Sagt NEIN!

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geschrieben von Gerd Deumlich

Wolfgang Borchert schrieb gegen Krieg und Vergessen an

Mai-Juni 2011

Es ist mehr als eine Anstandspflicht, an den 90. Geburtstag von Wolfgang Borchert und an sein literarisches Vermächtnis zu erinnern. Wir sind es ihm, aber nicht minder uns selbst schuldig, den heutigen Generationen.

Wolfgang Borchert blieben nur wenige Jahre, schreibend der Wahrheit über soeben erlebte Geschichte auf die Spur zu kommen. Er verstarb 26-jährig im November 1947. Die Jahre seiner intensiven schriftstellerischen Arbeit waren ein unerbittlicher, oft qualvoller Wettlauf mit einer tückischn Krankheit, gegen die er verlor. Da hatte er ein Werk hinterlassen, das gegen die sich nach der Niederlage des Faschismus ausbreitende Sucht, die Vergangenheit vergessen zu wollen, anschrieb. Damals eine unerhörte Herausforderung, zwingt sie uns heute zu der Frage, wieviel das Wort des Dichters für den Lauf der gesellschaftlichen Wirklichkeit wiegt? Steht es für die Vergeblichkeit von Vernunft, weil die letzten Worte, die Wolfgang Borchert schrieb, der Appell an die Menschen, sagt NEIN zu Krieg, nicht das bestimmende Gehör fand?

Diese Aufforderung zum Ungehorsam gegenüber einer militaristischen Obrigkeit hatte er bereits in der faschistischen Zeit in »Soldatenbriefen« ausgestreut. Aus dem Frontlazarett in Russland wurde er, verletzt und an einer gefährlichen Gelbsucht leidend, nach Nürnberg ins Gefängnis und vor Gericht geschleppt. Dort wurde das Todesurteil beantragt. Nach sechs Wochen allein in der Todeszelle wurde das Urteil auf »Frontbewährung« gemildert. Natürlich an der Ostfront. Doch die Krankheit machte ihn untauglich für die Fronttruppe. Er sollte entlassen werden. Am Vorabend wegen einiger politischer Witze denunziert, wanderte er für neun Monate ins Gefängnis Berlin-Moabit, wurde im Frühjahr 1945 in den Südwesten verlegt. Als der Krieg endlich zu Ende war, machte er sich zu Fuß auf nach Hamburg zu den Eltern.

Es begann der Widerstreit zwischen der Notwendigkeit der Schonung und Pflege und dem unbändigen Streben, an der Gestaltung neuer Verhältnisse beteiligt zu sein. Dafür war ihm die schonungslose Abrechnung mit dem Faschismus die unbedingte Voraussetzung, wofür er, wenn man seine schwere Erkrankung bedenkt, mit Gedichten, zahlreichen Kurzgeschichten, mit seinem einzigen Bühnenstück »Draußen vor der Tür« einen Beitrag leistete, der sich vor allem durch die geistige Konsequenz auszeichnete.

In dem Stück um den Kriegsheimkehrer Beckmannn will diese geschundene Kreatur ihr Leben aufgeben, wird von einem »Anderen« immer wieder angetrieben, weiter zu machen, gerät an den Obersten, der, jetzt in standsgemäßem Wohlstand lebend, ihm in Stalingrad verbrecherische Befehle erteilt hatte, versucht vergeblich, dem die Verantwortung für den Tod von Kameraden zurück zu geben, gerät an den lieben Gott, den er verzweifelt fragt, »warst Du in Stalingrad lieb, lieber Gott, wann warst Du eigentlich lieb, Gott?«

Borchert nannte dieses radikale Antikriegsstück »eines, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will«. Es erlebte seine Uraufführung einen Tag nach dem Tode des Autors, am 21. November 1947 im Hamburg, wurde von vielen deutschen und ausländischen Bühnen in den Spielplan aufgenommen, verfilmt, als Rundfunkhörspiel produziert, als Buch verlegt.

Viele junge Menschen schrieben an Borchert, ermunterten ihn, nicht mit dem Schreiben aufzuhören, »schreibe für die Tausende von ›Beckmann‹, für alle, die draußen vor den Türen stehen, schreibe, dass Dir die Finger bluten«. Doch das schaffte er nicht mehr. Ein Aufenthalt in der Schweiz sollte Hoffnung auf Besserung bringen. Vergebens.

Er hatte es noch geschafft, dem Mann an der Maschine, dem Forscher im Laboratorium, dem Pfarrer auf der Kanzel, den Müttern in aller Welt, ins Gewissen zu reden, NEIN zu sagen, wenn ihnen befohlen wird, sich für den Krieg herzugeben.Seine letzten Worte waren es, vor der Apokalypse zu warnen, die unweigerlich eintritt, »wenn ihr nicht NEIN sagt«. Ist das hinfällig, weil so viele noch schweigen?

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