Mord an Matrosen

geschrieben von Ulrich Sander

13. Mai 2022

Letzte Amtshandlungen von deutschen Marineoffizieren nach der Kapitulation

Der 8. Mai 1945 war der Tag der Kapitulation des NS-Regimes – und heute bewerten wir ihn als Tag der Befreiung. Schon am 5. Mai 1945 trat in Norddeutschland eine Teilkapitulation in Kraft, aber diese bedeutete Tragik und keine Freiheit. In Neuss wird 2022 an diesem Tag eines jungen Menschen gedacht, der 77 Jahre zuvor ermordet wurde.

Nicht nur der Erste Weltkrieg, auch der Zweite endete mit Matrosenaufständen. So starben am 5. Mai 1945 der 21jährige Maschinenmaat Heinrich Glasmacher aus Neuss und zehn seiner Kameraden als einige der letzten deutschen Widerstandskämpfer. Das Mitglied der katholischen Jugend wurde von deutschen Marinekommandeuren zum Tode verurteilt und erschossen, weil er den  Matrosenaufstand auf dem Minensuchboot »M 612« nahe der schleswig-holsteinisch-dänischen Küste angeführt hatte. Begünstigt wurde ein solches Verbrechen sicherlich dadurch, dass die Briten der deutschen Wehrmacht im Rahmen der Teilkapitulation die »Aufrechterhaltung der Ordnung« in der Truppe überlassen hatten. Glasmacher und seine Kameraden wollten nicht nach dem Osten fahren, um weiter gegen den »Bolschewismus« zu kämpfen. Die Ermordeten wollten Frieden und Freiheit. Mord an Matrosen weiterlesen »

13.297.760 mal für Le Pen

geschrieben von Andreas Siegmund-Schultze

13. Mai 2022

Frankreichs Präsident Macron bleibt im Amt, aber der Rechtsruck im Land ist deutlich

Emmanuel Macron bleibt französischer Präsident. Bei der Stichwahl am 24. April erreichte der Rechtskonservative von der Partei »La République en Marche« 58,55 Prozent der abgegebenen Stimmen, die faschistische Gegenkandidatin Marine Le Pen vom »Rassemblement National« (ehemals »Front National«) kam auf 41,45 Prozent. Verglichen mit dem zweiten Wahlgang vor fünf Jahren, büßte Macron rund 7,5 Prozentpunkte ein: Damals kam er noch auf 66,1 Prozent der Stimmen, Le Pen auf 33,9. Die Wahlbeteiligung lag 2022 bei rund 72 Prozent, 2017 waren es noch 74,56 gewesen. 13.297.760 mal für Le Pen weiterlesen »

Verantwortung für Angriff

geschrieben von Wanja Musta, Lea Steding

13. Mai 2022

34 Jahre nach dem Giftgaseinsatz in Halabdscha weiterhin Proteste

Halabdscha ist eine Kleinstadt mit ungefähr 70.000 Einwohner*innen in der Autonomen Region Südkurdistan, direkt an der Grenze zum Iran und zum Irak gelegen. Sie ist in Deutschland vor allem für den verheerenden Giftgasangriff von Saddam Hussein 1988 bekannt. Dabei starben 5.000 Kurd*innen und viele Tausende wurden verletzt. Noch heute leiden nicht nur die, die diesen Angriff überlebt haben, sondern auch ihre Kinder und die Umwelt.

Die Zentralregierung Iraks hatte in den 80er-Jahren ein besonderes Augenmerk auf Halab-dscha (kurdisch: Helebce), da die Stadt als starkes Einflussgebiet der Autonomiebestrebungen der Kurd*innen galt. Diese Bestrebungen spitzten sich bis ins Jahr 1987 zu Antiregierungsprotesten zu. Die Antwort durch das irakische Militär waren Hinrichtungen von Demonstrant*innen, zahlreiche Verhaftungen und das Einreißen der Häuser von denen, die den Widerstand gegen die Regierung unterstützten.

Einen Tag vor dem großen Giftgasangriff gegen Halabdscha wurde die Stadt von kurdischen Rebell*innen der PUK (Patriotic Union of Kurdistan) mit Hilfe der iranischen Armee eingenommen. Als Antwort darauf flogen ab elf Uhr morgens Kampfflugzeuge der irakischen Luftwaffe über die Stadt, und die Bombardierungen begannen.

Der 16. März, der Tag des Angriffs, ist seitdem ein Gedenktag in ganz Kurdistan. An diesem Tag kommen jedes Jahr Politiker*innen aus dem ganzen Land und den umliegenden Staaten nach Halabdscha, um ihre Anteilnahme auszusprechen. Aber mehr auch nicht, wie die Bevölkerung bemängelt. Verantwortung für Angriff weiterlesen »

Ungleich vor dem Gesetz

geschrieben von Emma Sammet

13. Mai 2022

Zur Aktualität der Klassenjustiz

Ronen Steinke schafft es erneut, ein wichtiges Thema auf die Agenda zu setzen. Mit seinem aktuellen Buch legt er den Fokus auf die sozialen Ungerechtigkeiten des deutschen Justizsystems. Mit einer Mischung aus Analyse und Anekdote, aus wissenschaftlichem Sezieren von Studien und Berichten von persönlichen Schicksalen, aus Gesprächen mit Akteur*innen und Vor-Ort-Besuchen macht Steinke aktuelle Problemlagen des Justizsystems greifbar.

