Wir waren »Zersetzer«

geschrieben von
Die Fragen stellte Regina Girod

5. September 2013

antifa-Gespräch mit Hanna Podymachina, die in der Sowjetarmee
kämpfte

Mai-Juni 2009

Hanna Podymachina ist Vorstandsmitglied der DRAFD (Verband Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung »Freies Deutschland«) und lebt in Berlin.

antifa: Du wurdest 1924 als Hanna Bernstein in Berlin geboren. Den Tag der Befreiung hast du als Oberleutnant der Sowjetarmee in einer Privatklinik in Wien erlebt, wo man deine Malariaerkrankung behandelte. Wie bist du da hingekommen?

Podymachina: Es war ein schwerer Weg dorthin. Ich stamme aus einer kommunistischen Familie. Mein Vater, Rudolf Bernstein, arbeitete seit 1925 als Mitarbeiter im ZK der KPD. In unserer großen Wohnung gingen die Genossen ein und aus. Manche wohnten auch eine Zeitlang bei uns, zum Beispiel Dimitroff, den wir später in Moskau wieder getroffen haben. Sofort nach dem Reichstagsbrand wurde Vater verhaftet, sein Name stand mit auf den Listen. Erst saß er im Keller des Polizeipräsidiums, dann kam er nach Spandau ins Gefängnis und schließlich landete er im KZ Sonnenburg, das eine richtige Folterhölle war.

antifa: Wie seid ihr nach Moskau gekommen?

Podymachina: In Badesachen aus Kopenhagen. Nein, im Ernst: Vater kam Weihnachten 1933 raus, musste aber sofort untertauchen, weil er nur irrtümlich entlassen worden war. Er lebte noch ein paar Monate illegal in Berlin, dann wurde er nach Kopenhagen geschleust. Dorthin reisten meine Mutter, mein Bruder Micha und ich ihm im Sommer 1934 nach. Offiziell fuhren wir in den Badeurlaub, also auch nur mit kleinem Gepäck. Am 15. Juni 1934 kam unsere Familie am Bjelorussischen Bahnhof in Moskau an. Wir nahmen den Namen »Bauer« an, weil die UdSSR noch diplomatische Beziehungen mit Hitlerdeutschland unterhielt und uns als »Bernsteins« hätte ausliefern müssen. Bis 1938 lebten wir dann im Hotel »Jakor« an der Gorkistraße. Micha und ich besuchten die Liebknechtschule, Mutter arbeitete im Institut für Marxismus/Leninismus und Papa war für die Komintern im Auslandseinsatz, vor allem in Norwegen.

antifa: Die Jahreszahl 1938 ist verknüpft mit einer Welle von Verfolgung und Repression. Habt ihr etwas davon mitbekommen?

Podymachina: Die Liebknechtschule wurde geschlossen, überall wurden »Verräter« enttarnt. Auch unsere Familie traf es, allerdings etwas später. Mein zwei Jahre älterer Bruder Micha wollte unbedingt zur See fahren. Also ging er nach der Schule 1940 nach Wladiwostock auf eine Seefahrtsschule. In den Sommerferien heuerte er als Matrose auf einem Schiff an, eine Art Praktikum. Als er nach Wladiwostock zurückkam, wurde er verhaftet. Er starb in einem Lager in Mittelasien. Vater hatte Dimitroff gebeten, nach Micha zu forschen. So haben wir es erfahren.

antifa: Heute weiß man, dass viele deutsche Emigranten Ähnliches erlebt haben.

Podymachina: Selbst als »Politemigranten« waren wir ja gewissermaßen geduldete Gäste. Und dann kam auch schon der Krieg. Als die Deutschen vor Moskau standen, wurden wir nach Uljanowsk evakuiert. Das Leben dort war sehr schwer. Mama arbeitete in einer Näherei, zuerst ging ich noch zur Schule, dann nicht mehr. Wir hatten keine Lebensmittelkarten. Es gab eine Suppenküche, an der ich mich immer anstellte, damit wir überhaupt etwas Warmes zu essen bekamen. Auf dem Markt haben wir verkauft, was wir entbehren konnten. Zum Glück durften wir nach Moskau zurückkehren.

antifa: Hast du dich freiwillig zur Front gemeldet?

Podymachina: Nicht direkt, ich hatte ein Studium am Fremdspracheninstitut angefangen. Eines Tages wurde ich gefragt, ob ich als Dolmetscherin an die Front gehen würde. Man prüfte meine Deutschkenntnisse, die waren natürlich gut, und dann kam ich an die Südwestfront. Wir haben den Kessel bei Stalingrad mit zugemacht. Später wurden wir die 3. Ukrainische Front, die vom Süden her bis nach Wien zog.

antifa: Was waren an der Front deine Aufgaben?

Podymachina: Wir haben zum Beispiel nachts die Frontnachrichten gehört, sie ins Deutsche übersetzt und auf Flugblätter gedruckt. Die wurden dann über den deutschen Linien abgeworfen. Gedruckt haben wir auf einer kleinen amerikanischen Druckmaschine, die funktionierte ohne Strom, mit Treten. Anfang 1943 kam für jeden Frontabschnitt ein Lautsprecherwagen, unserer wurde bis Wien mein Zuhause. Mit dem haben wir alles Mögliche gemacht, nachts zum Beispiel Panzergeräusche abgespielt und Aufrufe zu Desertieren gesendet. Es war unsere Aufgabe, die Moral der deutschen Truppen zu zersetzten. So nannten wir uns auch: Zersetzer. Für kurze Zeit war ich auch mal auf einem Doppeldecker eingesetzt, dem sie rechts und links in den Flügeln Lautsprecher eingebaut hatten. Wir sind über unserem Gebiet aufgestiegen, dann haben wir den Motor abgeschaltet, sind über den Deutschen gekreist und ich habe Reden und Aufrufe verlesen. Das muss man sich mal vorstellen, die haben wie die Wilden auf uns geschossen, deshalb ging das ja auch nur nachts. Trotzdem war das Flugzeug bald fluguntauglich. Nach dem Krieg habe ich in Karlshorst in der Sowjetischen Militäradministration bei Tjulpanow gearbeitet. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.