahren verändert? heißt die Frage.« (S. 17)

In ihrem sorgfältig recherchierte Text »Die Einheit – eine Abrechung« untersucht sie nicht zornig, wohl aber nüchtern auch Legenden aus Festtagsreden und Leseartikeln.

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»Das Vorkommnis weckte mich«

geschrieben von Ernst Antoni

1. November 2019

Ausstellung über Erika Mann als politische Aktivistin

»›Es ist also ein Mädchen‹ – schreibt Thomas Mann nach der Geburt seines ersten Kindes (…) und ergänzt, einen Sohn hätte er als ›poesievoller…als Fortsetzung und Wiederbeginn der eigenen Person‹ empfinden können.« So steht es auf der Tafel, mit der eine neue Ausstellung in der Münchner »Monacensia«-Stadtbibliothek zum Thema »Erika Mann« eingeleitet wird. Im Lauf der Jahre habe Erika aber eine »Vorzugsstellung beim Vater« gewonnen: »Das kühne, herrliche Kind«, wie er sie nannte, habe ihn »mit ihrem Kabarett zu Tränen gerührt« und »in heftige politische Gewissenskonflikte« getrieben. »Und doch soll in dieser Ausstellung eine andere, es soll Erika Manns eigene Geschichte erzählt werden. Sie ist eingebettet ins große Zeitgeschehen des 20. Jahrhunderts, sie handelt von Politik, spielt gelegentlich in der Familie, illustriert das leidenschaftlichen Engagement einer Schauspielerin und Journalistin von hoher Aktualität.«

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Editorial

geschrieben von Ernst Antoni

22. Oktober 2019

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg: Mehr denn je scheint die Einlösung dieses aus den konkreten Erfahrungen mit dem deutschen Naziregime, seinen  Massenmorden und Eroberungsfeldzügen entwickelte Forderungspaar wieder einmal in die Ferne gerückt zu sein. In unserem Land und weltweit. In dieser Ausgabe der antifa finden sich zahlreiche Berichte und Analysen über  beängstigende Entwicklungen hierzulande und in anderen Ländern. Wie immer aber bringen wir auch auch Beispiele, die zeigen, dass es nicht nur notwendig, sondern auch möglich ist, solchen Trends etwas entgegenzusetzen. Also im Kampf für eine Welt des Friedens und der Freiheit nicht nachzulassen und dafür weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu gewinnen.

Von heute auf morgen wird das allerdings nicht geschehen. Aber positive Ansätze zum Weitermachen sind nach wie vor viele vorhanden – und Menschen, die gewillt sind, sich zu engagieren, ebenfalls. Dafür steht auch die »Unteilbar«-Manifestation im August in Dresden mit ihren rund 40 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern (Seite 6). Zum dennoch nach wie vor beängstigenden Abschneiden der gerade in diesen beiden Bundesländern meist besonders ultrarechts auftretenden AfD gibt es einen kurz vor Druckbeginn dieser antifa noch spontan geschriebenen Kommentar von Thomas Willms (Seite 7), in dem der Autor entwickelt, warum diese »teuren Siege«, die ja doch ein beachtliches Stück hinter ursprünglich prophezeiten Ergebnissen lagen,  diese Partei nicht unbedingt weiterbringen müssen.

Allerdings: Unser »Spezial« behandelt diesmal unter verschiedenen Blickwinkeln besondere Netzwerk-Strukturen, die es nicht erst seit kurzem in diversen Bundesländern – West und Ost nehmen sich da nichts – bei Polizei und Militär, »Sicherheits«- und sonstigen offiziellen Organen gab und gibt. Strukturen, die mehr oder weniger ungehindert offen rassistisch und faschistisch auftreten und kommunizieren. Bis hin zu Verbindungen in neofaschistische Terrorszenen wie dem NSU.

