Vorwärts in die Vergangenheit

geschrieben von Cornelia Kerth

16. November 2019

Erster Akt: Die Auferstehung des Berliner Stadtschlosses

100 Jahre nachdem die Novemberrevolution den Potentaten hinweggefegt hat, der Millionen Menschen im ersten Weltkrieg verheizt hatte, ist das Symbol seiner Herrschaft in der Mitte des »neuen« Berlin wieder auferstanden: das Berliner Stadtschloss.

Auf die Idee musste erst mal einer kommen. Und das war der mecklenburgische Adelsspross Wilhelm von Boddien. Schon Ende der 80er Jahre hatte er sich dem Kreis der »Freunde der preußischen Schlösser und Gärten« um den vormaligen Chef-Arisierer der Deutschen Bank, Hermann Josef Abs, angeschlossen und fand dort in Speer-Verleger und -Verehrer Jobst Siedler und Hitler-Biograph Joachim Fest engagierte Mitstreiter für seine Idee. Beide wurden in dem von Boddien initiierten »Förderverein für das Berliner Schloss« aktiv. Kaum war 1992 die Entscheidung gefallen, Berlin zur Hauptstadt des nunmehr wieder größeren Deutschland zu machen, schlug der Freundeskreis vor, das in der Öffentlichkeit bereits völlig vergessene Schloss als »Schlossattrappe« wieder erstehen zu lassen, der Berliner Senat stellte den Ort »leihweise« zur Verfügung.

Auf die bei der öffentlichen Vorstellung des Projekts von Journalisten geäußerten Bedenken, was wohl im Ausland gesagt würde, wenn das Schloss wieder aufgebaut würde, von dessen Balkon Wilhelm II. die Brandrede hielt, mit der der 1. Weltkrieg ausgerufen wurde, fand Boddien eine diplomatische Antwort: er konnte die französische Monumentalmalerin Catherine Feff gewinnen, das Schloss auf Leinwand zu malen. Dem Deutschlandfunk erzählte er dazu 2012, er habe gedacht »Mensch, die Franzosen, die waren doch über 100 Jahre unser stärkster Erzfeind überhaupt, wenn ich diese Catherine Feff dazu kriege, als Französin das preußischste aller Preußenschlösser zu malen, habe ich doch die Journalisten im Griff.« (1)

Vorwärts in die Vergangenheit weiterlesen »

Die Würdigung kam spät

geschrieben von Ulrich Schneider

12. November 2019

Georg Elser wollte mit Hitler-Attentat »den Krieg verhindern«

Es dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert, bis die BRD offiziell eine Aktion des Widerstands anerkannte, die – wenn sie Erfolg gehabt hätte – den Verlauf des Zweiten Weltkriegs sicherlich nachhaltig verändert und Millionen Menschenleben gerettet hätte: Das Attentat des Georg Elser vom 8. November 1939.

Georg Elser, geboren am 4.1. 1903 in Hermaringen/ Württemberg, stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Nach einer Zeit als Landwirtschaftsgehilfe lernte er erst Eisendreher, später Schreiner.

Auf seiner Wanderschaft als Schreinergeselle arbeitete er bei verschiedenen Schreinereien rund um den Bodensee, wobei er als Möbelschreiner auch in zwei Uhrenfabriken tätig war. Er erlebte die Folgen der Wirtschaftskrise, trat 1928/29 der Holzarbeitergewerkschaft bei und wurde Mitglied im Roten Frontkämpferbund sowie der Naturfreunde.

Die Würdigung kam spät weiterlesen »

Erinnerung an den 20. Oktober 1944

12. November 2019

»Fédération International de la Résistance« (FIR) würdigt 75. Jahrestag der Befreiung Belgrads

»Eine der großartigen Leistungen des antifaschistischen Kampfes am Ende des Zweiten Weltkrieges war die Befreiung der jugoslawischen Hauptstadt Belgrad am 20. Oktober 1944 als gemeinsame militärische Operation der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee und der sowjetischen Armee mit Unterstützung bulgarischer Streitkräfte.

