Mutterschaft als Anforderung
2. Januar 2026
Bettina Wilperts neues Buch über Körperlichkeit, Identität und Zwänge
Die Autorin Bettina Wilpert hat bereits in ihren Romanen »Nichts, was uns passiert« und »Herumtreiberinnen« feministische Perspektiven auf Weiblichkeitsanforderungen in linken bis links-liberalen Milieus nachgezeichnet. Mit »Die bärtige Frau« folgt eine radikale Auseinandersetzung mit der Frage von weiblichen Körpern, Geschlechterkonstruktion, Gebären und Mutterschaft.
Emotionale Achterbahnen
Alex ist erstmals wenig Tage von ihrer einjährigen Tochter Paula getrennt und aus Leipzig in die bayerische Provinz gefahren, um ihre Mutter zu versorgen, die alleinlebend nach einem Unfall die Treppen in ihrem Haus nicht mehr nutzen kann. Während Alex die Kammer und so das zukünftige Schlafzimmer ihrer Mutter ausräumt, reflektiert sie ihr eigenes Aufwachsen, das Verhältnis zu ihrer Mutter sowie das Mutter-Werden. Chronologisch wird in Rückblicken das Leben Alex Zwanzigers vom Abschluss des Studiums und durchfeierten Nächten bis hin zu den ersten Monaten mit ihrem Kind beschrieben. In die Verhandlung ihrer Hetero-Beziehung zu ihrem langjährigen Partner Oliver ist auch immer wieder die Auseinandersetzung mit dem eigenen Begehren und der eigenen Geschlechts-identität eingewoben. Alex reflektiert, wie sich das Verhältnis zu ihrem Körper durch eine Fehlgeburt, ihre Schwangerschaft und das Mutter-Sein verändert hat. Die Leser_innen folgen den emotionalen Achterbahnen, Unsicherheiten und dem Schmerz der Geburt ebenso wie den ersten Tagen im Wochenbett und der Verzweiflung übermüdeter Beruhigungsversuche. Immer wieder werden dabei die Weiblichkeitsanforderungen an ihren Körper thematisiert und die christliche Umgebung, in der Alex groß geworden ist, aufgegriffen. So auch bei dem titelgebenden Bild der bärtigen Frau – während sie eine Pause vom Aufräumen macht, flüchtet Alex vor dem Regen in eine Kapelle im Wald. Vor ihren Augen wächst der stillenden Maria ein Bart. Das Bild, welches hier als Folie diente, ist 1631 vom spanischen Maler Jusepe de Ribera gezeichnet worden. Bettina Wilpert nutzt dieses Bild, um die Transformation von Körpern und die Uneindeutigkeit von Geschlecht explizit zu machen.
Liebevoll und empathisch

Bettina Wilpert: Die Bärtige Frau. Verbrecher Verlag, Berlin 2025, 192 Seiten, 22 Euro
Das Buch lebt von der Offenheit, mit der Alex’ Geschichte und ihre Infragestellung und Re-Orientierung an gesellschaftlichen Bildern von Mutterschaft reflektiert wird. Die bedingungslose Liebe zu ihrer Tochter Paula und wie mit Paula die Welt von Alex zugleich kleiner und größer wird, ist wunderbar dargestellt. Väter sind in dieser Welt entweder wortkarg und abwesend (wie Alex’ Vater) oder aber unsicher im Umgang mit ihrem Kind (ihr Partner Oliver). Das Spannungsfeld zwischen feministischen Unabhängigkeitsansprüchen und dem Verlangen, bei ihrem Kind zu sein, wird liebevoll und empathisch gezeichnet. Etwas zu kurz kommt die Rahmenhandlung mit Alex’ Mutter und ihrer Schwester Lena und deren Verhältnis zueinander. Trotzdem eine erhellende Lektüre mit angenehmem Erzähltempo für dunkle Winterabende.
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