Lesben und Widerstand

geschrieben von
Claudia Koltzenburg

5. September 2013

Ein geschichtliches Podium für die Suche nach lesbischen
Lebensläufen

Jan.-Feb. 2010

Die Autorin lebt in Hamburg und engagiert sich in der Öffentlichkeits-AG für das Lesbenfrühlingstreffens 2010

»Lesben Leinen Los« – das Motto des kommenden Lesbenfrühlingstreffens in Hamburg 21.-24. Mai 2010 ist auch politisch zu verstehen: www.lesbenfruehling.de/hamburg2010

Wenn eine bestimmte Art zu leben tabuisiert und marginalisiert wird, hat dies unmittelbare Auswirkungen. Zum Beispiel auf diejenigen, die lesbisch leben. Auch heutzutage kann es Menschen, die als homosexuell wahrgenommen werden, passieren, dass sie auf offener Straße in Gefahr geraten; etwa in Deutschland oder in Italien. Dies ruft in Erinnerung, wie wichtig es ist, sich die historischen Dimensionen von Ausgrenzung und Unterdrückung zu vergegenwärtigen, um Möglichkeiten von Gegenwehr zu entwickeln.

Seit Mitte der 1980er Jahre hat die linksliberale Historikerin Claudia Schoppmann in zahlreichen Büchern Wissen zu diesem Thema zusammengetragen, zum Teil in nacherzählten Portraits auf der Grundlage von Strafakten, Gerichtsprotokollen, Zeugenaussagen und literarischen Quellen. Schon die Titel ihrer Bücher sind bedeutsam: Nationalsozialistische Sexualpolitik und weibliche Homosexualität (1991/1997), Der Skorpion. Frauenliebe in der Weimarer Republik (1985/1991), Im Fluchtgepäck die Sprache – Deutschsprachige Schriftstellerinnen im Exil (1991/1995), Zeit der Maskierung – Lebensgeschichten lesbischer Frauen im »Dritten Reich« (1993/1998), Nach der Shoa geboren. Jüdische Frauen in Deutschland (Co-Hrsg./Autorin 2001), Verbotene Verhältnisse (1999), Der homosexuellen NS-Opfer gedenken (Co-Hrsg. 1999), »Ich fürchte die Menschen mehr als die Bomben.« Aus den Tagebüchern von drei Berliner Frauen 1938-1946 (Co-Hrsg. 1996), 1930-1950 Zeitzeugen aus Demokratie und Diktatur. Leben zwischen Anpassung und Widerstand (Co-Hrsg./Autorin 2002), Überleben im Untergrund (Co-Autorin 2002), Gedenkstätte Stille Helden (Co-Autorin 2008). Diese Arbeiten gelten als grundlegend; sie sind voll von Anregungen zu historischen lesbischen Lebensläufen und dem Umgang mit weiblichen Homosexuellen in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

Aus linken und antifaschistischen Zusammenhängen könnte jedoch noch viel mehr in Erfahrung gebracht werden. Und mit jedem neuen Jahrzehnt stellen Menschen anderer Altersgruppen Fragen an die eigene Geschichte. Unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen entstehen vermutlich auch neue Fragen, denen es sich lohnt, nachzugehen. Etwa diese: Welche lesbischen Lebensläufe aus dem Widerstand sind bisher nicht bekannt geworden? Wie tabuisiert waren Frauenfreundschaften und lesbische Liebe? Wie konnten lesbische Frauen wirtschaftlich überleben, wenn sie nicht verheiratet waren? Diese Frage ist z. B. auch interessant für die 1950er und 1960er Jahre. Welche Rolle für die Chancen auf ein Überleben spielte die gesellschaftliche Tabuisierung lesbischer Liebe? Mit wessen Solidarität konnten Lesben rechnen? Welche Bedeutung kommt dem Internationalismus zu, damals wie heute?

Ende Mai wird eine große Veranstaltung allen interessierten Frauen Gelegenheit geben, sich zu solchen Fragen zu verständigen und gemeinsam zu lernen: das Lesbenfrühlingstreffen 2010. Jährlich an wechselnden Orten stattfindend, gibt es diese bundesweite Veranstaltung seit über 30 Jahren, mit 1.000-5.000 Teilnehmerinnen. 2010 findet das Treffen vom 21. bis 24. Mai in Hamburg statt. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, selbstorganisiert, ohne Bezahlung.

Die konkreten Absprachen mit Referentinnen stehen im Januar auf dem Plan. Es werden vor allem Referentinnen gesucht, die sich geschichtlich gut auskennen. Die Teilnehmerinnen sollen Gelegenheit erhalten, ihr Leben als Lesben heute mit lesbischem Engagement u.a. im Widerstand gegen das Naziregime in Verbindung zu bringen. »Widerstand und Überleben« lautet einer der fünf Themenschwerpunkte und das Organisationsteam würde sich freuen, eine Referentin der VVN-BdA dafür gewinnen zu können, um den Teilnehmerinnen zwischen 17 und 77 Erkenntnisse und Erfahrungen der VVN aus diesem Bereich zu vermitteln. Es geht um ein umfassendes Verständnis sozialer, gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse – historisch wie aktuell.