Am Schluss wird geschaufelt

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geschrieben von Thomas Willms

Leporello »Der Erste Weltkrieg« orientiert sich am Teppich von Bayeux

 

Joe Saccos neues Werk »Der Erste Weltkrieg. Die Schlacht an der Somme« stellt die Fans dieses -großen Comic-Künstlers zunächst vor ein Rätsel. Sacco hat zahlreiche Terror-, Kriegs- und Katastrophengebiete der Welt bereist und zu Comic-Reportagen verarbeitet. Er ist berühmt für seine Direktheit und ungeschminkte Härte, für Nahbilder, große Gesichter und Einzelgeschichten, die das große Ganze verdeutlichen. Nichts von alledem findet sich in »The Great War«, das sich mit dem aus britischer Sicher schlimmsten Ereignis des Ersten Weltkrieges, dem Angriff auf die deutschen Stellungen im Bereich der Somme am 1. Juli 1916 beschäftigt. Mit übermäßigem Optimismus im Morgengrauen begonnen, endete er als blutigster Tag der britischen Militärgeschichte mit 57.000 Verlusten, davon fast 20.000 Toten.

Die Horrorszenarien zu diesem Krieg sind aber längst gezeichnet. Jacques Tardis anarchistisch-defätistisches Werk zum Ersten Weltkrieg ist nicht zu übertreffen, mag Sacco sich gesagt haben. Umso erstaunlicher ist aber, dass er auch eine andere ausdrücklich von ihm benannte und hervorgehobene Vorlage nicht angenommen hat. Es ist der bereits 1971 erschienene Band »The First Day of the Somme« von Martin Middlebrook. Die bizarren Details, für die diese Schlacht berüchtigt ist, werden nach diesem u.a. auf zahlreichen Interviews beruhendem Klassiker, zitiert. Die Ausgabe von Fußbällen an die Angreifer, mit denen sie das Niemandsland im Wettstreit überqueren sollten; das Bataillon Neufundländer, das bis heute an der Stelle begraben ist, an der es nahezu vollständig umkam; der Offizier, der ein Geländemodell anfertigte, anhand dessen er exakt die Stelle berechnete an der er umkommen würde; all das und noch viel mehr, hätte zu einer Visualisierung geradezu eingeladen.

Die gestalterische Lösung ist aber eine radikal andere. Es ist ein sieben Meter langes Leporello, das die Vorbereitungen, den Angriff und sein Scheitern aus britischer Perspektive zeigt. Sein Vorbild ist der Teppich von Bayeux, ein grundlegendes Werk europäischer Kunst aus dem 11. Jahrhundert. Der 70 Meter lange Teppich, eigentlich eher ein bestickter Wandbehang für die großen Herrenhäuser, schildert den normannisch-angelsächsischen Konflikt um die Macht auf der Insel, der in der Schlacht von Hastings 1066 kulminierte. Es ist ein Produkt der Sieger, der Normannen. Und doch ist es keine reine Verherrlichung von König Wilhelm dem Eroberer, sondern ausgerichtet auf Fairness und Versöhnung. Harold, der unterlegene angelsächsische König wird als fehlgeleitet, aber trotzdem ehrenwert charakterisiert. 1066 steht für den Beginn der englischen Geschichte und Sprache im eigentlichen Sinn. Den 1. Juli 1916 kann man – zugespitzt – für den Anfang vom Ende des britischen Empire halten, da er die Endlichkeit der eigenen Kräfte zum ersten Mal wirklich deutlich machte.

Saccos gezeichnetes Leporello bringt es auf sieben Meter, die man entweder wie ein Buch durchblättern oder entfalten kann. Hier wie dort ist es eine Bildergeschichte voller Details an Personen, Kleidung, Waffen, Gebäuden, Werkzeugen, Tieren usw.. Doch Sacco fehlen im Gegensatz zu den Frauen, die den Teppich auch mit lateinischen Erläuterungen bestickt haben, die Worte. Was man sieht, wird nur im Begleitheft erklärt. Es ist außerdem eine graue Welt ohne die wunderschönen Farben des Mittelalters.

Der Militärhistoriker würde außerdem einwenden, dass Details fehlen, die das schreckliche Desaster erklärbar machen. Der Gegner wird nicht dargestellt und es gibt auch keine politisch-moralische Einordnung. Vor allem aber fehlt das, was bei vielen Denkmälern zu Kriegen und Terror heute vordringlich ist, das Element des Namengebens. Das Leporello ist hingegen ein Werk der Distanz, akzeptierend, dass wir keine persönliche Beziehung mehr herstellen können. Sacco vermittelt den Respekt gegenüber den Menschen auf eine andere Weise, die eine titanische Arbeit, eine Art von Opfer, erfordert hat. Er konzentriert sich darauf, jeder Figur eine Umrandung zu geben, sie nicht in Andeutungen und Schatten verschwinden, also in der Masse untergehen zu lassen. Und er macht im Gegensatz zum derzeitigen medialen Schlachtengetöse deutlich, dass das Kriegsgeschehen selbst nicht in erster Linie Kampf, sondern zu allererst Arbeit war. Seine Figuren – und es müssen tausende sein – tragen, schieben, ziehen, stopfen usw. usf.. Und am Ende muss vor allem geschaufelt werden, nämlich die Gräber und gehämmert und bemalt, und zwar die Grabkreuze.

Der Bayeux-Teppich hat fast ein Jahrtausend an Kriegen, Plünderungen, Bränden, Umstürzen und Verbrechen und zum Schluss sogar die Deutschen überstanden. Auch Joe Saccos »The Great War« wird noch sehr lange betrachtet werden.

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