Der 27. Januar und die Jugend

geschrieben von Thomas Altmeyer

13. Januar 2014

Das Interesse ist größer als das Wissen – Ergebnisse einer Umfrage

 

Zur Einführung des 27. Januar als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Jahr 1996 sprach der damalige Bundespräsident Roman Herzog: »Die Bürger unseres Landes sollen wenigstens einmal im Jahr über das Geschehene nachdenken und vor allem über die Folgerungen, die daraus zu ziehen sind. Ganz besonders wichtig aber ist es, unsere jungen Menschen zu erreichen und ihren Blick für – möglicherweise – kommende Gefahren zu schärfen.« Er mahnte »zum Erinnern und zur Weitergabe der Erinnerung. Nicht nur am 27. Januar. Aber vielleicht kann dieser Gedenktag uns dabei helfen.« Seitdem wird am Jahrestag der Befreiung des KZs Auschwitz in den verschiedensten Formen an die NS-Zeit und deren Opfer erinnert. Dennoch, der 27. Januar scheint gerade bei jüngeren Menschen nur wenig Resonanz zu finden. Eine Umfrage des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945, die im Frühjahr 2009 unter knapp 600 Frankfurter Schülerinnen und Schülern durchgeführt wurde, unterstreicht dieses Resultat:

Bekanntheit (in Prozent) der wichtigsten Daten 1933-1945 als Diagramm.

Bekanntheit (in Prozent) der wichtigsten Daten 1933-1945 als Diagramm.

Der 27. Januar 1945 ist in den Köpfen der befragten Jugendlichen als historisches Datum quasi nicht existent: Nur 2,9 Prozent konnten diesen Tag der Befreiung des KZ Auschwitz zuordnen. Ähnlich unbekannt ist lediglich der 2. Mai 1933. Den Tag, an dem die Gewerkschaften zerschlagen wurden, kannten weniger als 5 Prozent der befragten Schüler. Besser bestellt ist es um das Wissen über die Novemberpogrome um den 9. November 1938 und den Beginn des 2. Weltkriegs am 1. September 1939: Jeder fünfte der befragten Schüler konnte das richtige Ereignis diesen Daten zuordnen. Die deutlichsten Spuren im Schülerwissen hat der 30. Januar 1933 hinterlassen: 45 Prozent der Schüler kannten das Datum der so genannten »Machtergreifung«. Auch das Ende Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 und der Attentatsversuch von Claus von Stauffenberg am 20. Juli 1944 sind bekanntere Daten: Knapp 44 Prozent der Befragten kannten die richtige Antwort auf diese Geschichtsdaten. Das vergleichsweise gute Abschneiden des 20. Juli 1944 erklärt sich mit Sicherheit durch den Film »Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat« mit Tom Cruise, der zu Beginn des Befragungszeitraumes in den deutschen Kinos lief und eine große mediale Aufmerksamkeit auf sich zog.

Sicherlich erschöpft sich die Aneignung der Geschichte des »Dritten Reiches« nicht im Erlernen von historischen Daten und Fakten. Dennoch bilden Geschichtsdaten einen wichtigen Zugang zu dieser Geschichtsepoche: Sie ermöglichen die chronologische Einordnung von Prozessen, Strukturen und Biografien und helfen bei der Orientierung im zeitgeschichtlichen Feld.

Dabei scheint es unter Jugendlichen kein prinzipielles Desinteresse an der NS-Zeit und an der Erinnerung daran zu geben. Unter allen abgefragten Themen der Geschichte des 20. Jahrhunderts ist die NS-Zeit das Thema, dass die meisten Schülerinnen und Schüler interessiert: Immerhin 78% der befragten Schüler geben an, sich sehr stark bzw. stark für dieses Thema zu interessieren. Darüber hinaus findet ein Großteil der befragten Jugendlichen die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus auch heute noch wichtig. Lediglich knapp jeder zehnte der Befragten (9,5%) äußerten, dass die Erinnerung an diese Zeit gar nicht bzw. nicht mehr so wichtig sei. Der Zeit von 1933 bis 1945 zu gedenken, fanden dagegen 88% der Jugendlichen für sehr bzw. ziemlich wichtig. Auffallend ist aber, und dies deckt sich mit der Alltagserfahrung derjenigen die an Gedenkveranstaltungen teilnehmen, dass diesem Wunsch nach Erinnerung keine konkrete Beteiligung bei Gedenkveranstaltungen folgt: Über drei Viertel der Jugendlichen hat bislang nie an einer Gedenkveranstaltung teilgenommen.

Zu überlegen wäre also, ob die bestehenden Gedenkformen (Ausnahmen bestätigen hier die Regel) informelle Zugangsbarrieren erzeugen. Erreicht die Ankündigung einer Veranstaltung den gewünschten Adressatenkreis? Ist die oft ritualisierte Form der Veranstaltung mit Ansprachen von kommunalen WürdenträgerInnen, die mitunter auch nur aus Sprechblasen und Satzbausteinen bestehen, die richtige Form – sowohl für jüngere als auch ältere TeilnehmerInnen? Gibt es andere, projektartigere Formen der Auseinandersetzung, Formen die mehr in den Alltag und den öffentlichen Raum hineinreichen, wie z.B. Straßentheater, Plakat- und Ausstellungsaktionen etc., die einen eigenen, kreativen Zugang für Menschen ermöglichen, die den etablierten Gedenkformen bislang fern bleiben. Darüber sollten wir nachdenken.