Deutsche Militärzeitschriften

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Eine Bestandsaufnahme von Žiga Podgornik-Jakil und Thomas Willms

Wer im Bahnhofsbuchhandel nach Militärzeitschriften sucht, muss dahin gehen, wo fast ausschließlich Männer vor den Regalen stehen – in die Abteilung Auto/Motor. Dort findet man je nach Größe des Geschäfts ca. 30 Magazine, die sich mit Militärischem beschäftigen. Thematische Überschneidungen gibt es darüber hinaus mit den Zeitschriften für Geschichte, Handfeuerwaffen, Messer, Überlebenstechniken, Eisenbahnen, Flugzeuge, Drohnen, Computerspiele und Fantasy, die hier nur bedingt betrachtet werden sollen. Generell gilt, dass die Prinzipien des Zeitschriftenmarktes auch im Militär-Segment gelten. Außer relativ wenigen breitgefächert angelegten Produkten ist das Gros Einzelaspekten gewidmet. Dabei gilt als Faustformel, dass man von einem erfolgreichen Spezial-Segment immer ein noch spezielleres abspalten kann. So gibt es aus dem Verlagshaus GeraMond eben nicht nur »Militär & Geschichte«, sondern auch »Flugzeug-Classic« und »Flugzeug Classic Special« und »Flugzeug Classic Jahrbuch«. Milita¦êrzeitschriften 006 Alle besprochenen Zeitschriften sind mit 5 bis 10 Euro relativ hochpreisig und von guter bis sehr guter Papier- und Druckqualität. Die Anzahl der Titel hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Nicht alle Auflagenhöhen sind bekannt, aber die bedeutenderen bewegen sich bei etwa 40.000 Stück. Auch die Positionierung in den Regalen hat sich dem Augenschein nach verbessert. Insgesamt handelt es sich also um ein Marktsegment mit steigender wirtschaftlicher Bedeutung. Allgemeine Militärzeitschriften gibt es vier: die »Deutsche Militär-Zeitschrift (DMZ)«, »Militär & Geschichte« »Clausewitz« und »Husar«. Bei »Husar«, herausgegeben und im Wesentlichen auch verfasst von einem Velimir Vuksic, handelt es sich eigentlich um eine kroatische Zeitschrift, die mehr schlecht als recht übersetzt wird und auch nicht im Abo erhältlich ist. Clausewitz und Militär & Geschichte stammen aus demselben Verlag (GeraMond), die DMZ gehört zum Verlagsgeflecht des Schleswig-Holsteiners Dietmar Munier. Die meisten Magazine beschäftigen sich jedoch mit militärisch-technischen Aspekten, vornehmlich Flugzeugen und Schiffen, aber auch Fahrzeugen. Aktuelle und historische Modelle werden meistens in ein- und denselben Ausgaben vorgestellt und diskutiert. Außer den realen Schiffen und Flugzeugen sind auch die Modelle derselben interessant, weshalb es dafür besondere Hefte gibt. Zeitschriften für Orden, Abzeichen und Uniformen gibt es ebenfalls, ein regelrechtes Reenactment-Magazin aber bislang nicht. Wer also Freude daran hat, sich möglichst originalgetreu zu verkleiden, um dann Krieg zu spielen, muss auf französische oder englische Magazine ausweichen. Lange wird es aber wohl nicht mehr dauern, da der Verlag Heinz Nickel aus Zweibrücken bereits aus einem französischen Reenactment-Magazin (»Militaria«) nachdruckt. Ein regelrechtes Killer-Blatt ist »K-ISOM«, das »International Special Operations Magazine« mit dem der Leser sich in die Rolle eines Kommando-Soldaten hineinträumen kann. Eine weitere interessante Kategorie bilden die Rüstungszeitschriften »Marineforum« und »Europäische Sicherheit & Technik«, die sich weitgehend mit Neuerungen und Entwicklungen der Kriegstechnik beschäftigen. Bei diesen beiden ist die Finanzierung ziemlich offensichtlich. Großformatige Anzeigen für Produkte, die der Käufer eher selten braucht – z.B. Torpedos – oder Anzeigen mit vagem Inhalt (»MTU – perfekt auf sie abgestimmt. Konstante Höchstleistungen auch unter extremen Bedingungen …«) deuten darauf hin, dass das Verkaufsgeschäft nicht ausschlaggebend ist. Zum Vergleich heranzuziehen sind auf jeden Fall »Y – Das Magazin der Bundeswehr«, das mit fast 50.000 eine der höchsten Auflage erreicht, im Zeitschriftenhandel jedoch nicht zu finden war und »loyal«, das Blatt des Reservistenverbandes. Insgesamt zeigt sich ein breitgefächertes Spektrum an Eigentümern, Herausgebern und Institutionen. Es reicht von einem eindeutig rechtsextremen Verlagshaus (Munier) über die »Marine-Offizier-Vereinigung MOV« (1918 gegründet als konterrevolutionäre Gemeinschaft), das Verteidigungsministerium bis hin zu kleinen und großen deutschen und in kleinerem Umfang ausländischen Verlagshäusern, denen keine übergeordneten politischen Ambitionen nachzuweisen sind. Es stellt sich die Frage, ob und inwieweit diese Machtstrukturen Einfluss auf den Inhalt und insbesondere auf das Verhältnis zur deutschen Militärgeschichte haben. Bevor diese Frage angegangen wird, muss auf ein Dokument eingegangen werden, das von herausragender Bedeutung ist und auf paradoxe Weise den Erfolg insbesondere der besonders problematischen Zeitschriften ermöglicht. Es ist der Traditionserlass der Bundeswehr.