Unser Titelbild:

22. Oktober 2019

Foto: Rafael Herlich

Foto: Rafael Herlich

Mit der Ausstellung von zwölf Porträts von Widerstandskämpfer*innen, die zugleich Gründungsmitglieder der VVN waren, bereicherte die Frankfurter VVN-BdA die Gedenkveranstaltung der Stadt Frankfurt am Main zum 20.Juli in der Wandelhalle der Paulskirche. Foto: Rafael Herlich

Massenmord nach Plan

geschrieben von Hannes Heer

22. Oktober 2019

Der Auftakt am 1. September 1939

Hitler hatte bereits in »Mein Kampf« zur Sicherung der »rassischen« wie ökonomischen Lebensgrundlagen des deutschen Volkes zwei Kriege angekündigt – den zur Gewinnung von »Grund und Boden« notwendigen Krieg gegen »Rußland und die ihm untertanen Randstaaten« sowie den Krieg gegen »das Judentum«, das mit Hilfe des »russischen Bolschewismus« versuche, »sich die Weltherrschaft anzueignen«. Als die Macht der Partei und deren Führung endgültig gefestigt und die Wehrmacht aufgerüstet war, begann Nazideutschland am 1. September 1939 mit dem Überfall auf den »Randstaat« Polen und einer gnadenlosen Besatzungspolitik diese Pläne zu realisieren. Die Bilanz: sechs Millionen ermordeter Polen, die Hälfte davon Juden.

Der am 22. Juni 1941 ohne Kriegserklärung erfolgte Einmarsch in die Sowjetunion war das -Signal für die Befreiung von allen moralischen und völkerrechtlichen Bindungen. Den in der Reichskanzlei versammelten Befehlshabern des künftigen Feldzuges offenbarte Hitler im März 1941 in brutaler Offenheit, was er von ihnen erwartete: Der Krieg gegen die Sowjetunion sei ein »Kampf zweier Weltanschauungen« und ein »Vernichtungskampf«, der sich »sehr unterscheiden« werde vom Kampf im Westen. Daher müssten die Befehlshaber im Osten »von sich das Opfer verlangen, ihre Bedenken zu überwinden.« Entsprechend lautete die Generalermächtigung der Wehrmachtsführung für die am Überfall beteiligten mehr als 3 Millionen Soldaten, dass ab jetzt »Rechtsempfinden […] hinter Kriegsnotwendigkeit zu treten habe« Dieser Zielsetzung entsprachen auch die sechs Grundsatzbefehle der Wehrmachtsführung: Erschießung aller gefangenen Kommissare der Roten Armee, Abschaffung der Kriegsgerichte für Delikte der Zivilbevölkerung und stattdessen bei jedem Verdacht sofortige kollektive Strafaktionen durch die Truppe, Behandlung der Kriegsgefangenen als zu »Sabotage, Brandstiftung, Mord« geschulte Gegner und nicht als gefangene »Kameraden«, kalkulierter Hungertod »von zig Millionen« Zivilisten, weil nur die Truppe Zugriff auf alle Lebensmittel hatte und schließlich die Aufforderung zur engen Zusammenarbeit mit der für den Judenmord aufgestellten vier SS-Einsatzgruppen, die der Wehrmacht beim Vormarsch folgten und ihr logistisch unterstellt waren. Das Ergebnis dieser Befehle war ein Völkermord, dem fast 30 Millionen Menschen zum Opfer fielen – 11,4 davon waren Rotarmisten, von denen 3,3 als Kriegsgefangene ihr Leben verloren, und 17 Millionen Zivilisten, von denen 2,8 Millionen Juden waren. Die Verantwortung dafür trugen die 10 Millionen an der »Ostfront« eingesetzten Soldaten der Wehrmacht und die mindestens 50 000 Mann, die in SS-Einsatzgruppen und Polizeibataillonen für den Judenmord zuständig waren. Massenmord nach Plan weiterlesen »

