Weichteil Mensch

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geschrieben von Thomas Willms

Neue Kriege mit und durch Roboter

März-April 2012

Zum Weiterlesen:

P. W.Singer: Wired for War: The Robotics Revolution and Conflict in the 21th Century, 512 Seiten, 11,20 Euro

Die Kriegführung befindet sich vor einem Umbruch, der mit der Einführung des Panzers oder des Flugzeuges vergleichbar ist und der ebenso, wenn nicht sogar schwerwiegendere Folgen zeitigen wird.

Um diese Veränderungen zu verstehen, beschäftige man sich z.B. mit Produkten der US-Firma »iRobot«. iRobot ist überwiegend bekannt für seine automatischen Staubsauger, die aussehen wie große Frisbeescheiben. Sie zeichnen sich durch vier Elemente aus: Empfindliche optische Geräte erkennen Wände, Stuhlbeine, Fußbodenarten (Sensoren); ein Computer bewertet diese Daten und zieht selbständig Schlüsse was zu tun ist (Prozessor), nämlich welche Räder und welche Bürsten sich drehen sollen (Effektoren). Und als viertes verfügt das Gerät über eine autonome Energieversorgung (Batterie).

Das putzige Gerät ist mit anderen Worten nichts anderes als ein Roboter. Die andere Hälfte von iRobots Produktpalette ist weniger artig: Der von iRobot produzierte »Packbot« ähnelt einem nervösen Rasenmäher mit Greifarm und ist das Mittel der Wahl im Kampf gegen Sprengfallen auf den Straßen des Mittleren Ostens. Im Unterschied zum Staubsauger ist dieses Gerät (mehr als Zehntausend waren im Irak im Einsatz) ferngesteuert, bedarf also direkter menschlicher Kontrolle. Zwischen den Extremen Fernsteuerung und Autonomie sind alle Zwischenformen der »Beaufsichtigung« denkbar, abhängig von der Zielstellung des Einsatzes und des Entwicklungsstandes der AI (Artificial Intelligence).

Bei den UAV’s (den Drohnen) ist dies gut zu erkennen. Die größte Aufklärungsdrohne beispielsweise, der Global Hawk, startet, fliegt und landet bereits auf Knopfdruck, während die Einsätze des bewaffneten Predators ferngesteuert sind und zwar direkt aus den USA. Das unbemannte Fluggerät hat das bemannte zahlenmäßig überholt und fliegt bei weitem mehr Einsätze, in denen sie ihre Effektoren, nämlich Lenkraketen, zum Einsatz bringen.

Die Vorteile der Roboter und unbemannten Systeme liegen auf der Hand, wenn man über die Nachteile von Soldaten und Piloten nachdenkt. Die werden schließlich müde, können im Dunkeln nicht sehen und eine Waffe nicht lange ruhig halten, denken an ihre Familie, gehorchen nicht immer und gehen auch noch leicht kaputt.

Aus der Logik von Einsatz und Technologie heraus ergibt sich der Trend zu einer hohen Autonomisierung der Systeme. Schnelligkeit und Schlagkraft der Maschinen entfalten sich insbesondere ohne die physiologischen Einschränkungen des Menschen. Besonders deutlich wird dies in der Kampffliegerei. Die größten Beschaffungsprojekte wie F22 Raptor und F35 Joint Strike Fighter sind ja gerade deshalb so langwierig und ungeheuer teuer, weil sie um das »Weichteil« Mensch herum gebaut werden. Den unbemannten Kampfdrohnen der Zukunft sind sie aber strukturell unterlegen. Die bisherige Elite der Kampfpiloten steht vor demselben Schicksal wie die Kavallerieoffiziere im 20. Jahrhundert.

Schwindelerregend sind die Aussichten, wenn man z.B. das Projekt »Future Combat System« der US-Army zur Kenntnis nimmt. Es geht in ihm um nichts weniger als die Roboterisierung der Brigaden, also der großen Kampfeinheiten. Mehrere Dutzend neue ferngesteuerte und autonome Arten von Waffensystemen sollten gleichzeitig eingeführt werden und die Mehrzahl des Gerätes stellen. Bis auf weiteres wurde das Projekt aus Finanzgründen zurückgefahren. Das Finanzielle spricht aber tendenziell für die Roboteriserung: Roboter brauchen kein Gehalt, keine Pensionen und keine Fallschirme.

Sie machen das Kriegführen auch wahrscheinlicher. Mit immer weniger Angst vor eigenen Verlusten, begrenztem Mitteleinsatz und im Gefühl umfassender Kontrolle über Ereignisse in fernen Ländern fallen Kriegsentscheidungen leichter. -Dies gilt gerade für Demokratien mit ihrem erhöhten Legitimationsdruck, will sie ihre Bürger der Gefahr aussetzen. Die Entkoppelung von Krieg und öffentlicher Kenntnis- und Anteilnahme wird sich weiter verstärken.

Es spricht vieles dafür, dass die Robotersysteme jetzt etwa auf dem Stand sind wie Panzer und Flugzeug 1917. Sie zeigen bereits ihre Überlegenheit, werden ihr Potenzial aber erst in der Zukunft zeigen. Gerade die Geschichte der Panzer zeigt, dass zur neuen Waffe auch neue Einsatzkonzepte gehören, was 1939 nicht die Alliierten, sondern die vormals unterlegenen Deutschen umsetzten. Forschende, Unternehmen und Militärs, von der Öffentlichkeit ganz zu schweigen, ignorieren weitgehend die anstehenden ethischen Fragen, in deren Zentrum steht, ob die Entscheidung über das Töten der künstlichen Intelligenz einer Maschine überlassen werden darf. Für die Friedensbewegung geht es darum, Kampfroboter ebenso international zu ächten wie Chemiewaffen oder Landminen, diesmal vielleicht bevor das Neue sein zerstörerisches Potential voll gezeigt hat.

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