Die Rolle des Traditionserlasses

Die Bundeswehr ist ebenso wenig wie jede andere Armee eine demokratische Einrichtung. Auch was ihre Angehörigen über ihr Geschichtsverständnis zu denken haben, ist von oben festgelegt. Besagter Erlass, politisch hoch umstritten, hat über die Jahrzehnte hinweg bedeutende Modifikationen erfahren. In der Fassung von 1965 hieß es noch lobend, dass die »deutsche Wehrgeschichte« in »Frieden und Krieg zahllose soldatische Leistungen und menschliche Bewährungen« hervorgebracht habe, die es verdienen »überliefert zu werden«. Die 1982 von Hans Apel erlassene Fassung weiß noch zu berichten, dass die Streitkräfte vom Nationalsozialismus »teils schuldhaft verstrickt, teils …schuldlos mißbraucht« wurden. Die Abgrenzung von der Wehrmacht fiel insgesamt aber deutlich aus. Heute heißt es knapp, dass die Wehrmacht keine »Tradition der Bundeswehr« begründen könne. In bestimmten Einheiten, namentlich bei den Gebirgsjägern, den Fallschirmjägern und dem KSK sieht man diese Fragen etwas anders, aber für das Gros gilt, dass man für sich in Anspruch nimmt, mit der Bundeswehr einen neuen Start vollzogen zu haben. Die zunehmende formale Distanzierung und Wortkargheit fiel dadurch leichter, dass die bekanntlich aus der Wehrmacht stammende Gründergeneration um 1980 aus dem aktiven Dienst ausgeschieden war und dass das Gewicht der bundeswehreigenen Geschichte immer größer wird. Im militärgeschichtlichen Museum der Bundeswehr in Dresden ist dieser Übergang beispielhaft zu besichtigen. Gezeigt wird das ehemalige Traditionsschränkchen des Zerstörers »Rommel« mit Devotionalien des namengebenden Generalfeldmarschalls und des Afrika-Korps der Wehrmacht. Heute werden die Schiffe der Bundesmarine nach Bundesländern oder Städten benannt und nicht mehr nach Wehrmachts-Generälen. Wer nur »Y« liest, erfährt höchstens aus Versehen etwas über deren Vorgänger-Armeen. Das ist im europäischen Vergleich eine Ausnahme. Im direkten publizistischen Verantwortungsbereich der Bundeswehr ist ein geschichtliches Vakuum verordnet und wird von den benannten Ausnahmen abgesehen auch durchgesetzt.

