Seinem Weg treu

2. Januar 2026

Bertl Lörcher: Porträt eines lebenslang aktiven Antifaschisten

Aufgeben kam nicht in Frage. Mit Flugblättern wehrten sich 1933 Bertl Lörcher und Freunde, mussten angstvolle Wochen der Illegalität durchstehen und wurden dann doch verhaftet. Bertl wurde verurteilt und anschließend bis Mai 1935 erst ins Gefängnis und später ins KZ Dachau verfrachtet. Die Zeit nach seiner Entlassung war keine wirkliche Freiheit. Zu groß war die Angst vor erneuter KZ-Haft. Als »Häftling auf Urlaub« fühlte er sich damals.

Seine Schwester Elisabeth, weitere Verwandte und Freunde aus der Arbeiterjugend, darunter seine spätere Ehefrau Gretel Hörndl, selbst mit 19 Jahren in »Schutzhaft«, unterstützten ihn nach Kräften. Ursprünglich »wehrunwürdig« wurde Bertl Lörcher von den Nazis im Oktober 1942 dann mit der »Bewährungseinheit 999« ins Kriegsgebiet Tunesien verfrachtet. Die Zeit im »Strafbataillon« nimmt im Buch einen größeren Platz ein, weil erstmals ausführlicher Lörchers »Kriegstagebuch« zitiert wird. Versuche, zu den gegen die Nazis kämpfenden alliierten Truppen in Afrika überzulaufen, waren zum Scheitern verurteilt.

Letztlich landet Bertl in US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft zum Baumwollpflücken in Louisiana. In einem »Umerziehungskurs« kann er dort als ehemaliger politischer Häftling auf seine einstigen Verfolgungen hinweisen und wird daraufhin auf eine Arbeit im besiegten Deutschland vorbereitet. Er will aber nach all den Jahren der Bedrängnis seinen eigenen Weg gehen. Erst auf Drängen eines kommunistischen Dachau-Kameraden, der in der Entnazifizierungsbehörde arbeitet, übernimmt er im Februar 1946 voller Skepsis die Aufgabe, in Oberbayern diese Behörden mit einzurichten. Angesichts der vielen bürokratischen und politischen Hindernisse gibt er das am Jahresende wieder auf.

Dieser Buchabschnitt über Lörchers Erfahrungen mit der sogenannten Entnazifizierung ist besonders gewinnbringend, weil er aus Sicht eines Insiders verständlich macht, warum sich viele Antifaschisten sehr bald aus dieser letztlich gescheiterten »Säuberung« zurückgezogen haben. Danach fühlte er sich wirklich frei und knüpfte an die für ihn so wichtige Bildungsarbeit im Jugendverband und bei den Gewerkschaften an und gründete unter anderem zusammen mit der NS-Verfolgten Lina Haag, Autorin des berühmten Berichtes »Eine Handvoll Staub«, eine Buchhandlung für fortschrittliche Literatur. Bald darauf übernimmt er als Geschäftsführer des gewerkschaftseigenen Bund Verlags in Bayern dessen Buchhandlung im Münchner Gewerkschaftshaus. Hier konnte er endlich selbstbestimmt all das weitervermitteln, was er für engagierte Gewerkschafter wichtig fand.

Bertl Lörcher im Bund-Verlags-Buchladen. Foto: privat

Bertl Lörcher im Bund-Verlags-Buchladen. Foto: privat

So wurde er zu »einem geistigen Zentrum der Münchner, ja der bayerischen Gewerkschaftsbewegung«, wie es 1997 bei der Trauerfeier für Bertl Lörcher formuliert wurde. Weil ihm aber das Handeln stets genauso wichtig war, mischte er sich kräftig ein gegen die Remilitarisierung, unterstützte aufmüpfige junge Kolleg*innen, engagierte sich für die Internationale Jugendbegegnung in Dachau ebenso wie für den Aufbau des »Archivs der Münchner Arbeiterbewegung«. Daneben ermunterte er nicht nur zur Fortsetzung der Tradition der Arbeiterchorgesangs, sondern fungierte über Jahrzehnte als organisatorischer Leiter des Münchner DGB-Chors, bei dem er selbst und seine Frau Gretel von Anfang an gerne mitgesungen haben.

Bertl Lörchers Eintritt in die SPD hinderte ihn auch nicht daran, stets zum Widerspruch aufzufordern und allem und allen gegenüber kritisch zu bleiben. Mit dieser Haltung und seinem Leben als Sozialist und Antifaschist wurde er für viele Jüngere zu einem wichtigen Förderer. Gerne hätte man im Buch etwas mehr erfahren über seine ebenfalls engagierten Angehörigen, vor allem über seinen Bruder Ernst, der über neun Jahre als Häftling den Naziterror erleiden musste.

Durch den Wechsel von historischen Erläuterungen des Autors und den vielen Erinnerungen Bertl Lörchers entsteht insgesamt ein lebendiges Zeitbild dieses immer kritisch denkenden und handelnden Münchner Antifaschisten. Informative Anmerkungen und Kurzbiografien erwähnter Personen unterstützen das besonders.

Friedbert Mühldorfer

Aus »kleinen Verhältnissen« in München stammend, aufgewachsen mit älterem Bruder und Schwester, schien auf den jungen Albert, den alle Bertl nannten, das übliche Arbeiterleben zu warten. Und doch bahnte sich früh eine andere Richtung an: Der Kürschnerlehrling schließt sich als 15-Jähriger der Sozialistischen Arbeiterjugend an wie vorher bereits sein Bruder Ernst. Die Zeit in einer Münchner SAJ-Gruppe prägt ihn mit Bildungsabenden und Diskussionen, dem Sport, der Kritik an altbackenen moralischen Vorstellungen in der Gesellschaft und dem zu braven Agieren mancher SPD-Funktionäre. Vor allem die wachsenden Auseinandersetzungen mit den stärker werdenden Nazis führten ihn und Ernst näher zu den politisch aktiveren Jugendlichen des Kommunistischen Jugendverbands (KJ). Die Bereitschaft war groß, gemeinsam etwas gegen die Nazis zu unternehmen – und groß war die Hoffnung auf die Stärke der Gewerkschaften. Wie viele andere mussten sie aber die kampflose Besetzung des Münchner Gewerkschaftshauses durch die Nazis im März 1933 erleben: »Dass die Arbeiterbewegung (…) einfach so schmählich unterging, das hat uns schon sehr deprimiert«, erinnerte sich Bertl später.

Gerald Engasser: Ich will meinen eigenen Weg gehen. Bertl Lörcher – Sozialist, Antifaschist, Gewerkschafter. Franz Schiermeier Verlag, München 2025, 178 S., 18,50 Euro