Ossietzky im Jahr 1915.
2. Januar 2026
Bela Winkensʼ Weg durch die Vergangenheit
In »Brief an die Mutter« schreibt Bela Winkens an ihre Mutter, die im KZ Auschwitz ermordet wurde und die sie nie wirklich kennenlernen konnte. Winkens erzählt ihr von ihrer Kindheit, ihren Erinnerungen an das KZ Theresienstadt, das sie als Vierjährige überlebte, und wie sie als Überlebende mit dem Schmerz und der Trauer im Laufe ihres Lebens umzugehen versucht hat.
Geboren wurde Bela Winkens in Berlin am 5. Februar 1941 als Bela Heymann. Ihre Großeltern und Eltern wurden 1942 beziehungsweise 1943 in Konzentrationslager deportiert und ermordet. Zuvor war sie durch ihren Großvater zu Verwandten ins Ruhrgebiet gekommen und wurde im Juni 1943 in Bochum in einem katholischen Kinderheim untergebracht. Das Heim wurde in der folgenden Nacht bombardiert, die vermutlich anonyme Bela mit den anderen Kindern evakuiert. So blieb sie als »Elisabeth« in Nordhessen, ihre Identität flog dennoch auf, sie wurde ins Jüdische Krankenhaus in Berlin gebracht, von dort nach Theresienstadt deportiert. Als Vierjährige wurde sie 1945 aus dem KZ befreit.

Bela Winkens: Brief an die Mutter. Verbrecher Verlag, Berlin 2025, 216 Seiten, 20 Euro
1946 nahm ein Ehepaar sie in Düsseldorf auf und adoptierte sie. Mitte der 1950er-Jahre spielte sie in einem Theaterstück im nahegelegenen Holland die Rolle der Anne Frank, nach dem Abitur schloss sie eine Schauspielausbildung in Berlin ab und arbeitete danach als Schauspielerin. 1996 war sie in der Lage, diese Memoiren als hochpoetischen Brief niederzuschreiben, der nun erstmals veröffentlicht wurde. Ihr Buch beginnt mit dem Suchen nach einer Anrede für die Mutter:
»Liebe M … Ich kann nicht … Über Jahrzehnte und Dutzende Male schon habe ich versucht, Dir einen Brief – diesen Brief – zu schreiben. Umsonst. Es ging nicht. Wie soll ich Dich anreden? Mama, Mame, Mutti, Mutter? Ich besitze keine Erinnerung an Dich. Mitleidige Menschen gaben mir dieses Foto. Endlich ein Foto von Dir! Ein Kinderfoto. Etwa 1922. Sechs Jahre alt warst Du damals. Die drei auf dem Foto scheinen gutgelaunt. Aufgereiht wie die Orgelpfeifen, strecken sie dem Betrachter ihre wohl-genährten Bäuche entgegen. Eins von diesen drei Kindern auf dem Foto bist also Du. Das älteste. Das andere Mädchen ist Deine Schwester Inge, der Junge Dein Bruder Gerhard. Mutter, Onkel, Tante … Ich habe, Verzeihung, hatte eine Familie. Eine richtige Familie. Eine Familie mit allem Drum und Dran. Eine eigene, intakte, jüdische Familie – mit allem, was dazugehört.«
Wir haben Bela Winkens 2021 während einer Recherche der VVN-BdA Lüneburg über ein Kinderheim in Ochtmissen/Lüneburg kennengelernt, in dem zwischen 1946 und 1948 jüdische Kinder für einige Wochen physische und psychische Erholung finden sollten. Bela Winkens war eines von zweien dieser Kinder, mit denen wir noch Kontakt aufnehmen konnten. Aus der damit beginnenden Freundschaft geht diese Veröffentlichung des 1996 abgeschlossenen Manuskripts hervor. In einem Nachwort erzählen wir über Recherchen und deren Ergebnisse zu Bela Winkensʼ Leben.
Gabi Bauer und Peter Piro
Buchvorstellung: Sonntag, 8. Februar 2026, 11 Uhr, Beatrice-Strauss-Zentrum der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Marktstr. 2 (Innenhof)

