Anders als beim Warschauer Aufstand fanden Mitte September 1944 in Moskau Gespräche zwischen der jugoslawischen und der sowjetischen Führung statt, um die gemeinsame Offensive zu koordinieren. Den Partisanen wurde die Unterstützung zweier sowjetischer Fliegerdivisionen zugesichert und die umfangreiche Lieferung von Kriegsmaterial beschlossen. Auch einige Instrukteure wurden zu den Partisanenverbänden entsandt.

Erinnerung an den 20. Oktober 1944 weiterlesen »

Die einzigen »Befreier«?

geschrieben von Ulrich Schneider

12. November 2019

Auseinandersetzungen um eine Denkmalsinitiative in Buchenwald

Denkmale sind Zeichen der Erinnerung und Ausdruck des Geschichtsbildes einer Epoche. So abstrakt, wie diese Aussage klingen mag, so konkret ist der jeweilige geschichtspolitische Streit, wenn es um die Neuaufstellung von Gedenksteinen oder um die Beseitigung solcher Erinnerungszeichen geht. Das zeigt die Auseinandersetzung um die Denkmale für die militärischen Befreier von der faschistischen Okkupation – die Soldaten der sowjetischen Armee – in einigen osteuropäischen Ländern. Wenn man also in Polen Denkmale für die Befreier verteidigt, dann scheint es nur konsequent zu sein, sich für ebensolche auch in Deutschland einzusetzen. Doch bei genauerer Betrachtung ist das so einfach nicht.

Seit einiger Zeit existiert in Weimar eine Initiative, auf dem Ettersberg ein Denkmal für die amerikanischen Befreier des KZ Buchenwald zu errichten. Die Initiative dafür geht auf die »Jewish American Society of Historic Preservation« und ihren Vertreter, Jerry Klinger, zurück. Klinger will keine kleine Tafel an einer Hauswand, sondern »ein richtiges Denkmal, das an die Rolle der US-Armee erinnert«, erläutert der Thüringer Bernd Schmidt, der seit vielen Jahren mit einstigen US-Soldaten und deren Nachkommen Kontakt hält.

Die einzigen »Befreier«? weiterlesen »

Für Rosa und die anderen

geschrieben von Thomas Neuhold

8. November 2019

Auf Initiative des KZ-Verbands erweitert Salzburg das Frauen-Mahnmal

Es wäre der 100. Geburtstag von Rosa Hofmann gewesen. Am 27. Mai dieses Jahres wurde im Salzburger Stadtteil Maxglan das Memorial für Frauen im Widerstand gegen das NS-Terror-Regime seiner Bestimmung übergeben. Tatsächlich wurde die junge Kommunistin Rosa Hofmann nicht einmal 24 Jahre alt. Sie bezahlte ihren Einsatz für Frieden, Demokratie und Sozialismus mit dem Leben. Der bereits 1947 errichtete Gedenkstein für Rosa Hofmann bildet die Grundlage für das neue Frauenmemorial, das an 18 widerständige Frauen unterschiedlichster Weltanschauung erinnert. Die Initiative zur Neugestaltung ging vom KZ-Verband/VdA Salzburg aus, der insbesondere auch auf die Schicksale jener Frauen aufmerksam gemacht hatte, die als »Rote« einfach abgeholt und ohne Verfahren hingerichtet wurden. Die Denkmalerweiterung und die Ausschreibung dazu basierten auf einem Mehrparteienantrag im Gemeinderat (SPÖ,ÖVP, Grüne, NEOS, Liste SALZ).

Für Rosa und die anderen weiterlesen »

Mit 105 noch aktiver Zeitzeuge

8. November 2019

Abschied vom KZ-Überlebenden Marko Feingold aus Salzburg

Es schien immer eine Art Wunder, wenn ein hundertjähriger kleiner Mann flink die Stufen zur oberbayerischen Gedenkstätte Surberg bei Traunstein hochging und dann in seinem Grußwort an die Versammelten noch um Entschuldigung bat, dass er es nicht früher geschafft hatte. Mit dem Auto von der Gedenkfeier im österreichischen Mauthausen nun hierher nach Surberg.

