Die Nähe des Vergessenen

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geschrieben von Heinrich Fink

Ein Gespräch zwischen Nuria Quevedo und Mercedes Alvarez

Sept.-Okt. 2008

Mercedes Alvarez, Nuria Quevedo:

Ilejania – Unferne. Die Nähe des Vergessenen. Ein Gespräch, Basisdruck Berlin, 233 Seiten; 20 Fotos, 14,80 Euro

Über den Kampf der Internationalen Brigaden gegen den Franco-Faschismus existieren viele eindrucksvolle Dokumentationen, Filme und Biographien. Nun ist ein ungewöhnliches Buch dazu gekommen: Die Spanierinnen Mercedes Alvarez und Nuria Quevedo lassen uns an ihrem faszinierend lebendigen Dialog darüber teilhaben, dass – obwohl die selben historischen Ereignisse ihre Kindheit durchkreuzten – beider Leben diametral anders verlaufen ist. Mercedes, die international erfahrene Dolmetscherin und Nuria, die erfolgreiche Malerin und Grafikerin, zeigen im Blickwinkel ihrer Erinnerungen, dass auch das Schicksal der Kinder der Partisanen und der Kämpfer im Exil Teil der Geschichte des antifaschistischen Widerstandes ist. Ihre realistische Beschreibung erlebter Wirren, Belastungen durch Einsamkeit, fremde Sprache, ungewohnte Lebensweise und ständiges Heimweh sind bewegend zu lesen.

Beide Frauen kennen sich seit Jahrzehnten und haben die Wende in der DDR nicht nur als »Abschied vom Sozialismus« ihres Exil-Landes erlebt, sondern als Ereignisse, die die ganze Welt verändert haben. Mercedes sagt, dass man heute nicht mehr weiß, »… wohin wir mit dieser neuen Generation von ›ferngesteuerten Kriegen‹ noch geraten werden…« und Nuria bestätigt, dass das Jahr 1989 für sie »… wie ein Erdbeben gewesen sei.«

Und was bleibt von der Utopie ihrer Eltern und deren Genossen, die die spanische kommunistische Partei im Exil wieder aufbauten, als Bestandteil des Kampfes gegen die spanischen Faschisten? Im Gespräch befragen die beiden Frauen ihre Erinnerungen und bewerten sie durchaus unterschiedlich. Vor allem die Erfahrungen mit ihren Eltern sind unvergleichlich – volkommen konträr. Mercedes war erst zwei Jahre alt, als sie, genau wie ihre älteren Brüder – allerdings getrennt von ihnen – 1937 von ihrer Mutter in die Sowjetunion in Sicherheit gebracht wurde. Die drei Geschwister überlebten, wenn auch getrennt in verschiedenen Kinderheimen, voller Hoffnung, aber mit ständigem Heimweh, die Jahre des Zweiten Weltkrieges. Nur Mercedes darf 1946 zu den ihr noch völlig fremden Eltern nach Frankreich. Nach der Ausweisung des Vaters wegen seiner kommunistischen Betätigung erhält die Familie Asyl in der DDR.

Nuria dagegen übersteht als Baby in den Armen ihrer sehr unselbständigen Mutter den Fußmarsch ins rettende Asyl in Frankreich. Beide kommen zusammen mit dem Vater 1942 paradoxer Weise nach Berlin. 1943 geht die Mutter allein mit ihr zurück nach Barcelona und 1952 mit falschen Papieren wieder in die DDR, wo bereits der Vater wohnt, der, wie sie sagt, die Familie rücksichtslos dominierte und nur das tat, was ihm wichtig war. Nuria fühlte sich gekränkt und reagierte depressiv: »Um 18.00 Uhr war es im Herbst schon sehr dunkel … und die deutschen Glocken schlugen anders als die in den spanischen Dörfern, viel ernster, viel evangelischer, ganz anders als die fröhlichen Glocken der katalanischen Dorfkirchen.«

An anderer Stelle bemerkt Nuria: »Beide haben wir diese ersten Lebensphasen der Kriegs- und Nachkriegszeit in verschiedenen Ländern erlebt, als die Menschen über fast alles schwiegen und sich in Konvaleszenz befanden. Unsere eigene scheue Erwartung an das Leben entstand in dieser Atmosphäre.« und »…lange habe ich mir die Hoffnung erhalten, dass die Vernunft das Absurde besiegen würde.«

Die Autorinnen widmen ihr offenherziges Nachdenken über politische Ereignisse wie 1953, 1968 und 1989 und ihre Gefühle dabei ihren Töchtern und Enkelkindern. Ihr Gespräch sollte auch uns zu einem Dialog zwischen den Generationen ermutigen! Die Veröffentlichung des aufschlussreichen, mehr als 200 Seiten starken Buches, verdanken wir »Khm«. Das Kürzel ist leicht zu entschlüsseln: Karl-Heinz Mund hat mit beharrlicher Geduld die Gespräche aufgezeichnet und mit 29 aussagekräftigen Fotos dokumentiert. Ilejania – Unferne. Die Nähe des Vergessenen. Ein Gespräch, das mich bis zur letzten Seite in Atem gehalten hat.

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