Die Herbert-Baum-Gruppe

Drucken

geschrieben von Regina Scheer

Zum 70. Jahrestag des Brandanschlags auf eine Nazi-Ausstellung

Mai-Juni 2012

Veranstaltungen zum Thema in Berlin

15. Mai, 19 Uhr, Topographie des Terrors, Niederkirchnerstr. 8: Empörung und Protest: Klebezettel und Brandsätze gegen die antikommunistische Propagandaausstellung »Das Sowjetparadies« mit Hans Coppi und Johannes Tuchel.

18. Mai, 18 Uhr, Am Lustgarten: Kundgebung am Gedenkstein für die Herbert-Baum-Gruppe

21. Mai, 18:30 Uhr, Regina Scheer liest aus ihrem Buch: Im Schatten der Sterne. Eine jüdische Widerstandsgruppe.

Jahrzehnte lang hielt sich das Vorurteil, die Juden seien in den Jahren des Nationalsozialismus »wie Schafe zur Schlachtbank« gegangen, jüdischen Widerstand habe es kaum gegeben. Aber es gab den Rabbinersohn David Frankfurter, der 1936 schon den Leiter der NSDAP-Auslandsorganisation Wilhelm Gustloff erschoß, es gab die Ghettokämpfer von Wilna und Warschau, es gab jüdischen Widerstand in allen besetzten Ländern, es gab vergebliche Aufstandversuche sogar in Vernichtungslagern. Hier soll von deutschen Juden die Rede sein, die in ihrer Heimatstadt Berlin wirkten.

Herbert Baum, Jahrgang 1912, war überzeugter Kommunist. Geboren im Bezirk Posen, kam er als Kind nach Berlin, er wuchs in der jüdischen Jugendbewegung auf. Auch seine Frau Marianne, geborene Cohn, sein Freund Martin Kochmann und dessen spätere Ehefrau Sala, geborene Rosenbaum kamen aus diesem Milieu. Diese vier Gleichaltrigen bildeten den Kern der Gruppierungen, die heute zusammenfassend Herbert-Baum-Gruppe genannt werden. 1931 traten sie in den Kommunistischen Jugendverband ein, aber sie ließen die vielfältigen Kontakte zur jüdischen Jugendbewegung nicht abreißen, ungeachtet weltanschaulicher Differenzen war persönliches Vertrauen die Basis. Baum war Elektriker, er wollte Ingenieur werden, aber als Juden blieben ihm nur Abendkurse an der Beuth-Schule, bis ihm auch die verwehrt waren.

Er war »Org-Leiter« des Unterbezirks Süd-Ost des KJVD in Berlin. Die Arbeit war streng konspirativ. Auch seine Frau Marianne, auch Sala und Martin gehörten zu seinen Mitarbeitern. Nicht als Juden agierten sie dort, sondern in ihrem Selbstverständnis als junge Kommunisten. Übrigens haben auch in fast allen anderen Widerstandsgruppen der beiden großen Arbeiterparteien KPD und SPD, sowie der SAP, der KPO und trotzkistischer Organisationen von Anfang an Juden mitgearbeitet, trotz ihrer besonderen Gefährdung. 1935/1936 wurden die Strukturen der Kommunistischen Partei und ihres Jugendverbandes in Berlin blutig zerschlagen. Auch Martin Kochmann war 1934 vorübergehend verhaftet, andere von Baums Freunden erhielten langjährige Zuchthausstrafen, kamen in Lager oder emigrierten. Für Herbert Baum und seine engsten Freunde kam eine Emigration nicht in Frage. Sie wollten in Deutschland gegen Hitler kämpfen, doch nach der Zerschlagung des KJVD hatten er und seine jüdischen Freunde ihre Organisationsbasis im Widerstand verloren. Sie trafen im Sommer 1936 noch einmal den Instrukteur aus Prag, Wilhelm Bamberger. Der berichtete nach dem Krieg, er habe Baum beauftragt, sich in den damals noch legalen jüdischen Jugendbünden zu engagieren, die Jugendlichen in seinem Sinne zu erziehen und auf die Zeit nach der Hitler-Ära vorzubereiten. Herbert und Marianne Baum, Sala und Martin Kochmann folgten der Instruktion und suchten fortan gezielt Kontakt zu Jugendlichen, mit denen sie auf Wanderfahrten gingen, Lieder sangen, Bücher lasen und vor allem über ihre Lage diskutierten.