Kurz und bündig las er in seinem Grußwort dann oft Politikern die Leviten, wenn sie wieder einmal rechte Sprüche klopften oder die Nazivergangenheit endgültig ruhen lassen wollten – und nicht selten würzte er diese Ansprachen auch mit seinen humorvollen Bemerkungen.

So kannten Teilnehmer der Gedenkfeiern in Surberg diesen Marko Feingold, der nun mit 106 Jahren am 19. September in Salzburg verstorben ist. Seit Jahrzehnten war es ihm und seiner Frau Hanna ein Anliegen, dieses Gedenken im Nachbarland zu unterstützen. So verliert auch die Traunsteiner VVN-BdA einen wichtigen Begleiter ihrer Arbeit. Trauerbekundungen weit über Österreich hinaus zeigen die große Bedeutung, die Marko Feingold als einer der ältesten und aktivsten Zeitzeugen des Naziterrors besaß. Bis zum letzten Jahr war er unermüdlich vor Schülern und Studenten tätig – von Salzburg bis Wien, München oder Auschwitz. Nicht allein, um von seiner Leidenszeit zu erzählen, sondern vor allem, um auf die heutige Verantwortung für Menschenrechte und weltweiten Frieden hinzuweisen.

Mit 105 noch aktiver Zeitzeuge weiterlesen »

Faschofeminismus

geschrieben von Nils Becker

8. November 2019

Über Anti-Feminismus und Gewalt-Ethnisierung

Jedes Jahr im September treten im Regierungsviertel Berlins christliche AbtreibungsgegnerInnen mit einem »Marsch für das Leben« auf. Ihr vordergründiges Anliegen ist das generelle Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen. Begründet wird die Forderung einerseits mit der biblischen Schöpfungsgeschichte; aber auch mit einem vormodernen Wertekanon, der auf genügsamen Frauen und der Ignoranz gegenüber gesellschaftlich produzierter Ungleichheit basiert. Die selbsternannten LebensschützerInnen priorisieren dabei die befruchtete Eizelle gegenüber den tatsächlich lebenden Frauen, deren Gesundheit beispielsweise bei illegalen Abtreibungen auf dem Spiel steht. Entsprechend groß ist jedes Jahr die feministische Mobilisierung gegen diesen Marsch und für »reproduktive Rechte«.

Dieser jährliche Auftritt der »Lebensschutz-Bewegung« ist nur ein Schlaglicht auf den sich modernisierenden Anti-Feminismus. Zu dessen Erscheinungsformen und Strategien ist im Sommer ein Sammelband des Autor*innenkollektiv »Feministische Intervention« (AK Fe.In) erschienen. Der AK Fe.In besteht aus Mitgliedern der österreichischen »Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit« (FIPU) und des Berliner Antifaschistischen Pressearchivs (Apabiz). Entsprechend bunt gemischt sind die gut recherchierten und anschaulichen Beiträge. Auf 200 Seiten finden sich in 18 Abschnitten viele kurzweilig zu lesende Analysen von einzelnen Puzzleteilen des Anti-Feminismus heutiger Prägung. Faschofeminismus weiterlesen »

Nicht mehr vermittelbar?

geschrieben von Sabine Bade

4. November 2019

Aus Polen verbannt: Die italienische Auschwitz-Gedenkstätte

Das renommierte Mailänder Architekturbüro BBPR schuf 1980 im Auftrag der italienischen Deportiertenvereinigung ANED in Block 21 des ehemaligen KZ Auschwitz eine – durch Texte von Primo Levi, Musik von Luigi Nono und Gemälde von Pupino Samonà – ungemein beeindruckende Gedenkstätte. Dreißig Jahre später entsprach das Werk nicht mehr der Gedenkstättenkonzeption der polnischen Regierung und musste, um der Zerstörung zuvorzukommen, abgebaut und rückgeholt werden. In Florenz wurde die italienische Auschwitz-Gedenkstätte nun wieder aufgebaut.

