Den Tod verlachen

geschrieben von
Annika Sembritzki

5. September 2013

Der Sinto Walter Winter erinnert sich

Juli-Aug. 2009

Karin Guth, Der Sinto Walter Winter überlebt den Holocaust

Broschiert: 226 Seiten, Verlag: VSA, ISBN-10: 3899653378, ISBN-13: 978-3899653373, Preis: EUR 18,80

Wenn wir als kleine Kinder die Stiefmutter meines Vaters besuchten, prahlte diese gern mit der Schönheit der Altstadt Oldenburgs. Einfach himmlisch, nur eben – leider, leider, wie sie nicht müde wurde zu betonen – voll von Zigeunern. Ich gab mir alle Mühe, aber so sehr ich die Augen auch aufhielt, ich konnte auf unseren Spaziergängen einfach keine entdecken. Bis die Oma irgendwann mit dem Finger auf eine Gruppe zeigte. Dieser Akt des Zeigens war so erstaunlich willkürlich und trennte doch sofort eine Gruppe aus dem zuvor homogenen Stadtbild heraus. Für mich war das unbegreiflich, denn es gab keinen nachvollziehbaren Grund für ihre massive Ablehnung.

Aber eines begriff ich, auch wenn ich es damals als Grundschülerin noch nicht benennen konnte: man ist erst dann ein Anderer, wenn man anders genannt wird.

Und ich begriff auch, so willkürlich war dieser Fingerzeig gewesen, dass dieser jeden hätte treffen können, der nur zufällig im Blickfeld gewesen wäre.

Mit diesem Hintergrund lese ich Karin Guths Ausführungen über das Leben Walter Winters – die Erzählungen eines Menschen, der sein Anderssein nicht zuerst selbst empfunden hat, sondern dem es von außen zugeschrieben wurde. Dieses Anderssein, das qualitative Anderssein, das stets nur ein Schlechtersein meint, ist eine derart fremdbestimmte, groteske Zuordnung, dass der »Andere«, jeglicher Handlungsmöglichkeit beraubt, in keiner Weise imstande ist, diesen Zustand zu beeinflussen oder zu beenden – es gibt nicht einmal die Möglichkeit der Emanzipation daraus, denn es handelt sich schlicht um keine soziale Rolle.

Die Großmutter hätte jede Gruppe meinen können; hätte sie nicht mit dem Finger auf sie gezeigt, wäre sie unsichtbar geblieben.

Sichtbarmachung durch Ausgrenzung, Sichtbarmachung durch Vorurteil und durch Ablehnung sind Mechanismen der bürgerlichen Gesellschaft, die in Stern und Dreieck auf der Brust und der tätowierten Nummer auf dem Arm ihren perversen Höhepunkt fanden. Die so genannten »Anderen«, die zuerst keine waren, sollten selbst dem Menschsein, so nennt Walter Winter es, weitmöglich entfremdet werden, so dass sie als Asche im Krematorium und Rauch in den Lüften endeten.

Zusammen mit seinem Bruder erlebte er die KZs Auschwitz, Ravensbrück und Sachsenhausen; degradiert zur Nummer Z 3105, und damit für immer als Zigeuner gebrandmarkt, erfuhr er die absolute Herabsetzung menschlicher Existenz. Und doch war Walter Winter Teil des Aufstands im Zigeunerlager Auschwitz, dem es durch absolute Geschlossenheit gelang, der Willkür und der Vernichtung für einen kurzen Augenblick Einhalt zu gebieten – ein Akt mutiger Selbstbehauptung in einer Umgebung der Ohnmächtigkeit.

Karin Guth erzählt in ihrem Buch die Geschichte eines Mannes, der ihr jahrelang als Gesprächspartner gegenüber saß; sie behält sowohl dessen Erzählperspektive wie dessen Erzählstil bei, so dass das Buch sich liest wie ein Dokument der oral history und damit die Distanz des Lesers zu der Geschichte bereits qua Form abbaut.

Dass ein derartiges Zeugnis einer Verfolgung erst im Jahr 2009, ganze 76 Jahre nach der ›Machtergreifung‹, an die medienöffentliche Oberfläche gelangt, spiegelt deutlich wider, welch ein sorgsam kultiviertes Tabu europäischer Geschichte es behandelt. Einem Tabu baut man keine Denkmäler. Wenn schon keine Judenwitze mehr gemacht werden, so will man zumindest weiterhin zum Grillen seine Zigeunersoße kaufen, sich die Abschiebung lästiger Autoscheibenputzer (Bettel-Roma genannt – man weiß wer gemeint ist) wünschen, und dabei auf einen Rückhalt im gesellschaftlichen Ressentiment bauen dürfen.

Karin Guths Buch ist ein wesentlicher Beitrag dazu, diesem Ressentiment seine Bequemlichkeit zu nehmen.

Schon deshalb sollte das Buch die Möglichkeit bekommen, auf den Lehrplänen hiesiger Schulen die defizitäre Aufarbeitung dessen auszugleichen, was offiziell Verbrechen gegen die Menschlichkeit heißt und hinter geschlossener Tür Opfer hierarchisiert.

Man wird sehen, wo sich der Mainstream, nicht nur in Deutschland, in den kommenden 76 Jahren positioniert. Manche Tabus haben einen erschreckend langen Atem.