Baum war ohnehin ein charismatischer Mensch, der Jugendliche begeistern konnte. Manche ahnten nur, daß er Kommunist war, andere wurden von ihm und Marianne in ihre Wohnung eingeladen und dort mit, wie es in den späteren Anklageschriften hieß »staatsfeindlicher Propaganda« und »kommunistischem Gedankengut« vertraut gemacht. Vereinzelt wird auch von Klebezetteln berichtet, aber Widerstandsgruppen im engeren Sinne waren diese Kreise noch nicht. Für Herbert Baum und seine Freunde aber war es ihr illegaler Kampfauftrag, diesen Jugendlichen Selbstbewusstsein und politische Bildung zu vermitteln, sie trotz der zunehmenden Einschränkungen ihre Jugend und stundenweise Unbeschwertheit genießen zu lassen. Obwohl sie selbst immer noch in Deutschland bleiben wollten, ermutigten sie jetzt die Jugendlichen, das Land zu verlassen. Mehreren gelang es und sie sind die Zeugen für Herbert Baums Wirken in diesen Vorkriegsjahren. Wir wissen, dass er den Hitler-Stalin-Pakt verteidigte, sein Vertrauen in die idealisierte Sowjetunion war grenzenlos. Der Sieg des Sozialismus sei die einzige Gewähr für ein gleichberechtigtes Dasein der Juden, diese Überzeugung teilten er, Marianne, Sala und Martin den Jugendlichen mit. Seit 1940 wurden sie zur Zwangsarbeit eingezogen, Herbert und Marianne Baum kamen im Elektromotorenwerk Siemens in die »Judenabteilung«, wo sie als Vorarbeiterin und er als Einrichter bald Achtung und Respekt erwarben und mehr oder weniger vorsichtig für ihre Sache agitierten. Zu den inzwischen 16-20jährigen, die schon seit Jahren zu seinem Kreis gehörten, kamen nun noch andere Jugendliche, die froh waren, der Isolation zu entrinnen, wenngleich die Treffen bei Baums oder Kochmanns zunehmend gefährlich waren.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion und den im Herbst darauf einsetzenden Deportationen aus Berlin, beschlossen Baum und seine Genossen, gezielt Widerstandsaktionen zu wagen. Sie besorgten eine Druckmaschine, schrieben Flugblätter, erarbeiteten eine Zeitung, die sie in Briefkästen steckten. Nicht die Judenverfolgung war ihr Thema, sondern die allgemeine politische Lage, der Krieg. Immer wieder suchte Herbert Baum den Kontakt zur illegalen Kommunistischen Partei. Hans Fruck, ein Funktionär, der Kontakt zu übergeordneten Leitungen hatte, wollte ihn bewegen, die Treffen mit den Jugendlichen aufzugeben und sich auf Sabotage bei Siemens zu konzentrieren. Das war in der überwachten Judenabteilung unmöglich. Fruck warf Baum mangelnde Konspiration vor, zu einer Zeit, als die Deportationen liefen und Konspiration Juden nichts mehr nützte.

Nun wollte Baum die Jugendlichen in ein Leben im Untergrund führen. Von belgischen und französischen Zwangsarbeitern kauften sie seit Anfang 1942 Ausweise, suchten Quartiere in der Umgebung Berlins. Ein Tanz auf dem Vulkan begann. Durch Schwarzhandel besorgten sie Geld und Lebensmittel. Mit zwei oder drei anderen Gefährten ging Herbert Baum zu einer ehemals wohlhabenden Familie in Charlottenburg, sie gaben sich als Gestapomitarbeiter aus und »beschlagnahmten« Wertgegenstände. Das war am 7. Mai 1942.

