Die Unbekannten im Fokus

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geschrieben von Cora Mohr

Eine Ausstellung über den Widerstand von Frauen – mit neuen Gesichtspunkten

 

Widerstand und Widerständigkeit von Frauen gegen das Naziregime am Beispiel von achtzehn Biographien zeigt die neue Ausstellung des in Frankfurt am Main ansässigen Studienkreises Deutscher Widerstand unter dem Titel »Nichts war vergeblich – Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus«.

Nicht bekannte Frauen wie Sophie Scholl oder Erika Mann stehen hier im Fokus, sondern die Lebensläufe und Leistungen von Frauen, die in der öffentlichen Wahrnehmung bislang weniger präsent waren. Ihre Biographien machen deutlich, auf welch vielfältige Weise die Frauen dem Regime die Gefolgschaft verweigerten. Auch sich nicht anzupassen, nicht mitzumachen, war Widerstand. Oft ging er noch viel weiter und war in aller Regel mit Lebensgefahr verbunden.

»Nichts war vergeblich, was sich gegen das Regime gerichtet hat«, diese Worte der Résistance-Kämpferin Gerti Schindel sind das Motto der Ausstellung. Eröffnet wurde sie im Januar in der Zentralbibliothek Frankfurts. Die nächste Station ist Wuppertal. Dort ist sie vom 8. bis 18.März im Lichthof Rathaus am Johannes-Rau-Platz zu sehen.

Auf Zweck und Ziel der Ausstellung ging Cora Mohr vom Studienkreis Deutscher Widerstand bei der Eröffnung ein. Sie stellte uns folgenden Textauszug zur Verfügung:

 

Der Blick auf diese Frauen hat unseren Begriff von Widerstand erweitert. Als Widerstand wird nicht mehr nur der politische Widerstand gesehen, sondern alle Aktivitäten, die sich gegen das Naziregime richteten. Wir nennen das »Widerständigkeit«.

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Der Anteil der Frauen am »Widerstand« wurde lange Zeit als sehr gering eingeschätzt. Lange haben Frauen auch ihre eigene Widerständigkeit als »nicht so wichtig« gesehen. Mit offenen Augen auf den Widerstand von Frauen zu schauen, ist unser Ansatz. Wir stellen Frauen vor, deren Motive für Widerstand und deren Widerstandshandlungen vielfältigster Art sind. Allen gemeinsam ist, dass sie sich nicht unter die »herr«schenden Normen zwingen ließen.

Erst in den später 1990er Jahren begann die Auseinandersetzung um einen zu verändernden Widerstandsbegriff, der neben einer politischen und bewaffneten Dimension auch eine humanitäre Dimension hat. Es ist aktiver Widerstand, der die eigene Moral und den Überlebenswillen aufrecht erhält, der Menschenleben rettet. Alle Tätigkeiten hängen voneinander ab und bauen aufeinander auf. Die hierarchische Bewertung widerständigen Handelns hat viel zu lange den Blick verstellt.

Die Bereiche, in denen Frauen aktiv waren, sind immer noch die am wenigsten beachteten: sei es die Fluchthilfe für politisch Verfolgte, für jüdische Menschen oder der Rettungswiderstand durch Verstecken. Sie leisteten Unterstützung beim Untertauchen verfolgter Menschen oder Hilfe für Zwangsarbeiter/innen. Frauen sammelten Spenden, transportierten und verteilten Nachrichten und Flugblätter; organisierten die Kommunikation.

Die Einengung des Widerstandsbegriffs auf »politischen« Widerstand und die Geringschätzung der Widerstandsarbeit von Frauen führte auch dazu, dass nach 1945 vielen Frauen keine Entschädigung für Verfolgung und Haft zugesprochen wurde. Begründungen dafür waren u.a., ihre Arbeit habe keinen politischen Hintergrund gehabt; ihre Aktivitäten wären aus Mitleid, Menschlichkeit erfolgt oder sie hätten gegen geltende Gesetze (z.B. gegen die sogenannten »Rassengesetze«) verstoßen.

Wie sahen die konkreten Formen des Widerstehens der Frauen aus? Die eine wird inhaftiert, weil sie, aus einer Sintifamilie stammend, trotz offiziellen Verbots einen kranken Onkel besucht. Die andere lässt ihren jüdischen Ehemann nicht im Stich und protestiert mit mehreren Tausend anderen in der Berliner Rosenstraße gegen deren Inhaftierung. Die eine liebt den »falschen« Mann, die andere läuft weg, weil sie nicht die Ausbildung, die Arbeit machen darf, die sie möchte.

Die eine verteilt Flugschriften und Wurfzettel für den Internationalen Sozialistischen Kampfbund; die andere ist Fotografin. Eine ist Schriftstellerin und Kabarettistin, die dritte Malerin, die andere aktiv in der Kommunistischen Partei. Eine ist Mitglied in der Bekennenden Kirche, gibt ihren Lehrerberuf auf, weil sie nicht »im nationalsozialistischen Sinne« unterrichten will; sie stellt ihr Wochenendhäuschen als Zuflucht zur Verfügung. Diese Aufzählung ließe sich unendlich fortsetzen. Über einige dieser Frauen berichten wir in der Ausstellung.

Alle diese Frauen verdienen unsere Achtung. Uns hat interessiert, warum die Frauen Widerstand geleistet haben; aus welchem familiären, sozialen oder religiösen Hintergrund sie kommen. Welche Erfahrungen haben ihnen den Mut gegeben, sich nicht anzupassen, sich nicht unterzuordnen. Es gibt unzählige Antworten; einige haben wir für die Ausstellung aufgezeichnet.

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