Die breite Palette angeboten

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Wie begegnen Antifaschisten Protesten gegen Flüchtlingsheime?

 

antifa: In Berlin-Marzahn will der Senat mehrere Hundert Asylsuchende in einem eigens dafür errichteten Dorf aus flexiblen Wohncontainern unterbringen. Kaum war das Projekt angekündigt, regte sich Protest von Anwohnern, die, unter Anleitung der NPD, allwöchentlich immer Montags mit bis zu 1000 Teilnehmern auf die Straße gingen. Mittlerweile kommen nur noch wenige – ein Erfolg des antifaschistischen Gegenwinds und guter Argumente oder mangelnde Ausdauer der rassistischen Mobilmachung?

akmh: Wenn wir uns die Kommentare der Nazis im Internet angucken, dann ist es eine Mischung aus Frustration und Angst. Zum einen steckt ihnen der 22. November 2014, ein großangelegter Aufmarsch der von ca. 3000 Antifaschisten blockiert werden konnte, noch in den Knochen. Zum anderen konnte durch Antifa-Recherche nachgewiesen werden, dass diese Demos von Neonazis organisiert sind, was wiederum einige Anwohner von der Teilnahme abgehalten haben dürfte. Wer will schon mit Bild und Name im Internet als Rassist hingestellt werden? Und zum dritten macht es keinen Spaß, Woche für Woche gegen etwas zu demonstrieren was ohnehin beschlossene Sache ist.

Einfaches RGB

antifa: Als Ursache für Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte wird angeführt, dass die Anwohner sich politisch ohnmächtig fühlen und sozialen Abstieg fürchten. Warum entdecken die Marzahner ausgerechnet im Rassismus ein Ventil, um sich gegen fehlende demokratische Partizipation aufzulehnen? Was läuft denn falsch in Marzahn, Buch, Köpenick und den anderen Berliner Randbezirken, dass so viele meinen, ihre Geduld sei ausgerechnet jetzt am Ende?

akmh: Das ist ein gesellschaftliches Problem das viel weiter reicht. Die Randbezirke sind dafür bekannt eher »sozial schwache« Bezirke zu sein und es ist bekanntermaßen einfacher nach unten zu treten, als die Probleme an der Wurzel anzugehen. Viele reden sich ein, dass Asylsuchende Massen an Geld bekommen, doch dabei sind deren Lebens-umstände um ein Vielfaches schwieriger als die der deutschen Unterschicht, deren Deklassierung hier gar nicht in Abrede gestellt werden soll. Rassismus herrscht nicht nur in Marzahn oder Buch, sondern überall, nur drückt er sich unterschiedlich aus. Auch im reichen Stadtteil Hamburg-Harvestehude verhinderte die dortige Oberschicht den Bau einer Asylunterkunft, nur halt mit ganz anderen Mitteln.

antifa: Die allwöchentlichen Gegenaktionen waren zwar breit getragen, ließen sich aber auch nicht lange aufrechterhalten. Was braucht es an lokalen Strukturen, um standhaft zu bleiben? Wer ist auch kontinuierlich mobilisierbar?

akmh: Wir haben versucht eine breite Palette gegen die Demos aufzufahren. Dazu gehören passende Angebote für das gesamte antifaschistische Spektrum, je nachdem, was die Leute sich selbst zutrauen – Blockaden sind ja nicht für jeden was. Hilfreich war sicher, dass es einen gut gepflegten Draht zur Zivilgesellschaft und den Parteien gibt. Sogar die Bezirks-CDU war regelmäßig bei den Gegenkundgebungen. Trotzdem war schnell klar, dass es nicht zielführend ist, jeden Montag eine Gegendemo zu organisieren.

antifa: Auf den letzten Aufmärschen sind die Flüchtlingsgegner wieder dazu übergegangen, eher Linke, also die Gegenproteste aufs Korn zu nehmen und sich an ihnen abzuarbeiten. Ihr nehmt da eine wichtige Blitzableiterfunktion wahr. Wie hält man die Organisatoren der Aufmärsche so sehr auf Trab, dass sie ihre eigentlichen Anliegen nahezu vergessen?

akmh: In Hellersdorf haben wir mit einer antirassistischen Aktionswoche eigene Akzente gesetzt und auch den örtlichen NPDlern wurde ziemlich direkt vermittelt, dass ihr Nahumfeld kein ruhiges Hinterland für sie ist. In Marzahn konnten wir nun darauf aufbauen. Durch die ständigen Gegenaktionen wurde der reibungslose Ablauf der Aufmärsche so sehr gestört, dass sie sich mit uns beschäftigen mussten. Sicherlich fehlen ihnen auch andere Inhalte. Und klar wurde einigen Organisatoren persönlich so sehr zugesetzt, dass sie in der Antifa ihren neuen Lebensfeind ausgemacht haben. Doch damit können wir gut leben.

antifa: Diese wöchentlichen Aufmärsche stellen die antifaschistischen Kräfte Berlins einerseits vor Kapazitätsprobleme, sorgen aber andererseits auch für eine gewisse Konjunktur. Wie gestaltet sich gerade die Zusammenarbeit mit den anderen Antifa-Gruppen in Berlin?

akmh: Unsere Vernetzung wurde sicherlich intensiviert. Auch zwischen Gruppen, die sonst so nie zusammen gearbeitet hätten. Auch unter den Randbezirken und nach Brandenburg hat sich die Zusammenarbeit verbessert. Doch trotz Vernetzung sind die Kapazitäten bei drei bis vier Nazidemos pro Woche schnell erschöpft. Auf mehr Schultern verteilen, geht nur bedingt, da die Antifas aus Buch schwerlich die Marzahner Zivilgesellschaft motivieren können. Das müssen schon die locals machen.

 

Das Gespräch führte Markus Roth

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