Rechtfertigen durch Auslassen

In diese Lücke stoßen mit Macht die Militärzeitschriften und natürlich auch die zahllosen Bücher aus teilweise denselben Verlagen. Es ist die Wehrmacht, der ein starkes, überwiegendes oder fast ausschließliches Interesse in allen Publikationen gilt. Man sollte meinen, dass zu den Themen »Messerschmitt 109«, »Panzer Tiger« oder »Ardennen-Offensive« mittlerweile alles gesagt, gedruckt und dokumentiert wäre – doch weit gefehlt. Es sind gerade die ohnehin bereits häufig bearbeiteten Themen, die teilweise zeitgleich auf die Titelbilder kommen. Die Begeisterung mit der z.B. einzelne überlebende und liebevoll restaurierte deutsche Jagdmaschinen fotografiert und beschrieben werden, hat etwas Obszessives. Dass es sich dabei nicht um Rennwagen, Sportyachten oder Diesel-Loks handelt, für die es ganz ähnliche Zeitschriften gibt, sondern um Kriegsgerät, spielt keine Rolle. Die feministische Naturwissenschafts- und Technik-Kritik liefert an dieser Stelle die nötigen Hinweise. Der grundlegende psychologische Mechanismus, der hier am Werk ist, ist die Abspaltung. Vorgeschichte, Ursachen, Nebenbedingungen, Herstellungsbedingungen und Auswirkungen vom technischen Prozess gedanklich abzuspalten ist ein seit Jahrhunderten in den westlichen Gesellschaften eingeübtes Verfahren. Das wiederum noch dahinter stehende Grundverständnis besteht darin, dass man sich nicht selbst als Teil des Prozesses, sondern nur als Beobachter oder Manipulator sieht. Auf diese Art und Weise kann problemlos und ungerührt das Hohelied der Me 109 gesungen werden. Es muss nicht einmal über die Verbrechen der Wehrmacht gelogen werden. Es reicht, sich einfach nicht für sie zuständig zu fühlen. Der Einfluss der militärtechnischen Magazine auf ihre Leser, die man als weitgehend männlich annehmen kann, ist der der Bestätigung dessen was sie ohnehin denken, tun und zu billigen bereit sind. Unter diesen Lesern bilden Bundeswehr-Soldaten ein wichtiges, z.T. direkt angesprochenes Leser-Segment. Der Abschied von der Wehrpflicht verstärkt diese Tendenz noch. Zwar ist die Anzahl der Bundeswehr-Angehörigen deutlich gesunken, die der – wenn man so will – »echten« Soldaten aber gestiegen. Der 2010 gegründete »Bund Deutscher Veteranen« besteht eben nicht aus 90jährigen Stalingrad-Überlebenden, sondern aus 30jährigen Afghanistan-Kämpfern. In Werbung und Selbstverständnis der Bundeswehr spielen die politischen Elemente (»Verteidigung der Demokratie«) zwar eine wichtige Rolle, wirken aber doch blass im Vergleich zu den Profi-Themen. Die Darstellung des Umganges mit Technik und Kampfmitteln ähneln den Darstellungen insbesondere der militärtechnischen Zeitschriften.

»DMZ« und »Zeitgeschichte«

Die am deutlichsten rechtsextreme und historisch-revisionistische Publikation ist die »Deutsche Militärzeitschrift« (DMZ) mit ihrer Ausgründung »Zeitgeschichte«. Herausgegeben wird sie vom rechtsextremen Publizisten Dietmar Munier, der außerdem noch das Nachrichtenmagazin »Zuerst!« und die Zeitschrift »Der Schlesier« herausgibt. Die DMZ ist paradoxerweise die einzige Zeitschrift, nach deren Lektüre man eine Ahnung davon bekommt, dass mit der deutschen Kriegführung im Zweiten Weltkrieg möglicherweise moralische Probleme verbunden gewesen sein könnten. Anders als die anderen bemüht sich die DMZ nämlich direkt um die Rechtfertigung von Taten der Wehrmacht und Waffen-SS. Die Verdrehung von Tatsachen setzt aber voraus, dass man sie zumindest andeuten muss. Die DMZ verbirgt ihre Glorifikation der Waffen-SS und der Wehrmacht nicht. Sie ist gefüllt mit Farbfotos von Nazi-Generälen und –Soldaten inklusive der Nazi-Insignien. Sie liefert Erlebnisgeschichten, schreibt über Militärtechnik und macht Werbung für revisionistische Bücher und Kalender. Darüber hinaus – und das ist entscheidend für den Erfolg, bringt sie aber auch Berichte und Reportagen zum gegenwärtigen Militärgeschehen im In- und Ausland. Auf einen Bericht über die Vor- und Nachteile eines neuen Bundeswehr-Fahrzeugs folgt umstandslos das Porträt von Wehrmachts-General Soundso. Bereits auf den Titelblättern wird diese Vermischung konsequent vorgeführt. Die Autoren der DMZ haben überwiegend einen revisionistischen und Nazi-apologetischen Hintergrund. Die Sprache des Magazins, am deutlichsten in der Leserbrief-Abteilung, in der z.B. vom »linken Virus« die Rede ist, zeigt die tiefe Einbettung in das rechtsextreme Spektrum. Nach Aussagen der Herausgeber bestehen die Zielgruppen in der Erlebnisgeneration des Zweiten Weltkrieges, Soldaten und Reservisten der Bundeswehr und anderen historisch interessierten Lesern. Man stelle sich die gegenwärtigen Bundeswehr-Soldaten vor, denen keine historische Einbettung geboten wird und das insbesondere in Zeiten weltweiter ökonomischer und politischer Krisen. Mit Magazinen wie DMZ können sie rasch einen positiven Bezug zur gloriosen Vergangenheit der »Gründungsväter« der gegenwärtigen deutschen Armee finden. Den Prinzipien des Zeitschriftenmarktes folgend nahm auch Munier eine offenkundig erfolgreiche Ausgründung der DMZ vor, nämlich das Magazin »Zeitgeschichte«. Hinter diesem unverfänglichen Namen verbirgt sich ein zweimonatlich erscheinendes Magazin, das sich ausschließlich mit der Waffen-SS beschäftigt, bzw. deren Glorifizierung als »Elite-Formation«. Produktionstechnisch dürfte es sich um eine besonders einfache Aufgabe handeln. Die Propagandakompanien des Dritten Reiches und die Traditionsverbände der SS-Divisionen haben einen schier endlosen Bestand an Büchern, Memoiren, Bildbänden, Heften und Zeitschriften hinterlassen, aus dem das Team von »Zeitgeschichte« aussuchen kann. Nur wenige Bestandteile, wie eher nichtssagende Interviews mit überlebenden Waffen-SS-Angehörigen, erfordern echte journalistische Arbeit.