Das Buch gliedert sich in acht Kapitel plus Vorwort, Reformvorschläge, Anmerkungen und Dank. Allen Kapiteln sind Grafiken vorangestellt, und sie bestehen jeweils aus drei Unterkapiteln, die sich dem Gegenstand von unterschiedlichen, einander ergänzenden Seiten nähern.

Es handelt sich um Themenkreise wie zum Beispiel die Frage nach Anwält*innen: Wie schlecht es funktioniert, sich selbst zu verteidigen, und was das vor dem Hintergrund bedeutet, dass in Deutschland, anders als in vielen anderen europäischen Ländern nicht jede*r Angeklagte eine*n Anwält*in unabhängig vom Geldbeutel bekommt. Ungleich vor dem Gesetz weiterlesen »

Mit dem Heute verbinden

geschrieben von Ulrich Schneider

13. Mai 2022

Studie zu Zugängen junger Deutscher zur NS-Geschichte

Alle Jahre wieder werden in unserem Land Jugendstudien durchgeführt. Möchten doch Werbewirtschaft und Politik wissen, was junge Menschen bewegt und wo sie mit ihrem Marketing ansetzen können. Die Soziologie kreiert dabei Bezeichnungen wie »Generation Golf«, »Generation Y« (auch Generation »Why«), mit denen bestimmte Geburtsjahrgänge bezeichnet werden, von denen man annimmt, dass sie über ein vergleichbares Weltbild verfügen. Nunmehr ist man bei der »Generation Z« angekommen, wenn man von den heute 16- bis 25-Jährigen spricht.

Aber es sind nicht nur Marketinginstrumente, sondern auch historisch interessante Themen, die bei solchen Befragungen behandelt werden. So veröffentlichte Mitte der 1980er-Jahre die Frankfurter Rundschau eine Studie, nach der über 80 Prozent der jungen Menschen in der BRD den antifaschistischen Widerstand – und zwar nicht nur den 20. Juli 1944 oder die »Weiße Rose« – für sich als verdienstvoll und vorbildlich betrachteten. Da die Distanz zum historischen Gegenstand heute noch einmal deutlich größer geworden ist, beauftragte Arolsen Archives vor gut einem Jahr das Befragungsinstitut »rheingold« mit einer tiefenpsychologischen Studie zur Haltung der »Generation Z« zur NS-Zeit, deren Ergebnisse Ende Januar 2022 vorgestellt wurden. Mit dem Heute verbinden weiterlesen »

Allgegenwärtige Erinnerung

geschrieben von Reinhold Weismann-Kieser

13. Mai 2022

Biografie zu Ruth Gröne erschienen

Ruth Gröne ist eine der letzten Zeugen, die die Schikanen und den Terror der Faschisten in Hannover erleiden mussten. Sie hat einen großen Teil ihres Lebens danach der Aufgabe gewidmet, die Erinnerung an diese Zeit wachzuhalten: in der Initiative für das Mahnmal am ehemaligen KZ Ahlem. Sie wurde dafür vielfach geehrt, mit dem Bundesverdienstkreuz und zahlreichen Auszeichnungen der Landeshauptstadt und der Region Hannover. Eng verbunden ist sie der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule in Ahlem. Dort musste sie einen Teil ihrer Kindheit verbringen, nachdem die Schule zum »Judenhaus« gemacht worden war. Anja Schade, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Ahlem, hat Ruth Gröne zu jener Zeit befragt und eine Biografie im Rahmen der Schriftenreihe der Gedenkstätte herausgebracht.

Diese ist aus vielen Gründen bemerkenswert: als Geschichte einer jüdischen Familie im ländlichen Raum; als Versuch der Integration in eine liberale gesellschaftliche Umgebung; als Leidensweg unter der antisemitischen Verfolgung während der faschistischen Herrschaft; danach die schrittweise Rückkehr in eine humane Normalität und dann der beispielhafte Kampf »gegen das Vergessen«. Die vielen dabei plastisch geschilderten Einzelschicksale und Personen ermöglichen geschichtliche Reflexion. Besonders das reiche Bildmaterial bietet einen anschaulichen Einblick in die neuere Stadtgeschichte Hannovers. Erschütternd sind die Kurzbiografien im Anhang: Oft enden sie 1941 in Riga oder im »Arbeitserziehungslager« Lahde. Allgegenwärtige Erinnerung weiterlesen »

Lebendig machen

geschrieben von Kristin Caspary

13. Mai 2022

Eine Medienkritik zur Instagram-Geschichte @ichbinsophiescholl

Sophie Scholl, von West bis Ost zur Ikone des deutschen Widerstands stilisiert, war schon häufig Figur deutscher Erinnerungs- und Unterhaltungskultur. Die letzten zehn Monate im Leben der Sophie Scholl »emotional, radikal subjektiv und in nachempfundener Echtzeit« nachzuerzählen, schickte sich das Medienprojekt @ichbinsophiescholl des SWR und BR an. Anlässlich des 100. Geburtstags von Sophie Scholl im letzten Jahr, wollten sie sie »aus den Geschichtsbüchern ins Hier und Jetzt holen« und »ihren Weg zu beispielloser Zivilcourage« abbilden.

