Man nannte sie »U-Boote«

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geschrieben von Axel Holz

Eine Ausstellung über Fluchtorte für Verfolgte

 

Etwa 7.000 jüdische Verfolgte sind allein in Berlin untergetaucht, um der Deportation durch die Nazis zu entgehen, 1.500 davon haben überlebt.

Die Ausstellung »Dem Leben hinterher – Fluchtorte jüdischer Verfolgter« dokumentiert, dass zahlreiche jüdische Menschen ihre Verfolgung nicht hingenommen haben, sondern sich den Repressalien der Nazis und der Deportation durch Flucht oder Abtauchen in den Untergrund entzogen haben. Sie macht aber auch deutlich, wie wichtig die Zivilcourage der Helfer war, die ihre Menschlichkeit bewahrten.

Die Ausstellung des Berliner Museums Blindenwerkstatt Otto Weidt, selbst ein Fluchtort jüdischer Verfolgter in der Nazi-Zeit, wurde gemeinsam von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Rosa-Luxemburgstiftung Mecklenburg-Vorpommern an zwei Orten in Schwerin gezeigt – in der Volkshochschule »Ehm Welk« und in den Räumen der Linken Landtagsfraktion Mecklenburg-Vorpommerns. Zahlreiche Schüler haben die Ausstellung gesehen, darunter zwei Klassen des Schweriner Gymnasiums Friderizianum. Es gab anerkennende Rückmeldungen von den Schülern, die sich durch die Darstellung dutzender Einzelschicksale untergetauchter Berliner Juden angesprochen fühlten.

Die Ausstellung liegt mit ihrer Gestaltung in einem aktuellen Trend museumspädagogischen Umgangs mit den Themen Faschismus, Holocaust und 2. Weltkrieg – weg von der Abbildung von Leichenbergen und der Aufzählung kaum vorstellbarer Opferzahlen und hin zur Darstellung einzelner Schicksale, in diesem Falle zur Vermittlung konkreter Fluchtorte und Fluchtsituationen und zur Darstellung der konkreten Hilfe oder dem Versagen von Hilfe. Weniger als ein Viertel der untergetauchten Juden hat die Nazi-Zeit in Berlin überstanden. Dafür sind die schwierigen Bedingungen des Überlebens im Untergrund verantwortlich, der eingeschränkte Zugang zu Lebensmitteln, ständige Razzien und Denunziationen, aber auch Bombenangriffe der Alliierten, vor denn untergetauchte Juden nicht in Schutzbunker flüchten konnten. Etwa jeder Zehnte der nach Kriegsbeginn in Berlin verbliebenen Juden ist nach dem Auswanderungsstopp der Nazis und mit Beginn der Deportationen untergetaucht. Damit ist das Phänomen der sogenannten U-Boote keine Einzelerscheinung, sondern viel stärker ausgeprägt, als lange Zeit angenommen. Der Mord an den Juden im Osten hatte sich bereits herumgesprochen, so dass sich tausende Menschen der bevorstehenden Deportation zu entziehen versuchten, durch 5.000 Selbstmorde allein in Berlin, aber auch durch Flucht in den Untergrund.

Einzelne hatten diesen Schritt geplant, andere haben sich spontan entschlossen, einige wurden durch Bekannte und Freunde zur Flucht aufgefordert, anderen wurden Zufluchtsorte bei Freunden angeboten, die sich damit selbst in Gefahr brachten. Wenn man bedenkt, dass zahlreiche Abgetauchte häufig ihr Versteck wechsel mussten, müssen ihnen wiederum tausende Menschen bei der Flucht geholfen haben. Warum ist davon lange nichts bekannt geworden? Überlebende und Helfer waren nach der Befreiung vom Faschismus mit der Gestaltung ihrer ungewissen Zukunft beschäftigt, mit Wiederaufbau oder Emigration. Beiden Gruppen schlug der Antisemitismus, der auch nach Kriegsende noch in ganz Europa existierte, entgegen, so dass Schweigen nicht selten die Opfer vor neuen Angriffen oder Rechtfertigungen schützte.

Auch steckt im Mythos von den Juden, die sich angeblich wehrlos zur Schlachtbank führen ließen, selbst ein Stück nicht überwundener Antisemitismus. Erst spät wurde erforscht, dass Juden sich neben der Emigration auch durch Flucht in den Untergrund oder aus Deportationszügen der Vernichtung entzogen. Erst spät wurde bekannt, dass sie in Widerstandsgruppen und Partisaneneinheiten kämpften und sich selbst in den Vernichtungslagern mit Aufständen gegen den sicheren Tod wehrten, wie in Auschwitz und Sobibor. Die Blindenwerkstatt Otto Weidt in den Berliner Hackeschen Höfen, in der während der Nazizeit blinde und sehbehinderte Juden zunächst mit Arbeitsangeboten integriert und später versteckt wurden, ist heute ein Museum Dort gibt es zahlreiche weitere Materialien, in denen die Fluchterfahrungen untergetauchter Juden beschrieben werden. Geschichten, wie Inge Deutschkrons Bericht »Wir entkamen. Berliner Juden im Untergrund« sind es, die auch die Schweriner Schülerinnen und Schüler bei der Ausstellungseröffnung besonders berührten.

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