»Clausewitz« und »Militär & Geschichte«

Sind DMZ und Zeitgeschichte explizit rechtsextrem einzuordnen, so ist die überwiegende Mehrheit dieser Magazine subtiler, wenn es darum geht, die aktive Rolle der Wehrmacht an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu entschulden. Zu ihnen gehört »Clausewitz – Das Magazin für Militärgeschichte«. Clausewitz, benannt nach dem preußischen Militärtheoretiker Karl von Clausewitz, nimmt für sich in Anspruch, populärwissenschaftlich, aber auf der Höhe wissenschaftlich gesicherter Erkenntnis zu berichten. Tatsächlich wird das Ursache-Wirkungs-Verhältnis regelmäßig ignoriert, relativiert oder auf den Kopf gestellt. In Ausgabe 6/2014 sieht das in einem Artikel über die U-Boot-Gedenkstätte Laboe beispielsweise so aus, dass die Gedenktafeln beschrieben werden, die sich den Menschen widmen, die »auf See ihr Leben verloren haben«. Explizit genannt wird aber nur die 1945 von einem sowjetischen U-Boot torpedierte Wilhelm Gustloff. Dass die deutschen U-Boote in zwei Weltkriegen als Angriffswaffe eingesetzt wurden und zehntausende alliierte Seeleute und Passagiere zu Tode brachten, findet dagegen keine Erwähnung. Stattdessen wird ein Foto von einer Art Ehrenschrein für die deutschen Marinen gezeigt, auf dem man tatsächlich die »Flaggen deutscher Seestreitkräfte« sehen kann, mit der der Bundesmarine in der Mitte, Hitlers Marinekriegsflagge links davon. Deutlicher noch als Clausewitz ist »Militär & Geschichte« mit der Entschuldung der Wehrmacht beschäftigt. Dominiert wird das Blatt vom Chefredakteur Dr. Guntram Schulze-Wegener, Fregattenkapitän d.R., häufiger Autor in der Jungen Freiheit und u.a. vormaliger Chefredakteur der Zeitschrift »Der Landser«. Äußerst tendenziös ist beispielsweise seine Gesprächsführung in einem Interview in der Ausgabe Oktober/November 2014 zum Thema »Polen-Feldzug«, in der er der polnischen Seite Mitschuld zuzuschieben bemüht ist. Im dazugehörigen Hauptartikel wird dann davon fabuliert wie das deutsche Offizierskorps »bereits in der Anfangsphase des Krieges …einigen Widerstand gegen das NS-Regime« artikuliert habe.

Fazit

Weitgehend unbeachtet hat sich im Handel ein breites Segment an militäraffinen Zeitschriften etabliert. Auch die vorrangig kommerziell orientierten Blätter sind ohne Ausnahme direkt oder indirekt damit beschäftigt, die deutsche Militärgeschichte, insbesondere die Wehrmacht, von ihrer historischen Verantwortung frei zu sprechen. Die zumindest formale Distanzierung der Bundeswehr vom NS-Regime und seiner Armee wird damit massiv und erfolgreich unterlaufen. Gleichzeitig bietet der Markt dem explizit rechtsextremen Verleger Munier Gelegenheit, das Zeitschriftenpaar DMZ/Zeitgeschichte über den Kreis der üblichen Leserschaft hinaus zu verbreiten.

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