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23. März 2021

Ein 40-Punkte-Plan gegen Neonazis in den USA hilft auch deutschen Antifas

Die faschistische Bewegung in den USA erreichte zuletzt eine neue Qualität: Der »Sturm auf das Kapitol« offenbarte den Aufschwung von Neonazis unter Donald Trump. Doch auch Antifaschist:innen in den USA organisieren sich seit 2017 verstärkt und leisten Gegenwehr. Eine Bewegung, die vorher nur einige hundert Anhänger:innen zählte und sich auf direkte Aktionen gegen Neonazis fokussierte, ist zu einer Massenbewegung und einem politischen Faktor geworden.

Nicht nur wegen der wechselseitigen Bezüge von Neonazis in den USA und Deutschland – im Hinblick auf Alt-Right, QAnon oder auch das Stürmen von Parlamentsgebäuden – lohnt sich daher ein Blick über den Nordatlantik. Denn von den Antifas in den USA lässt sich einiges lernen. Und so hat auch das Antifaschistische Infoblatt (AIB) zuletzt ein Heft mit dem Themenschwerpunkt »United States Antifa« herausgegeben und eine Broschüre mit dem Titel »40 Dinge Faschismus zu bekämpfen« beigelegt. Hierbei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von Spencer Sunshine, einem Forscher und Aktivisten gegen die extreme Rechte in den USA, sowie PopMob, einer Gruppe aus Portland gegen die Alt-Right. In Listenform werden in dem handlichen Heft 40 Möglichkeiten, gegen Nazis aktiv zu werden, jeweils mit kurzen Erläuterungen vorgestellt. Dabei wird in Themenkomplexe untergliedert wie »Los gehts« zur Gründung einer Gruppe und den Basics, »Werdet aktiv« mit Aktionsformen vom Überkleben von Nazipropaganda über Mobilisierung gegen rechte Infrastrukturen bis zu Ausstiegshilfen für Neonazis.

Es gibt die Aufforderung »Seid proaktiv«, wobei es unter anderem um Verbreitung von Inhalten, Trainings und Schulungen sowie Finanzierung geht. Die »Gegendemonstrationen« bekommen gleich sieben Tipps gewidmet, von der Spaltung der Rechten über die Dokumentation von deren Aufzügen und Organisation von Gegenprotest. Und zuletzt gibt es noch die Aufforderung, »seid unterstützend«, indem Betroffene von Neonaziterror und auch polizeilicher Repression bestärkt werden. Zum Schluss folgt eine »Bonusrunde« zur Verankerung und Verzahnung von Antifaschismus mit anderen linken Kämpfen.

»40 Dinge Faschismus zu bekämpfen«, Spencer Sunshine & PopMob, in Deutschland herausgegeben von Redaktion Antifaschistisches Infoblatt (AIB), Vertrieb über Disorder Rebel Store, Schutzgebühr 1 Euro

»40 Dinge Faschismus zu bekämpfen«, Spencer Sunshine & PopMob, in Deutschland herausgegeben von Redaktion Antifaschistisches Infoblatt (AIB), Vertrieb über Disorder Rebel Store, Schutzgebühr 1 Euro

Eine Gruppe Berliner Antifaschist:innen hat sich die Broschüre für uns angesehen und kritisch kommentiert:

Hannah: Eine weitere Zusammenstellung, was alles getan werden kann, um gegen Neonazis vorzugehen. Das kennen wir als 10-Punkte-Pläne gegen Neonazis im Kiez, Für Zivilcourage, bei rechten Angriffen – oder als lange Abhandlungen wie Tipps & Trix für Antifas. Es sind die immer gleichen Hinweise, nur in neuer Form dargereicht und mit wenig Innovation. Was mich dabei besonders stört, ist, dass es nur bedingt übertragbar ist auf die antifaschistische Arbeit in Deutschland. Und auch, dass direkt in der Einleitung betont wird, dass ganz viel Antinazi-Arbeit legal ist. Durch solche Betonungen beschränken und kriminalisieren wir uns nur selbst. Nicht was legal ist, sondern was wirksam und politisch sinnvoll ist, sollte unser Maßstab sein. Das Heft ist offenbar auch eine Antwort darauf, dass das Ansehen des tätigen Antifaschismus in den USA innenpolitischen Konjunkturen folgt. Mal als Bürgerschreck verpönt, der die Jugend zum Kommunismus führt, und mal als Held*innen, die sich den bewaffneten rechten Milizen effektiv entgegenstellen.

»Tipps & Tricks für Antifas und Antiras«, Kollektiv Schulschluss, 2017, 80 Seiten, 5 Euro

»Tipps & Tricks für Antifas und Antiras«, Kollektiv Schulschluss, 2017, 80 Seiten, 5 Euro

Mo: Ich finde tatsächlich, dass gerade die unterschiedlichen politischen und rechtlichen Ausgangslagen und Mittel durch die eingefügten Kommentare der Übersetzer:innen deutlich werden. Das weitet den Horizont für den US-amerikanischen Kontext und macht einen Abgleich leichter. Auch zeigt es, wie sehr einerseits die Mittel und Möglichkeiten von der politischen Gemengelage abhängen. Und andererseits, dass es ein nahezu zeitloses Reservoir an antifaschistischen Werkzeugen gibt, die meist sehr leicht anzuwenden sind. Von der Recherche über die Verbreitung von Infos, Aktionstrainings und Bildungsveranstaltungen bis zum Ansprechen von Nachbar:innen und Kieztreffs. Erwähnt werden aber auch direkte Aktionen, die in Deutschland teilweise gar nicht so legal sind und, wie das öffentliche Bekanntmachen von aktiven Neonazis, mittlerweile zum Standardhandwerk gehören. Insofern eignet sich das Heft für neue Aktivist:innen zur Orientierung und für alte zur Vergewisserung und als guter Realitätscheck, was schon lange nicht mehr gemacht wurde.

Miri: Ja, apropos Realitätscheck: Ich habe auch das Gefühl, dass es eine schöne Erinnerung daran ist, was alles nicht so gut läuft. Insbesondere proaktiv tätig zu sein, gelingt uns oft nicht und auch die Kenntnisse über lokale Neonazis finden sich oft in nur einzelnen – zu wenigen – Köpfen statt in Artikeln und langfristiger Recherchevernetzung. Ich habe das Heft an einem Vormittag durchgelesen. Insgesamt weniger Geschwafel und Tiefe als bei den Tipps & Trix, aber dafür eingängige Begründungen der verschiedenen Taktiken.

Zusammengestellt von 
Emma Sammet