Durchgangsstation DP-Camp

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geschrieben von P. C. Walther

Eine Ausstellung in Frankfurt über ein Stück Nachkriegsgeschichte

Knapp zehn Millionen Menschen, die aus vielen Ländern von den Nazis in KZs oder zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren und den Naziterror, wenn auch geschunden und geschwächt, überlebt hatten, befanden sich 1945 fernab ihrer Heimat auf für sie fremdem Boden, zumeist in Deutschland. Dazu zählten auch Kriegsgefangene. Sie alle wurden von den Alliierten als »Displaced Persons« (verschleppte Personen) bezeichnet. Befreit, mussten sie erst einmal untergebracht, versorgt und betreut werden. Ihnen musste geholfen werden, entweder in ihre Heimatorte zurückkehren zu können, wo das möglich und gewollt war, oder Wege in eine neue Heimat zu finden. Zur Bewältigung dieser Aufgaben errichteten die Alliierten sogenannte DP-Camps. Vereinzelt wurden zu diesem Zweck auch Wohnungen und Häuser belegt.

Blick in die Ausstellung. Foto: P.C. Walther

Blick in die Ausstellung. Foto: P.C. Walther

Über das Schicksal der Menschen in den DP-Camps und DP-Einrichtungen berichtet mit Bildern, Texten und Exponaten sehr anschaulich und informativ eine Ausstellung des International Tracing Service (ITS). Die Ausstellungsmacher haben die Frage, die sich damals den meisten dieser Naziopfer stellte, zum Titel genommen: »Wohin sollten wir nach der Befreiung?«. Untertitel: »Zwischenstationen: Displaced Persons nach 1945«.

Die Ausstellung hatte im September Premiere in Frankfurt am Main. Sie wurde dort zum ersten Mal präsentiert – und zwar an einem durchaus passenden Ort: in den Räumen der Bildungsstätte Anne Frank. Mit der Ausstellung wird an einen wesentlichen Abschnitt im Leben von Millionen Menschen erinnert; ein Lebensabschnitt, der vom Terror und den Folgen des deutschen Faschismus geprägt war. Die Erinnerung daran ist in Deutschland, wenn sie überhaupt einmal gegenwärtig war, weitgehend verdrängt und vergessen – wie so vieles, was zu den Bestandteilen und Folgen des Faschismus gehört.

Deshalb leistet die Ausstellung ein wichtiges Stück Gedenk- und Erinnerungsarbeit. Das wurde bei der Eröffnung auch von der Kuratorin, Dr. Susanne Urban, betont: Eine Erinnerung, die den Blick des Betrachters »in die Gegenwart richten« soll. Dabei verwies sie auf die Flüchtlinge heute.

Die einzelnen Tafeln mit Bildern, Kopien von Dokumenten und erläuternden Texten informieren sehr gut über das Schicksal der Menschen in den damaligen DP-Camps und Wohnungen, über das Erlebte und die Ziele ihres künftigen Lebens, die Wege dorthin und auch über die dabei aufgetretenen Schwierigkeiten. Besonders eingängig nachzuempfinden ist das auf denjenigen Tafeln, die über Einzelschicksale berichten.

In den einzelnen DP-Camps entwickelte sich auf der Basis einer gewissen Selbstverwaltung sehr bald eine Art von eigenen Gemeinden und Zusammenschlüssen mit politischem und kulturellem Leben, das sehr vielfältig war. Schließlich kamen die Menschen aus verschiedensten Ländern und aus unterschiedlichsten Verhältnissen – auch mit unterschiedlichen Einstellungen. »Die Beziehungen zwischen DPs, Alliierten und Deutschen veränderten sich ständig, bedingt durch politische, gesellschaftliche und individuelle Faktoren«, heißt es auf einer der Tafeln. Auf Seiten der deutschen Bevölkerung herrschten Wegschauen bis blanke Ablehnung vor.

Rund sechs Millionen Menschen konnten bis September 1945 repatriiert werden. Für mehr als drei Millionen dauerte der Schritt zu einem neuen Ort und Lebensabschnitt wesentlich länger. 1951 wurde die Zuständigkeit für die verbliebenen DPs an die deutschen Behörden abgegeben. Bezeichnenderweise bestimmte die Bundesregierung das Vertriebenenministerium für zuständig und bezeichnete diese Naziopfer fortan als »heimatlose Ausländer«.

Auch Kollaborateure und andere Nazihelfer versuchten über die DP-Camps unerkannt und mit gefälschter Vita Unterschlupf und Wege ins Ausland zu finden, was ihnen zum Teil auch gelang. Der später aus den USA ausgewiesene und dann in München verurteilte KZ-Wächter Demjanjuk war einer von ihnen. Auf alle diese Facetten wird in der Ausstellung hingewiesen, ihr Besuch lohnt sich unbedingt.

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