Gewissen gegen Barbarei
2. Januar 2026
Dompropst Bernhard Lichtenberg: Aus Verantwortung vor der Ewigkeit
Am 3. Dezember 2025 jährte sich der Geburtstag von Dompropst Bernhard Lichtenberg zum 150. Mal. Ein Jubiläum, das nicht nur die katholischen Christ:innen im Erzbistum Berlin begingen. Denn für sein mutiges und standhaftes Eintreten für die Menschlichkeit, das ihm den Hass der Nazis, Haft und schließlich den Tod brachte, verehren ihn bis heute Menschen, die sich mit seinem Leben und seinem Wirken beschäftigt haben. Sie sehen ihn zu Recht als Märtyrer und Vorbild (siehe Spalte).
Einsatz für das Diesseits
In seiner seelsorgerischen Arbeit erlebte Bernhard Lichtenberg hautnah die sich aus der Industrialisierung ergebenden Probleme wie Armut und Verelendung ebenso wie die schlimmen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges auf Soldaten sowie die Zivilbevölkerung Berlins. Er wurde Mitglied der Deutschen Zentrumspartei, trat für die Stabilisierung der Republik und den Ausbau des Sozialstaates ein. Von 1919 bis 1931 Abgeordneter in Charlottenburg, zeitweise auch der Stadtverordnetenversammlung Berlin, waren ihm die Einführung einer Arbeitslosenversicherung, preisgünstiger Wohnraum für Familien und ein geregelter Religionsunterricht besonders wichtig. Mit seiner Berufung zum Domkapitular 1931 legte Bernhard Lichtenberg alle politischen Ämter nieder, blieb aber ein politisch engagierter Priester.
Sein Engagement für den Frieden war den Nazis schon vor ihrem Machtantritt ein Dorn im Auge. Als Vorstandsmitglied des »Friedensbundes deutscher Katholiken« und der »Arbeitsgemeinschaft der Konfessionen für den Frieden« trat Lichtenberg konsequent gegen Militarismus und Kriegsvorbereitungen ein, was ihm Angriffe seitens der Nazis und ihrer Presse einbrachte.

Foto: Diözesanarchiv Berlin (DAB BN 1046,00.)
Bernhard Lichtenberg ließ sich nicht einschüchtern, damals und bis zum Ende seines Lebens nicht. Für ihn war jeder Mensch ein Bruder Christi und ein Geschöpf Gottes. Er folgte dem Gebot seines Glaubens und seiner Menschlichkeit, widersetzte sich der Verfolgung von Menschen aufgrund ihrer politischen Überzeugung oder ihrer jüdischen Herkunft.
Er stand immer dann auf, wenn es galt, für ihn wichtige christliche Werte zu verteidigen – wie 1935, als er gegen die furchtbaren Zustände im KZ Esterwegen und 1941, als er ebenso wie Kardinal Clemens August Graf von Galen öffentlich gegen die systematische Ermordung unheilbar Kranker, geistig oder körperlich Behinderter protestierte.
Damit geriet Bernhard Lichtenberg ins Visier des faschistischen Unterdrückungsapparates, erlebte immer wieder Haussuchungen und Gestapo-Verhöre.
Im Gegensatz zur Mehrheit der katholischen und protestantischen Kirchenführer war Lichtenberg von vornherein überzeugt, dass er verpflichtet sei, den zunehmend ihrer Bürger- und Menschenrechte beraubten Juden zu helfen. Im August 1938 wurde er mit der Leitung des vom Berliner Bischof Konrad von Preysing initiierten katholischen »Hilfswerks beim Bischöflichen Ordinariat Berlin« betraut. Es sollte jenen Katholiken, die nach den faschistischen Rassegesetzen plötzlich als Juden zählten, materielle und moralische Unterstützung bei der Auswanderung geben. Unzählige Menschen wandten sich an sein Büro und suchten Unterstützung. Immer mehr bezog sich die Arbeit des »Hilfswerks« nicht nur auf getaufte Juden, sondern auch auf Menschen jüdischen Glaubens.
Unter dem Eindruck der »Reichskristallnacht« am 9./10. November 1938 war Dompropst Lichtenberg der einzige Kirchenmann, der seine Stimme öffentlich und furchtlos gegen die Brutalität der Nazis erhob. Von diesem Abend an bis zu seiner Verhaftung betete Lichtenberg täglich auf seiner Kanzel in der St. Hedwigs-Kirche für die Juden, die Christen jüdischer Abstammung und andere Opfer des Regimes.
Verhaftung und Tod
Am 23. Oktober 1941 wurde Bernhard Lichtenberg verhaftet. Im Verhör äußerte er sich deutlich: Als katholischer Priester sei er verpflichtet, der in Hitlers »Mein Kampf« dargelegten Weltanschauung zu widersprechen, da sie unchristlich sei. Er sei bereit, alle Konsequenzen auf sich zu nehmen, die sein Widerstand gegen die Politik des Staates für ihn haben würde.
Im Mai 1942 verurteilte das Sondergericht I beim Berliner Landgericht Dompropst Lichtenberg wegen »Kanzelmissbrauchs« und »Heimtücke« zu zwei Jahren Haft. Da ging es dem 66-jährigen, schwer herz- und nierenkranken Priester gesundheitlich nicht mehr gut. Anträge selbst des päpstlichen Nuntius auf Haftverschonung wurden abgewiesen. Mit dem Ende der Haft im Strafgefängnis Tegel am 23. Oktober 1943 kam gleichzeitig die Einweisung in das Arbeitserziehungslager Wuhlheide. Fünf Tage später verfügte das Reichssicherheitshauptamt die Einweisung in das KZ Dachau. Auf dem Transport dorthin verstarb Bernhard Lichtenberg am 5. November 1943 in Hof.
Papst Johannes Paul II. sprach Bernhard Lichtenberg am 23. Juni 1996 in Berlin als Märtyrer selig. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem erkannte ihn am 7. Juli 2004 wegen seines Einsatzes für verfolgte Juden postum als »Gerechten unter den Völkern« an.
Jutta Harnisch
»… ich erkenne auch im Juden meinen Nächsten, der eine unsterbliche, nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffene Seele besitzt.«
Bernhard Lichtenberg
Priester in Berlin
Bernhard Lichtenberg wusste frühzeitig, dass er Priester werden wollte. Bereits 1900, ein Jahr nach der Priesterweihe, wurde der 25-Jährige nach Berlin versetzt. Dort wirkte er bis zu seiner Verhaftung 1941 – als Kaplan und Pfarrer, ab 1931 als Domkapitular des neugegründeten Bistums Berlin, ab 1932 als Dompfarrer der St. Hedwigs-Kathedrale und schließlich ab 1938 als deren Dompropst. Er wirkte in Berlin-Lichtenberg und Karlshorst, von 1913 bis 1931 in Charlottenburg an der Pfarrei Herz Jesu, in Pankow, Wedding und in Mitte.

