Gewählt wurde dazu die »fiktionale Interpretation einer historischen Figur«, umgesetzt durch Fotos und Videos, die im sozialen Netzwerk Instagram bereitgestellt wurden. Im für die Plattform üblichen Stil eines Tagebuchs mit Bildern konnten die Nutzer_innen miterleben, wie Sophie Scholl ihren 21. Geburtstag feierte, wie sie sich in den Wehrmachtsoffizier Fritz Hartnagel verliebte und Zweifel an dieser ersten Liebesbeziehung verspürte. Sie begleiteten Sophie auf dem Weg, sich der »Weißen Rose« anzuschließen, Flugblätter zu vervielfältigen, Unterstützer_innen für den Widerstand zu finden und erlebten den berühmten Flugblattstoß vom Geländer des Lichthofs der Münchener Universität sowie die anschließende Verhaftung live mit. Lebendig machen weiterlesen »

Haus der Macht

geschrieben von Peps Gutsche

13. Mai 2022

Ein Lesebuch über weibliche Erfahrungen

Das Wort »herumtreiben« weckt unterschiedliche Assoziationen: ziellos, nicht an einem Ort bleibend, ungezügelt, (sexuell) ungebunden. Es weckt Bilder von Freiheit, die sich genommen wird, ebenso wie gesellschaftlich abwertende Bilder vermeintlicher sozialer Randgruppen.

Diese Assoziationen bündelt Bettina Wilpert mit viel Gespür für Atmosphäre. Sie erzählt die Geschichten junger Frauen in verschiedenen historischen Kontexten vom Nationalsozialismus bis in die Gegenwart. Ein (fiktives) Gebäude in der Leipziger Lerchenstraße verbindet dabei die Erlebnisse der jungen Frauen. Da ist Lilo, die in den 1940ern mit ihrer Familie Widerstand leistet und deshalb verhaftet wird. Da sind die namenlos bleibenden Zwangsarbeiterinnen, Jüdinnen, Romnja und Sintezze, die hier inhaftiert und später deportiert werden. Deren vielstimmige Gedanken und Hoffnungen, Wünsche und Träume nehmen nur wenig Worte in dem Roman ein, wecken dafür aber einen größeren Resonanzraum. Da ist die Jugendliche Manja, die in der DDR nach der ersten romantischen Begegnung mit dem schwarzen Vertragsarbeiter Manuel auf einer Station für Geschlechtskrankheiten zwangsinterniert wird. Später trifft sie dort ihre Freundin Maxie wieder, die gegen die sommerliche Tristesse des Alltags durch ihren Kontakt zu Punks rebelliert. Die Mittzwanzigerin Robin, die 2015 am gleichen Ort als Sozialarbeiterin in einer Unterkunft für Geflüchtete arbeitet, führt die Geschichten in die Gegenwart. Haus der Macht weiterlesen »

Auch unter Aktiven

geschrieben von Axel Holz

13. Mai 2022

Rechtspopulistisches Denken macht sich in der Arbeiterbewegung breit

Die völkisch-populistische Orientierung von betrieblich aktiven, gewerkschaftlich organisierten und teilweise in Betriebsräten wirkenden Arbeiter:innen ist seit einigen Jahren auffällig. Klaus Dörre (Universität Jena) und Karina Becker (Duale Hochschule Gera-Eisenach) haben sich mit diesen Phänomenen wissenschaftlich auseinandergesetzt, unterstützt von Peter Reif-Spirek, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung in Thüringen. Unter den Autoren finden sich unter anderem Annelie Buntenbach zur Anziehungskraft der AfD für Arbeiter:innen und Wilhelm Heitmeyer zu autoritärem Nationalradikalismus. Auch unter Aktiven weiterlesen »

Nach 1945 reorganisiert

geschrieben von Mathias Wörsching

13. Mai 2022

Spannender Einstieg zu Faschismus in Italien mit Vorsicht zu genießen

Gerhard Feldbauers insgesamt gut lesbares Büchlein wirft Schlaglichter auf wesentliche Weichenstellungen des letzten Jahrhunderts italienischer Geschichte. Aus marxistisch-leninistischer Sicht wird beleuchtet, warum die Entfaschisierung Italiens scheiterte, warum sich ultrarechte Kräfte gleich nach 1945 reorganisieren und in den 60er-, 70er-Jahren mit Anschlägen und Putschversuchen die Demokratie erschüttern konnten. Um 1992/93 ging der italienische Nachkriegsparlamentarismus in einem gigantischen Korruptionsskandal unter. Seither haben weit rechts stehende bis neofaschistische Kräfte in Italien Konjunktur und waren bereits an mehreren Regierungen beteiligt oder führten diese sogar. Nach 1945 reorganisiert weiterlesen »

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