Sterbebücher aus Meseritz

geschrieben von
Hans Canjé

5. September 2013

Nur am Sonntag wurde nicht »gestorben« – Zeugnisse des
Massenmordes

März-April 2010

Keinen Namen vergessen

Kein Name solle vergessen werden. Der von den Faschisten benutzte Begriff »Euthanasie« müsse aus dem Sprachgebrauch verschwinden, sagte die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Barbara John bei der Übergabe der Sterbebücher. »Das war keine Sterbehilfe, das war Mord«. Den Opfern ein Gesicht geben heiße auch fragen, wer hat da gemordet, wer waren die Mörder, sagte Prof. Andreas Nachama, Geschäftsführender Direktor der Topographie des Terrors.

In einem noch 1945 von der Roten Armee organisierten Prozess wurden mehrere Todesurteile gegen Pfleger der Vernichtungsanstalt ausgesprochen und vollstreckt. 1963 endete in München ein Prozess gegen 14 an den Morden beteiligte Schwestern mit Freisprüchen aus »Mangel an Beweisen«.

Am 26. Januar übergaben in Berlin der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Berliner Stiftung Topographie des Terrors von polnischen Wissenschaftlern aufgefundene Sterbebücher mit den Namen von 5.000, überwiegend aus Berlin stammenden, Opfern der als »Euthanasie« getarnten Mordaktion in der Krankenanstalt Meseritz an das Landesarchiv Berlin.

Ab November 1941 entwickelte sich die modern und gut ausgestattete Krankenanstalt Obrawalde bei Meseritz zur »regelrechten Vernichtungsanstalt« (Ernst Klee). Nach den Worten das Historikers Peter Sandner wurde sie zur »Modellanstalt einer neuen systematischen Krankenmordaktion«, die als »Ersatz oder Fortsetzung der Gasmordaktion gelten« könne. Bis Ende 1941 waren im Zuge des mit dem Tarnbegriff »Euthanasie« (Gnadentod) bezeichneten Mordprogramms rund 70.000 kranke und behinderte Kinder, Frauen und Männer in den sechs zentralen Vernichtungsanstalten (Brandenburg, Pirna-Sonnenstein, Bernburg, Hadamar, Grafeneck, und Linz) »desinfiziert« d. h. vergast oder auf andere Art ermordet worden. Offiziell wurde die von der Berliner Zentrale gelenkte Aktion »T 4« im August 1941 beendet. In Wahrheit wurde »T 4« in den Konzentrationslagern und durch eine Verlagerung z. B. in Richtung Osten, in die okkupierten polnischen Gebiete, fortgesetzt. Patienten aus dortigen Pflegeanstalten wurden in die Gaue Wartheland und Danzig Westpreußen deportiert und von SS-Einsatzkommandos umgebracht. Bis Ende 1941 wurden so 4.000 Betten für zur »Ausmerze« vorgesehenen Kranke aus dem Reich »freigemacht«. 10.000 Menschen fielen dieser Aktion zum Opfer.

Mit dem ersten Bahntransport kamen 700 Personen aus deutschen Heilanstalten in das von polnischen Patienten »gesäuberte« Krankenhaus Meseritz-Obrawalde. Weitere Transporte mit bis zu 300 Personen kamen regelmäßig nachts zwischen 23 und 24 Uhr und wurden auf einem Nebengleis in Empfang genommen

Die amtlich als »lebensunwert« oder als »asozial« abqualifizierten Menschen wurden, so sie den Transport überlebt hatten, noch auf dem Bahnhof selektiert. Für die nicht Arbeitsfähigen stand das Todesurteil fest, es wurde in einigen Fällen auch gleich auf dem Bahnhof vollstreckt. Emsige »Pflegerinnen« nahmen sich der Ankömmlinge an. Ihr Leben endete in der Regel innerhalb von drei Tagen durch die Verabreichung von Veronal oder durch Giftspritzen. Hier wurde fast individuell, in »Handarbeit« gemordet. Die ahnungslosen Kranken wurden von den »Schwestern« in speziell eingerichteten Sterbezimmer mit zwei Betten geführt. Hier erhielten sie das tödliche Getränk mit Veronal oder die Giftspritze. Einige Patienten wurden durch Luft-injektionen umgebracht oder erschossen. Allein zwischen Januar und September 1944 starben, so bekundete ein nur formal bestehendes hauseigenes Standesamt auf dem Totenschein, an »Herz- oder Altersschwäche« – 3.241 Patienten. Anfangs wurden sie zum Verbrennen ins Krematorium von Frankfurt/Oder transportiert, später auf dem Gelände in Massengräber verscharrt. Nur an Sonntagen wurde nicht »gearbeitet«. »Schwester« Rataczak gestand, auf diese Weise 2.500 Frauen getötet zu haben. »Das letzte Mal habe ich zwei Frauen am 28. Januar 1945 getötet und am nächsten Tag bin ich nicht mehr zur Arbeit gegangen, da die Rote Armee in unsere Stadt kam.«

Der Leiter des Beerdigungskommandos sagte in einer Vernehmung nach der Befreiung der Anstalt durch die Rote Armee Ende Januar 1945 aus, monatlich seien zwischen 450 und 600 »durch Spritzen getötete Menschen beerdigt worden«. Ehe die in Verdunklungspapier gewickelten Leichen ins Massengrab geworfen wurden, sind ihnen noch die Zähne mit Goldkronen herausgebrochen worden. Die Zahl der in Meseritz-Obrawalde ermordeten Menschen liegt bei mindestens 10.000. Ernst Klee nennt in »›Euthanasie‹ im NS-Staat« sogar die Zahl 18.000 als wahrscheinlich. Die meisten Opfer kamen nach polnischen Angaben aus Berlin. Eine sowjetische Kommission, die am 16. Februar 1945 in der Anstalt eintraf, fand einige Tausend neue Urnen und weitere Anzeichen dafür, dass für 1945 der Bau eines neuen Krematoriums geplant war.