Erinnerung an Porajmos
2. Januar 2026
Roma-Gedenkstätten in Tschechien
In der Nazidiktion und noch viel zu lang auch in unserem Sprachgebrauch wurden sie abfällig »Zigeuner« genannt. Leicht hatten es Roma und Sinti in Europa nie. Die Nazizeit sollte allerdings alles Bisherige in den Schatten stellen: Nichts weniger als ihre Vernichtung war das Ziel der braunen Barbaren. Romanes hat sogar ein eigenes Wort dafür: »Porajmos« (deutsch »das Verschlingen«) entspricht »Holocaust«.
Hodonín u Kunštátu
50 Kilometer nördlich von Brünn befand sich 1942/43 das Lager in Hodonín u Kunštátu. Es wurde zur Zwangskonzentration der mährischen Roma verwendet. Ebenso wie in das Lager Lety u Písku 80 Kilometer südlich von Prag (für die böhmischen Roma) wurde Anfang August 1942 eine große Anzahl von Roma-Familien in das Lager gezwungen, die Aufnahmekapazität von 800 Menschen wurde von Anfang an deutlich überschritten. Die Lebensbedingungen, die Versorgung mit Nahrungsmitteln und die sanitären Einrichtungen waren prekär. In beiden Lagern bestand das Aufsichtspersonal aus Polizeikräften des Protektorats, also aus tschechischen Polizisten. Insgesamt durchliefen das Lager Hodonín u Kunštátu mehr als 1.300 Personen, von denen alleine 207 im Lager selbst durch Krankheiten, Mangelernährung in Kombination mit Zwangsarbeit und aus ähnlichen Gründen ums Leben kamen.

Modell des Roma-KZ Lety u Písku südlich von Prag. Die Gedenkstätte in Hodonín u Kunštátu liegt ca. 50 Kilometer nördlich von Brno. Fotos: Gerald Netzl
Aus dem Lager heraus fanden zwei große Deportationen statt. Der erste Transport bestand aus 46 Männern und 29 Frauen, die als »asozial« gebrandmarkt worden waren und am 7. Dezember 1942 aufgrund des »Erlasses zur vorbeugenden Verbrechensbekämpfung« nach Auschwitz deportiert wurden. Der zweite Massentransport fand am 21. August 1943 statt. Dieser brachte insgesamt 749 Häftlinge nach Auschwitz-Birkenau. Nach dieser zweiten Deportation befanden sich nur noch 62 Häftlinge im Lager. Eine Nicht-Roma-Familie aus Olešnice adoptierte einen acht Jahre alten Häftling aus dem Lager und bewahrte das Kind damit vor weiterem Leid, denn nur wenige der verbleibenden Häftlinge wurden entlassen. Die Verbliebenen wurden im Winter 1944 ebenfalls nach Auschwitz deportiert.
In Hodonín u Kunštátu (nicht zu verwechseln mit Hodonín an der tschechisch-slowakischen Grenze) befindet sich seit 2021 eine Ausstellung zur Geschichte des Lagers und zur Geschichte der Volksgruppe in Böhmen und Mähren. Alle Texte sind tschechisch und englisch. Es gereicht Österreich und Deutschland zur Schande, dass es etwas Vergleichbares in den Täterländern nicht gibt. Außerhalb des ehemaligen Lagergeländes befindet sich das Denkmal Žalov auf einem Massengrab für die Opfer. Es bietet sich an, die Fahrt nach Hodonín u Kunštátu mit einem Besuch des sehenswerten Museums der Roma-Kultur in Brünn zu kombinieren.
Lety u Písku
1942 und 1943 waren hier ganze Familien böhmischer Roma und Sinti zwangsweise konzentriert, bevor sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurden. Während seiner Existenz (August 1942 bis August 1943) durchliefen etwa 1.300 Männer, Frauen und Kinder das Lager. Es ist sicher, dass insgesamt 326 Menschen in Lety u Písku starben, die meisten von ihnen waren Kinder. Die Lagergebäude wurden nach dem letzten Massentransport im Jahr 1943 dem Erdboden gleichgemacht und verbrannt.
Erschütternd ist die Tatsache, dass in den 1970er-Jahren – in der sozialistischen Tschechoslowakei – auf dem Gelände ein großer Schweinestall betrieben wurde. Er nahm praktisch die gesamte Fläche des ehemaligen Lagers ein und stand in der Nähe eines behelfsmäßigen Friedhofs. Im Lauf der Zeit wurde der Schweinestall zu einem Symbol für die Missachtung der historischen Ereignisse, eine Erinnerung an den mangelnden Respekt vor den Menschen, die in diesem Lager gelitten haben und gestorben sind.
Im Mai 1995 enthüllte der damalige Präsident Václav Havel an der Stelle der vermuteten Gräber ein Denkmal für die Opfer des Lagers. Erst 2018 kaufte der tschechische Staat den Hof, nachdem Einzelpersonen und internationale Organisationen zwanzig Jahre lang darauf gedrängt hatten. Seitdem arbeitet das Museum der Roma-Kultur intensiv an der Erfüllung seines erklärten Ziels, die Erinnerung an die lokalen Roma-Opfer des Holocausts in Würde zu bewahren. Die neue Gedenkstätte für den Porajmos an den Roma und Sinti in Böhmen wurde im Mai 2024 für BesucherInnen geöffnet. Die Texte sind auch hier auf Tschechisch und Englisch. Der Außenbereich mit Kulturdenkmal und Lehrpfad zur Geschichte des Lagers ist frei zugänglich.
Jedes Jahr im August findet am Ort des Lagers eine Gedenkveranstaltung statt. Diese wird vom Komitee zur Wiedergutmachung des Holocausts an den Roma gemeinsam mit dem Museum der Roma-Kultur organisiert.
Gerald Netzl
Infos: www.rommuz.cz

