Freie Fahrt für friedliche Bürger

geschrieben von Ulrich Sander

22. Oktober 2019

Der Militarisierung des Alltags entgegentreten

Von vielen Forderungen aus der Frühzeit der Demokratie ist die der kostenlosen Reisefreiheit für Abgeordnete durchgesetzt und beibehalten worden. Es gab etwa um 1848 noch die Forderung nach Volksbewaffnung. Die war gut gemeint, nachdem Teile des Volkes sich sinnvoll mit Waffen gegen Napoleon und gegen den preußischen König erhoben hatten. Die spätere Bewaffnung von Massen des Volkes in zwei Weltkriegen muss uns jedoch veranlassen, diese Forderung nicht wieder aufzugreifen.

Nun hat Frau Kampfknarrenbauer – von mir so genannt wegen ihrer Nähe zur Rüstungsindustrie – die Idee verbreitet, dass ebenso wie Abgeordneten allen Soldaten freie Fahrt mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln gewährt werden soll. Diese Idee finde ich misslungen, denn die geschichtlichen Erfahrungen weisen uns darauf hin, dass Soldaten am besten gar nicht herumreisen sollten, sonst richten sie noch Unheil an. Was hingegen sinnvoll wäre, und ich appelliere an alle Leserinnen und Leser, dies zu unterstützen, das könnte das Prinzip »Freie Fahrt und kostenloses Reisen für alle Aktivisten der Friedensbewegung!« sein. Dabei kann nur Gutes herauskommen, niemand käme zu Schaden.

Die Ministerin möchte, so betonte sie, die kostenlose Benutzung der Bahn auf uniformierte Soldaten beschränkt wissen. Es geht ihr ums Werben fürs Töten und Sterben. Uns muss es ums Werben für den Frieden gehen. Ganz prinzipiell muss die Uniform für Soldaten in Bahnen abgelehnt werden. Denn es gilt der Spruch: Auf einen klugen Kopf passt kein Stahlhelm. Im Übrigen gibt es ein Grundsatzurteil, das die Formulierung »Soldaten sind Mörder« von Kurt Tucholsky zulässt. Also bitte schön: Solche Leute nicht privilegieren!

 

Wie weiter mit der »antifa«?

22. Oktober 2019

Bewährtes modernisieren und Neues wagen

Unser Magazin »antifa«, existiert in der jetzigen Form seit mehr als 15 Jahren und ist für alle, die an ihm mitarbeiten, so wie für viele Mitglieder, ein Teil ihres Lebens geworden. Wir sind stolz darauf, mit wenig Geld und viel Engagement so lange Zeit das auflagenstärkste antifaschistische Magazin Deutschlands herauszubringen, das kulturelle Werte vermittelt und zugleich der Kommunikation und Vernetzung von Antifaschistinnen und Antifaschisten unterschiedlicher Generationen dient. Der Kern der Redaktion blickt auf 15 Jahre gemeinsamer Arbeit zurück. Zeit für eine Bestandsaufnahme und einen Generationswechsel in der Redaktion, damit die »antifa« sich weiter entwickeln kann und weiterlebt, denn in Zeiten des Rechtsrucks und eines fortschreitenden Autoritarismus ist eine kluge Gegenöffentlichkeit wichtiger denn je. Dafür wird es auch nötig sein, Lesegewohnheiten und die Diskussionskultur heutiger Zeiten aufzunehmen, um unsere gesellschaftliche Wirkung über den Verband hinaus weiter zu entwickeln.

Als Herausgeber lädt der Bundesausschuss der VVN-BdA daher am 21. September alle nach Berlin ein, die an einer Mitarbeit interessiert sind. Schließlich geht es bei einer Zeitung nicht nur um inhaltliche Fragen, sondern genauso um Finanzen, personelle Ressourcen und nicht zuletzt um Organisation und verbindliche Planung. Spätestens zum Bundeskongress im Mai 2020 wollen wir die neue »Antifa« präsentieren. Wie weiter mit der »antifa«? weiterlesen »

Geheimdienst widerlegt

geschrieben von P.C. Walther

19. Oktober 2019

Gebräuchliche Kernthesen der Verfassungsschutzpraxis gegenüber Antifaschisten und antifaschistischen Organisationen wurden jüngst erneut in Frage gestellt und widerlegt.