Am 13. April 1980 wurde im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau das Memoriale italiano di Auschwitz, die italienische Auschwitz-Gedenkstätte, eingeweiht. Nachdem Italien – wie auch alle anderen Staaten, die während des Zweiten Weltkrieges von den Nationalsozialisten überfallen und besetzt worden waren und nach Auschwitz deportierte Einwohner zu beklagen hatten – das Recht eingeräumt worden war, dort eine eigene nationale Ausstellung zu errichten, hatte die Associazione nazionale ex deportati nei campi nazisti (ANED) das Mailänder Architekturbüro BBPR mit den Planungen zu deren Realisierung beauftragt.

Nicht mehr vermittelbar? weiterlesen »

Raus aus der Nische

geschrieben von Ulrich Schneider

4. November 2019

Antifaschistische Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse

Die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt/M. waren und sind immer auch Indikatoren für die geistige Lage in unserem Land. Während in Leipzig der unmittelbare Kontakt zu den Leserinnen und Lesern mit mehreren tausend Veranstaltungen und Lesungen im Mittelpunkt steht, ist Frankfurt eher der Ort für die Präsentation der Neuerscheinungen und Tendenzen in der Branche. Dabei fällt auf, dass der Hype um E-Books und BoD (Books on demand) scheinbar etwas abgenommen hat. Das traditionell in einem Groß- oder Nischenverlag publizierte Buch hat weiterhin Konjunktur und – laut Aussage des Börsenvereins des deutschen Buchhandels – seine Zukunft. Das bestätigt auch der diesjährige Rundgang über die Frankfurter Messe.

Politische Themen waren in den bürgerlichen Großverlagen eher randständig vertreten, wenn man von einzelnen Ausnahmen, wie Deniz Yücels »Agentterrorist«, absieht. Interessant ist aber, dass in vielen belletristischen Programmen in diesem Jahr Romane und Erzählungen zu finden sind, die Migrationserfahrungen in familiärer oder gesellschaftlicher Perspektive verarbeiten. Den Deutschen Buchpreis erhielt der bosnisch-stämmige Schriftsteller Saša Stanišič, der das Thema Migration unter dem Titel »Heimkehr« verarbeitete. Diese Entscheidung wurde in vielen Feuilletons nicht nur als Anerkennung für Schriftsteller mit Migrationshintergrund kommentiert, sondern mit Begeisterung auch als Retourkutsche gegen das schwedische Nobelkomitee bewertet, das den Literaturnobelpreis 2018 nachträglich an Peter Handke vergeben hatte. Statt mit Zufriedenheit darauf zu reagieren, dass erstmals seit vielen Jahren wieder ein deutschsprachiger Autor die Auszeichnung erhalten hat, verzeiht man Handke bis heute seine klare Kritik am Jugoslawien-Krieg und seine Unterstützung der rechtmäßigen Regierung von Milosevic nicht. Die »freundlichste« Umschreibung lautete noch »Apologet serbischer Kriegsverbrechen« (Die Zeit).

Raus aus der Nische weiterlesen »

Gegen Verbots- und Zensurpolitik

geschrieben von Verlagsmitteilung

4. November 2019

Solidarität mit dem prokurdischen Mezopotamya-Verlag

Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Ein ganzer Verlag wurde kurzerhand zu einer Teilorganisation der in Deutschland verbotenen PKK erklärt, und alle seine Medien wurden beschlagnahmt. Gegen diesen Zensurakt wendet sich die Gemeinschaftsedition Mezopotamya und zahlreiche namhafte Herausgeber und Herausgeberinnen mit einer Neuauflage beschlagnahmter Bücher.

Im Februar 2019 hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) den in Neuss ansässigen prokurdischen Mezopotamien-Verlag (und die MIR Multimedia GmbH) per Erlass verboten und aufgelöst. Dem Verlag wird unterstellt, eine Teilorganisation der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) zu sein, die als angeblich »terroristische Vereinigung« und »ausländerextremistische Organisation« in der Bundesrepublik einem Betätigungsverbot unterliegt.

Gegen Verbots- und Zensurpolitik weiterlesen »

Ältere Nachrichten · Neuere Nachrichten