Spurensuche in Barcelona

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geschrieben von Hans Canjé

Impressionen von einer Reise in die Metropole Kataloniens

 

Herbst in Barcelona. Das heißt an diesem 20. Oktober 2014: Strahlend blauer Himmel bei etwa 23 Grad. Entsprechend heiter die Stimmung der nach Polizeiangaben 110.000 Menschen, die an diesem Tag auf der Placa Catalunya in der katalanischen Metropole für die Unabhängigkeit von Spanien demonstrierten. »Die katalanische Zivilgesellschaft«, ist auf einem an die Passanten verteilten Traktat zu lesen, »fordert die Politik zum wiederholten Male friedlich auf, sie frei über ihre Zukunft entscheiden zu lassen.« Eine trotz des politischen Anliegens fast fröhliche Stimmung. Die Fahnen in den Landesfarben rot-gelb und mit dem blauen Stern dominieren das Bild. Aus den Lautsprechern dringen Redebeiträge und Musik weit in die dicht gefüllten angrenzenden Nebenstraßen.

Die Stimme von LLuis Llach, einem der bekanntesten Vertreter des katalanischen Liedes – und des Widerstandes gegen das Franco-Regime – ist weithin zu hören. Er singt katalanisch. Von1970 bis 1973 hatte er Auftrittsverbot. Er ging ins Ausland – seine Lieder aber wurden weiter im Land verbreitet. Am 15. Januar 1976, zwei Monate nach dem Tod des Diktators hatten sich in der Sporthalle von Barcelona Künstler und Politiker, die in den Jahren der Franco-Herrschaft im Untergrund oder im Gefängnis waren, öffentlich mit Tausenden vorwiegen jungen Leuten versammelt. Und alle sangen zusammen mit LLach sein, damals auf den verhassten General Franco und das ersehnte Ende der Diktatur zielendes und heute weiter aktuelles Lied »Der Pfahl«

»Wenn wir alle ziehen, wird er fallen/ lange kann er nicht mehr halten/ er wird fallen, fallen, fallen/ ganz morsch muss er schon sein./ Ich ziehe kräftig hier/ und du ziehst kräftig dort/ dann wird er fallen, fallen, fallen, / und wir können uns befreien.«

Am Sonntag zuvor, am 12. Oktober, ein Nationalfeiertag zur Erinnerung an die Entdeck-ung Amerikas durch Kolumbus, hatten sich 40 000 Bürger aus dem selben Anlaß auf der Placa Catalunya versammelt. Franco hatte an diesem Tag die »Spanische Rasse« proklamiert. Seine noch immer agieren dürfenden Anhänger feiern diese »Erhebung« am liebsten auf dem die Stadt überragenden alten Castell de Montjuïc aus dem Jahre 1751. Hier waren, nachdem Francos Truppen am 26. Januar 1939 in Barcelona eingerückt waren, mehrere katalanische Sozialisten und Politiker, unter anderem auch der ehemalige Präsident der Generalitat de Catalunya Lluís Companys, hingerichtet worden. Eine Gedenktafel auf dem Burggelände erinnert an den Mord. Am Rande des Zentralfriedhofs der Stadt liegen in einem alten Steinbruch zirka 4000 Opfer des Franco-Regimes verscharrt

Auf den Spuren der Vergangenheit führt uns der 24jährige Geschichtsstudent Marc zum Platz San Felipe Neri, versteckt in der Altstadt. Er erzählt von den schweren Bombardierungen Barcelonas im März 1938, an denen neben Flugzeugen der vom faschistischen Deutschland entsandten »Legion Condor«, auch der italienische Verbündete Francos beteiligt war. 42 Zivilisten, darunter 20 Kinder, die in der Kirche Schutz gesucht hatten, wurden an dieser Stelle getötet. Die Spuren der Bombeneinschläge sind noch an der Außenwand von Kirche und Kloster zu sehen.

Die Spuren der Vergangenheit sind auch im Benedektinerkloster Montserrat, in den »zersägten Bergen«, einer atemberaubenden Bergwelt zu finden. Zwischen 1960 und 1970 schützte es mehr als 300 Intellektuelle und Verfolgte des Franco-Regimes, 23 Montserrat-Mönche wurden in den 1930er Jahren hingerichtet. Aus der Druckerei des Konvents gelangten während der Diktatur Broschüren und Flugblätter in der damals verbotenen Sprache unters Volk. Das Kloster Montserrat – eine Touristen-attraktion und ein geschichtsträchtiger Ort der Besinnung.

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