So betonte zum Beispiel der langjährige CDU-Politiker Ruprecht Polenz (CDU-MdB von 1994 bis 2013 und unter der Parteivorsitzenden Merkel zeitweise auch CDU-Generalsekretär) gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung: »Antifaschismus ist nicht links, sondern eine Haltung, die alle Demokraten einnehmen sollten«. Und auch die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock betonte: »Antifa ist nicht per se linksextremistisch. Antifaschistin zu sein heißt, sich gegen Faschismus zu stellen«.

Die Feststellung, dass »Faschismus keine Meinung« ist und deshalb nicht unter die Meinungsfreiheit fällt, wurde kürzlich von NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) noch erweitert, als er erklärte, dass »Hass keine Meinung« sei und deshalb nicht als Meinungsfreiheit akzeptiert werden könne. Gerichtlich in Frage gestellt wurde eine weitere Kernthese verfassungsschutzüblicher Diffamierungspraxis , wie sie auch gegenüber der VVN-BdA angewandt wird: Das Verwaltungsgericht Stuttgart stellte in einem Verfahren fest, dass aus der Verbindung zu einem DKP-Funktionär nicht eine »linksextremistische Beeinflussung« abgeleitet werden dürfe (Urteil vom 11.07.2019). Geheimdienst widerlegt weiterlesen »

Teure Siege

geschrieben von Thomas Willms

19. Oktober 2019

Wie lange wird die AfD sie halten?

Die AfD hat mit den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen zwei Schlachten gewonnen. Die erzielten Prozente setzen sich um in Parlamentssitze, Mitarbeiter*innenarbeitsplätze, Büros, mehr Sitze in Ausschüssen und Kommissionen, mehr Redezeit in den Parlamenten, in höhere Summen bei der Parteienfinanzierung und mehr Aufmerksamkeit in den Medien. Ihre Bindungen an die Wähler*innen konnten durch intensiven Wahlkampf mit vielen Auftritten im öffentlichen Raum gefestigt werden. In Sachsen noch stärker als in Brandenburg, wurde sie nicht aus Protest gewählt, sondern genau weil sie so ist wie sie ist. Innerparteilich bedeuten die Wahlen eine Stärkung des extrem rechten »Flügels«, sicherlich mit Auswirkungen auf die Bundesvorstandswahlen Ende November in Braunschweig.

All das ist nicht überraschend, sondern ein Durchmarsch, der sich seit vielen Monaten abzeichnete. Aber gönnen wir uns einen kleinen Zeitsprung. Man schaue sich Björn Höckes Rede auf dem Kyffhäuser-Treffen am 8. Juli an. Hier redet sich jemand in eine Siegeszuversicht hinein, die er zu verlieren beginnt. Denn »Sieg« ist nicht irgendeine blöde Landtagswahl, bei der man 25 Prozent erhält, sondern etwas viel Größeres: der politische und ideologische Umsturz in ganz Deutschland. Alles andere zählt letztlich nicht, ist nur Mittel zum Zweck. Höcke weiß, dass er dabei ist, an die Grenzen der inhaltlichen Reserven zu gehen. Er sieht sich genötigt, noch vor seinen Lieblingsthemen auf das zu kommen, was ihm Angst macht. Die AfD »kann nicht Klima«. Er rät seinen Leuten zum Ausweichen und muss eine viertel Stunde vortragen wie man das macht, wie man etwas leugnet was nicht zu leugnen ist. Auch Andreas Kalbitz verlor im Wahlkampf beim selben Thema öffentlichkeitswirksam die Nerven und beschimpfte Greta Thunberg als »zopfgesichtiges Mondgesicht«. Teure Siege weiterlesen »

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