Aufstand in Auschwitz

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geschrieben von Gerald Netzl

Am 7. Oktober 1944 erhoben sich die Häftlinge des Sonderkommandos

 

Dieses Buch über das Sonderkommando Auschwitz-Birkenau rekonstruiert auf Grundlage zahlreicher, zum Teil noch unveröffentlichter Zeugenaussagen und schriftlicher Quellen die dramatischen Ereignisse des Aufstands der jüdischen Häftlinge gegen ihre SS-Bewacher am 7. Oktober 1944. Der Historiker Gideon Greif und der Journalist Itamar Levin haben in den vergangenen Jahrzehnten mit Überlebenden gesprochen und Niederschriften der Häftlinge ausgewertet. Ihr Buch verfolgt die Ereignisse und die diversen Aufstandsplanungen, die der Revolte vorausgegangen sind, zeichnet den Aufstand nach und legt die Folgen für die Überlebenden dar.

Gideon Greif, Itamar Levin Aufstand in Auschwitz Die Revolte des jüdischen »Sonderkommandos« am 7. Oktober 1944, 300 Seiten, 24,99 EUR

Gideon Greif, Itamar Levin
Aufstand in Auschwitz
Die Revolte des jüdischen »Sonderkommandos« am 7. Oktober 1944, 300 Seiten, 24,99 EUR

Wurden die Aufstände in Treblinka am 2. August 1943 und in Sobibor am 14. Oktober 1943 in eingehenden Beschreibungen gewürdigt, war das für Auschwitz-Birkenau bisher nicht der Fall. Der Reihe nach: Am 15. Februar 1942 fand die erste Vergasung jüdischer Familien, noch im Stammlager, statt. Im Frühjahr 1943 wurden Morde und Leichenverbrennung nach Auschwitz-Birkenau verlegt – die Krematoriumsöfen des Stammlagers reichten nicht mehr aus, die große Zahl an Getöteten zu beseitigen. Es waren jüdische Häftlinge, zumeist aus Polen, aus Griechenland und ab 1944 auch aus Ungarn, die gezwungen wurden, die Leichen aus den Gaskammern herauszuholen und in den Krematorien zu verbrennen. Bis Februar 1944 belief sich die Zahl der Sonderkommando-Häftlinge nahezu permanent auf 400, im Zuge der »Ungarn-Aktion« stieg sie Ende April auf 900. Die vielen Todesfälle in ihren Reihen, zurückzuführen auf die schlechten Lebensbedingungen, auf Krankheiten, Gewalttätigkeiten, Selektion und Selbstmord, wurden aus dem nicht versiegenden Nachschub aufgefüllt. Die Größe des Sonderkommandos, seine Zusammensetzung und seine Aufgaben hatten zur Folge, dass es zum ersten Mal jüdische Blockälteste, Stubendienste und Vorarbeiter gab. Schon am 23. September 1944 wurden 300 von ihnen selektiert und von der SS ermordet.

 

Shlomo Dragon erinnert sich an den grauenhaften Anblick (zit. S. 32):

»Wenn man die Türe nach der Vergasung öffnete, lagen die Leichen alle aufeinander, dichtgedrängt in Schichten, andere waren aufrecht stehengeblieben. Oft sah ich auf den Lippen der Toten etwas Weißes. In der Gaskammer herrschte eine fürchterliche Hitze, man spürte den süßlichen Geschmack des Gases. Manchmal hörten wir beim Eintritt in die Gaskammer noch Stöhnen, besonders, wenn wir begannen, die Leichen an den Händen aus der Kammer zu zerren. […] Nachdem die Leichen herausgeholt worden waren, mussten wir das Haus sauber machen, den Boden mit Wasser wischen, Sägespäne wurden ausgeschüttet und die Wände geweißt.«

Wichtig ist festzuhalten, dass keiner der Männer auch nur einen einzigen Menschen umgebracht hat – die eigentlichen Mörder in Auschwitz-Birkenau waren immer und ohne Ausnahme Deutsche. Mehr als eine Million Jüdinnen und Juden wurden von den Nationalsozialisten im Lagerkomplex von Auschwitz ermordet.

Während des im Buch so weit wie möglich rekonstruierten zwölfstündigen Aufstands am 7. Oktober 1944 wurden drei SS-Männer und 452 Aufständische getötet. Doch wie ist es zu erklären, dass es überlebende Mitglieder und somit Zeugen gibt? Nach dem Aufstand und der Einstellung der Morde mit Zyklon B verblieben Anfang November noch 100 Häftlinge zur Leichenverbrennung. Zu ihrer Verwunderung und offensichtlich unbeabsichtigt wurden diese bei der Auflösung des Lagers im Januar 1945 nicht ermordet, denn ihnen gelang es, sich im Durcheinander der Evakuierung in die langen Reihen der Tausenden Häftlinge einzureihen, die auf Todesmarsch geschickt wurden oder mit Zügen weggebracht wurden. Höchstens 100 von 3.000 Männern, die dem Sonderkommando angehört hatten, haben überlebt.

Autor Gideon Greif hat Regisseur László Nemes für seinen mehrfach ausgezeichneten Film »Son of Saul« beraten. Dessen Handlung während des Aufstands (!) ist komplett fiktional (was zumindest den Autor dieses Artikels irritiert), gleichzeitig laut Greif jedoch höchst authentisch.

Folgende Worte des Auschwitz-Überlebenden Mordechai Fraenkel aus einem Brief an seinen Bruder beschließen das Buch (S. 303):

»Die jüdischen Jungen haben gezeigt, dass sie nicht im Feuer verbrennen werden und dass das Gas sie nicht töten wird. Das ist ein sehr schwacher Trost, aber wer auch immer die Geschichte von Auschwitz niederschreibt, wird nicht vergessen, sie zu erwähnen.«

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