Waffen-SS live

geschrieben von
Thomas Willms

5. September 2013

»Reenactment« als neue Herausforderung

Juli-Aug. 2010

Eine der ersten US-Reenactmentgruppen nimmt sich seit 1975 der »Leibstandarte Adolf Hitler« an. In Großbritannien patrouilliert z.B. die »Stoßgruppe 3« der SS-Division »Totenkopf«. In einschlägigen Foren beklagen sich deutsche Reenactment-Fans, dass es leider nicht erlaubt sei, diese Divisionen in Deutschland nachzuspielen.

In Deutschland existieren z.B. Gruppen wie die »Panzerjägerabteilung 228« (Ostwestfalen), das »Panzergrenadierregiment 192« (Markkleeberg), das »Fallschirmpionierbataillon 5« (Bielefeld) und die »5. Gruppe« (Upstadt-Weiher).

Der 2. Weltkrieg wird heute in zunehmendem Maße ökonomisch verwertet. Eine ganze Industrie; Hersteller, Händler, Verleger, Journalisten und Medien bedienen weltweit einen beträchtlichen Kundenstamm. Die sprunghafte Entwicklung von Hard- und Software ermöglicht z.B. bei PC-Kriegsspielen inzwischen ein Niveau an »Realismus«, das vor wenigen Jahren noch undenkbar war. Unterdessen kann man sich problemlos mit Kleidungsstücken, Waffenrepliken, Abzeichen usw. versorgen, dank Internet notfalls aus dem Ausland.

Die kommerzielle Verwertung von Elementen des historischen Faschismus hat ohne Zweifel ideologische Folgen, die noch völlig offen sind. Bedeutsam ist, dass sich die Nutzung auf Werte wie »Heroismus«, »maskulines Kämpfertum« und eine kritiklose Bewunderung des Militärischen konzentriert, allesamt nicht singulär für den Faschismus, aber in ihm eine historische Zuspitzung findend. Massiv gestützt wird diese Tendenz durch die Internationalisierung des Handels und den unbegrenzten Zugang zu jeder denkbaren Datei. im Internet. Auch wenn Antifaschisten es hierzulande anders empfinden mögen: Im internationalen Vergleich gehen die deutschen Behörden noch ziemlich energisch gegen neofaschistische Inszenierungen, Insignien und Fetische vor.

Die seit Jahrzehnten tätigen Akteure neofaschistischer Organisationen, Verlage und anderer Medien, (in ihrer Wirkungsmächtigkeit übrigens chronisch unterschätzt), können so erleben wie einige ihrer Fetische ganz ohne eigenes Zutun Verbreitung finden. Sie beeinflussen das Fühlen, Denken und letztlich Handeln vieler Menschen und es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Neofaschisten damit beginnen werden, diese ideologischen Elemente zu »reimportieren«. Die Tendenz geht klar in Richtung Rechtfertigung und Huldigung faschistischer Untaten.

Blickt man ins Ausland, sieht man Deutschlands Zukunft: Der US-amerikanische Buchmarkt zum Thema »Deutschland und 2. Weltkrieg« wird quantitativ dominiert von Werken, die die militärischen Ereignisse »als solche« behandeln, sich geradezu besessen für deutsche Waffen und ihre Träger begeistern. Auch der Bereich der Geschichtsfiktionen, einer Art »Was-wäre-wenn-Literatur« wächst stetig. Doch es bleibt nicht beim Lesen allein. Bereits seit den 70er Jahren haben sich in den USA, Groß-britannien und anderen Ländern Reenactment-Gruppen zusammengefunden, deren Anspruch darin besteht, Aktionen ausgewählter militärischer Einheiten möglichst realistisch nachzuspielen. Vorrangig werden deutsche Einheiten, insbesondere die Divisionen der Waffen-SS »reinszeniert«. Mit der Energie von Modelleisenbahnern werden Uniformen gesammelt, Feldlager aufgebaut, Patrouillen durchgeführt und deutsche Kommandos gebrüllt. Offenbar handelt es sich hierbei nicht um im engeren Sinne neofaschistische Akteure, sondern um militärische Laien, die heute mit Lust nachempfinden, was damals für Millionen blanker Alptraum war.

Allein in den USA existieren Dutzende solcher Gruppen mit insgesamt mehreren tausend Angehörigen, weit überwiegend Männern. Doch selbst polnische oder belgische Männer meinen heute, Wehrmachtsuniformen anziehen zu müssen. Erst seit ca fünf Jahren haben sich auch hierzulande einzelne, eher kleine Formationen gebildet, die sich mit ihren Präsentationen auch noch verhältnismäßig zurückhalten.

Was als Hobby militärgeiler Narren begann, hat durch Kommerzialisierung und moderne Kommunikationstechnik eine ganz neue und viel größere Bedeutung erlangt. Man kann heute in vielen Ländern den 2. Weltkrieg »live« erleben. Dem Vorrücken der SS bei Bier und Bratwurst zuzusehen, ist längst kulturelle Realität geworden. Preisgünstige und hochwertige Filmausrüstungen und Internetseiten machen die Herstellung und weltweite Verbreitung von Filmclips möglich . So trifft man im Internet nicht nur auf neofaschistische Produkte, sondern zunehmend auch auf technisch gut gemachte Streifen der Reenactment-Gruppen. Von historischen Wochenschaubildern sind sie oft erst auf den 3. Blick zu unterscheiden.

Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass nachempfundene, nachgespielte, erfundene, interpretierte und entkontextualisierte Texte, Bücher, Bilder und Filmclips in Konkurrenz zu wissenschaftlichen, pädagogischen und politischen Darstellungen treten. Sie werden zugelassen, sie bedienen Bedürfnisse und sie sind mindestens genauso leicht zu erreichen. Fiktion und Dokumentation verschwimmen. Dem oberflächlichen Betrachter – also den meisten Konsumenten solcher Produkte – erscheinen sie als »wahr«, zumindest jedoch als eine unter vielen möglichen Wahrheiten.