Am 8. Mai wurde die antisowjetische Ausstellung »Das Sowjetparadies« im Lustgarten eröffnet, eine multimediale Schau, die in zynischer Weise die deutsche Überlegenheit über die primitiven Sowjetmenschen suggerierte. Seit ein paar Monaten hatte Herbert Baum endlich Kontakt zu einer ebenfalls illegal arbeitenden kommunistischen Gruppe gefunden, in der sein alter Genosse aus dem Unterbezirk Süd-Ost wirkte, Werner Steinbrinck. Die waren ebenso auf sich gestellt wie die Gruppen um Herbert Baum. Wer die Idee hatte, einen Brandanschlag auf die Hetzausstellung zu verüben, ist nicht geklärt. Aus der Gruppe um Baum kam sie nicht. Auch die Brandsätze wurden in der anderen Gruppe hergestellt. Baum selbst informierte nur wenige seiner Freunde über das Vorhaben. Einige lehnten eine solche Aktion ab. Aber sie fand statt, am 18. Mai 1942. Sieben Mitglieder der Gruppe um Herbert Baum waren beteiligt und fünf aus der anderen. Die Brandsätze versagten, es kam nur zu einer Verpuffung. Eine Sonderkommission der Gestapo verhaftete am 22. Mai 1942 Herbert Baum und mehrere Gefährten, auch die Mitglieder der anderen Gruppe. Einige Jugendliche aus Baums Kreis flohen zunächst mit den gekauften Ausweisen und wurden in den Verstecken aufgespürt, andere wurden bei der Zwangsarbeit verhaftet. Einige wenige konnten sich bis in den Oktober 1942 hinein als Illegale in Berlin halten, bis auch sie in die gnadenlose Maschinerie der Gestapo gerieten und mit ihnen jeder, der ihnen geholfen hatte.

Herbert Baum wurde am 12. Juni 1942 in seiner Zelle erhängt aufgefunden. Seine Frau und die anderen am Brandanschlag Beteiligten wurden am 18. August 1942 in Plötzensee hingerichtet, darunter Sala Kochmann, die im Polizeipräsidium in einen Treppenschacht gestürzt war und bis kurz vor ihrer Hinrichtung im Jüdischen Krankenhaus auf der Polizeistation lag. Sie soll von ihrer Trage aufgestanden und aufrecht zu ihrer Hinrichtung gegangen sein. Die nächste Gruppe wurde vom Volksgerichtshof am 10. Dezember 1942 verurteilt und am 4. März 1943 hingerichtet. Einige wurden nur zu Zuchthausstrafen verurteilt, aber seit dem Sommer 1943 sollten auch die Zuchthäuser »judenrein« werden und sie kamen doch nach Theresienstadt und Auschwitz, zuletzt in die Gaskammer.

In den »Blutnächten von Plötzensee« starben am 7. September 1943 die letzten drei aus der Gruppe. Erhalten sind ihre Vernehmungsprotokolle, die Protokolle von Selbstmordversuchen, Kassiber, Gedichte, Gnadengesuche, herzzerreißende letzte Briefe.

Die Dokumente blieben jahrzehntelang in den Archiven verschlossen, erst in der Sowjetunion und dann in der DDR, die nur das öffentlich machte, was in das Bild einer kommunistischen Widerstandsgruppe paßte.

Es war ja fast niemand mehr da, der von ihnen berichten konnte. Die Eltern, Geschwister, Schulfreunde der Toten, wenn sie nicht ermordet worden waren, lebten irgendwo weit von Deutschland. Hans Fruck schrieb schon im Mai 1945 in einem internen Schreiben für die Partei: »Die Lösung von der Gruppe Baum (Siemens) war durchaus richtig, da sie in völliger Verkennung der illegalen Arbeit handelten und ja auch leider selber die Opfer wurden«.

Hans Fruck wurde ein hoher Funktionär der Staatssicherheit, er starb erst 1990. Sein Vermerk war nicht öffentlich, aber er wirkte.

Und auch die Jüdische Gemeinde zögerte, diese Gruppe zu den Ihren zu zählen. Die Gestapo hatte nach dem Brandanschlag 250 Männer im KZ Sachsenhausen erschießen lassen und weitere 250 Berliner Juden als Geiseln in Lager gebracht. Doch 1949 bekam Herbert Baum, der in Marzahn verscharrt worden war, schließlich ein Ehrengrab auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee.

Der Anschlag im Lustgarten war nur ein Schwelbrand, kein Fanal. Aber ein Schwelbrand, dessen Rauch bis heute in die Augen steigt, dessen Asche noch immer nicht erkaltet ist.

Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag ist geschlossen