Ein radikaler Humanist

geschrieben von
Ernst Antoni

5. September 2013

Irmtrud Wojaks Biographie über den Generalstaatsanwalt Fritz
Bauer

Jan.-Feb. 2010

Irmtrud Wojak, Fritz Bauer 1903-1968. Eine Biografie.

C. H. Beck Verlag München, 2009, ISBN-10 3406581544, ISBN-13 9783406581540, gebunden, 638 S., 34,00 EUR

Aus dieser Biographie ist nicht nur viel zu erfahren über den großen Auschwitzprozess und andere Verfahren gegen NS-Verbrecher, die von Bauer initiiert oder maßgeblich beeinflusst wurden, sondern auch über die bundesdeutsche Justiz und den öffentlichen Umgang mit dem »radikalen Humanisten«. Erwähnung finden, am Beispiel des Auschwitz-Prozesses, aber auch Konflikte, die es trotz des Engagements des Generalstaatsanwaltes mit Organisationen der Überlebenden und deren Repräsentanten gegeben hat, denen Bauers Bemühen um Gerechtigkeit damals angesichts der ungeheueren Verbrechen noch nicht ausreichend schien.

Irmtrud Wojak, die Verfasserin dieses wichtigen Buches, ist Gründungsdirektorin des im Aufbau begriffenen NS-Dokumentationszentrums in München.

»Als 1940 die Gestapo mich in Dänemark suchte und auf meiner Odyssee durch das Land in dem kleinen Gasthaus einer Provinzstadt fand, brachte mich die dänische Polizei auf die Wache. Ich wurde nach dem Namen gefragt, sonst nichts; ich kam in die Zelle, sonst nichts. Es wird wohl gegen Mitternacht gewesen sein, als ein unbekannter junger dänischer Hilfspolizist die Türe öffnete. ›Wollen Sie etwas essen?‹ – ›Nein.‹ – ›Wollen Sie etwas lesen?‹ – ›Nein, danke.‹ Eine lange, lange Pause trat ein. Er schloß die Zellentür, er kam zu mir, legte wie ein Freund den Arm um mich und sagte: ›Ich werde an Sie denken.‹ Er ging, es war mir zumute, wie es in Goethes Faust in der Szene, die ›Nacht‹ heißt, geschah: ›Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!‹«

Fritz Bauer, damals Generalstaatsanwalt in Hessen, erzählt diese Episode 1963 in Frankfurt am Main bei einer Gedenkveranstaltung für Anne Frank. Irmtrud Wojak leitet mit Zitaten aus dieser Rede in ihrem Buch »Fritz Bauer. 1903-1968. Eine Biographie« das Kapitel über den Auschwitz-Prozess 1963-1965 ein. »In der Bundesrepublik – so erklärte Fritz Bauer seinen Hörern«, schreibt Wojak, »müsse man sich entscheiden zwischen der Rolle der Anne Frank und der des Wilhelm Harster, des Hauptverantwortlichen für die Deportation der Juden aus den Niederlanden nach Auschwitz. Erst kürzlich war Harster in Holland als NS-Verbrecher verurteilt worden. Doch bis zum 18. April 1963 hatte er noch völlig unbehelligt als Oberregierungsrat in München gelebt. Eine solche allzu reibungslose Integration der NS-Täter in die bundesdeutsche Gesellschaft, die von der Politik der Regierung Adenauer gefördert wurde, war in den Augen Bauers eine schwere Hypothek für den Aufbau einer demokratischen, auf Freiheitsrechten gegründeten Staatsordnung.«

Seit 1959 hatte Bauer den Auschwitz-Prozess vorbereitet, auch und dezidiert von ihm so formuliert, um aufzuzeigen, dass es angesichts dieses Verbrechens keine »geistige und politische Koexistenz« von Tätern und Opfern geben könne und dürfe. Aus der materialreichen mit Empathie verfassten Biographie Irmtrud Wojaks geht hervor, was den aus einer jüdischen Familie stammenden, schon vor 1933 und dann in der skandinavischen Emigration im sozialdemokratischen Widerstand gegen die Nazis engagierten Juristen Fritz Bauer antrieb, in den 50er- und 60er-Jahren auf recht einsamem Posten in der BRD die Strafverfolgung der großen NS-Verbrechen aufzunehmen und voranzutreiben. Ein »radikaler Humanist und Außenseiter« sei er gewesen, schreibt die Autorin, ein Widerstandskämpfer von Anfang an, den die Nazis früh ins KZ Heuberg verschleppten.

Schon in seiner wirtschaftsjuristischen Dissertation über Kartell- und Trustfragen aus dem Jahr 1927 bezieht sich Bauer auf den von Antisemiten ermordeten früheren Außenminister Walter Rathenau, arbeitet in seine Untersuchungen aber auch marxistische Theoretiker ein. »Meine akademischen Ambitionen«, schreibt er später, 1937, aus der Emigration an Max Horkheimer, »habe ich sofort (…) zu Gunsten einer strafrichterlichen und politisch aktiven Betätigung aufgegeben.« So hielt er es auch weiter, in der Emigration in Dänemark und Schweden, politisch aktiv stets, juristisch schon damals darauf orientiert, die NS- und Kriegsverbrechen wo möglich dereinst zu ahnden, die Täter vor Gericht zu bringen und zu verurteilen.

Nachdem Bauer 1963 in einer dänischen Boulevardzeitung mit dem Hinweis auf einen nach wie vor vorhandenen latenten Antisemitismus in der Bundesrepublik zitiert wurde, startete die damalige CDU/FDP-Opposition im hessischen Landtag eine »monatelang fortgeführte Kampagne« (Wojak). Bauer wurde vorgeworfen, er schade »dem Ansehen der deutschen Justiz und dem politischen Ansehen der Bundesrepublik«. FDP und CDU forderten von Ministerpräsident Zinn personelle Konsequenzen und »sogar das Bundeskabinett ließ durch seinen Sprecher erklären, die Regierung habe eine wesentlich andere Auffassung von der Reife des deutschen Volkes als Dr. Bauer«.

Der »Rheinische Merkur«, publizistisches Sprachrohr der Adenauer-Regierung, wurde deutlicher. Nach Hinweis auf die jüdische Herkunft des Juristen, den das Blatt einen »merkwürdigen Generalstaatsanwalt« nannte, auf dessen KZ-Haft und Emigration, hieß es, Bauer leiste einer »fast krankhaften Vaterlandslosigkeit so vieler Deutscher Vorschub«, er gebe »den Kommunisten Narrenfreiheit«, sei »Einbruchstelle« für sowjetzonale Volksanwälte und »gebe der SPD in ihrer Kampagne gegen Dr. Globke Auftrieb«.