Nationale Symbole
2. Januar 2026
Die Absicht bestimmt oft nicht die Wirkung
Die Eskalation des israelisch-palästinensischen Konfliktes1 hat zu einer verstärkten Präsenz palästinensischer Symbole, darunter das Palästinenser*innentuch (kurz Palituch)2, geführt. Dazu möchte ich einige persönliche Meinungen und Erfahrungen mitteilen.
Wenn ich Menschen mit Palituch sehe, dann weiß ich in der Regel nicht, was der konkrete politische Inhalt ihrer Palästina-Solidarität ist. Auf dem Palituch stehen meist keine politischen Forderungen oder Erklärungen geschrieben. In mir werden aber unweigerlich Erinnerungen an Erlebnisse mit Träger*innen des Palituchs wach. Ganz vorne stehen dabei die seit dem 7. Oktober 2023 nahezu täglich stattfindenden propalästinensischen und antiisraelischen Demos in Berlin, zu deren Erscheinungsbild sehr viele Palitücher gehören. Bei diesen Versammlungen nehme ich immer wieder Verherrlichung und Rechtfertigung tödlichen Terrors gegen die jüdisch-israelische Zivilbevölkerung wahr. So deute ich etwa Parolen wie »Glory to the Resistance« (Ruhm dem Widerstand), »All Colonizers are Targets« (Alle Kolonisierer*innen sind Ziele) oder »Decolonization is not a metaphor« (Dekolonisierung ist keine Metapher). Das alles sind Parolen, die häufig mit direktem Bezug zum Massaker von 2023 vorgebracht werden, zum Beispiel an dessen Jahrestag.
Weit verbreitet ist bei propalästinensischen Demos auch die Beanspruchung des ganzen historischen Gebiets von Palästina, das heißt die Verneinung des Existenzrechtes Israels, mit Parolen wie »There is only one state, Palestine 48« (Sinngemäß: Es gibt nur einen Staat, Palästina in den Grenzen von 1948) und (sinngemäß, häufig arabisch skandiert) »Von Fluss zu Meer, Palästina ist arabisch«. Oder man zeigt auf Schildern, Plakaten und Kettenanhängern den Landkartenumriss eines großen Palästinas ohne Israel.
Die Aktivist*innen, die am 8. Oktober 2023 auf der Berliner Sonnenallee Süßigkeiten verteilten, um das Massaker von Hamas und Verbündeten (Islamischer Dschihad, PFLP, DFLP) an vielen Hundert israelischer Zivilpersonen zu feiern, trugen Palitücher.
Weiter in der Erinnerung zurück, zu einer Menschenmenge 2014 in Berlin, während des vorletzten Gaza-Kriegs: Sehr viele in der Menge trugen Palitücher und viele riefen: »Hamas, Hamas, Juden ins Gas« und »Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein«.
Noch weiter zurück, Anfang der 00-er Jahre, bin ich von Neonazis gejagt worden, von denen einige das Palituch trugen. Es ist bei Teilen dieser Szene bis heute angesagt.
Zuerst aufgefallen ist mir das Palituch als Kind bei Yassir Arafat, dem langjährigen Führer der palästinensischen Nationalbewegung. Durch ihn wurde es in den 1960er- bis 80er-Jahren ikonisch. Er trug das Tuch in ganz bestimmter dreieckiger Form über der Schulter, sodass der Landkartenumriss eines großen Palästinas ohne Israel erkennbar war. Dieser Traum war damals, ist heute, wird morgen nur um den Preis von Massenmord und Massenvertreibung jüdischer Israelis zu verwirklichen sein.
Ich weiß, dass es vielen Menschen mit dem Palituch nicht um Krieg und Terror, sondern um Frieden und Gleichberechtigung geht, um ein Existenz- und Selbstbestimmungsrecht auch für Palästinenser*innen. Auch die im Vergleich wenigen Menschen, die heutzutage in Berlin mit Israelfahne auf die Straße gehen, wollen nach allem, was ich weiß, in ihrer übergroßen Mehrheit keine Sympathie für die teils rechtsextreme Netanjahu-Regierung, für israelische Kriegsverbrechen oder rechtsextreme jüdische Siedler im Westjordanland ausdrücken. Vielmehr geht es ihnen um eine Solidarität mit Israel als Zufluchtsort für Jüdinnen*Juden aus aller Welt, als Konsequenz aus dem Holocaust, als Staat und Gesellschaft, die hauptsächlich von jüdischen Verfolgten und ihren Nachkommen aufgebaut wurden. Die Israelfahne steht für das nationale Existenz- und Selbstbestimmungsrecht, das jüdischen Menschen weltweit vehement bestritten wird.
Doch auch die Verbrecher Netanjahu, Smotrich und Ben-Gvir tragen diese Fahne bei jedem Auftritt am Revers. Sie weht über dem israelischen Militär auf allen Schauplätzen und begleitet die Siedlergewalt im Westjordanland. Diese Bilder bekomme ich nicht aus dem Kopf.
Als Friedenssymbol trage ich einen Anstecker mit der israelischen und der palästinensischen Fahne. Durch die Kombination hoffe ich zu verdeutlichen, dass ich das Existenzrecht beider Seiten anerkenne und die menschenverachtenden (leider politisch derzeit bestimmenden) Kräfte auf beiden Seiten ablehne. Für mich gilt: Entweder beide Fahnen oder keine!
Mathias Wörsching
1 Hier ist nicht vom »Nahostkonflikt«, sondern vom »israelisch-palästinensischen Konflikt« die Rede, weil es in der aus europäischer Sicht als »Naher Osten« bezeichneten Weltregion viele alte und bedeutende Konflikte gibt, zum Beispiel den kurdisch-türkischen, den sunnitisch-schiitischen und den drusisch-arabischen Konflikt.
2 Das Palituch wird in Deutschland heute meistens »Kufiya« genannt, doch mit diesem traditionellen arabischen Bekleidungsstück (meist Kopfbedeckung) für Männer, dessen Farbgebung und Musterung auf die regionale Herkunft des Trägers schließen lässt, hat das heutige Textil aus ostasiatischer Massenfertigung nicht viel gemein. Es wird vielmehr als politisches Zeichen der palästinensischen Nationalbewegung und der Palästina-Solidarität um die Schultern getragen.

























