Wehrpflicht reloaded

geschrieben von Cornelia Kerth

2. Januar 2026

Erst Fragebogen, dann Zwangsdienst

Am 5. Dezember wurde es im Bundestag beschlossen, im Januar geht es los: Für den ersten Schritt zum »freiwilligen« Wehrdienst ist die Wehrerfassung bereits aktiviert, junge Menschen erhalten zum 18. Geburtstag einen Fragebogen. Frauen können ihn (noch) einfach ignorieren, Männer müssen ihn bei Androhung eines Bußgelds (bis zu 1.000 Euro) ausgefüllt zurückschicken. Wer ankreuzt, dass er kein Interesse am Dienen hat, hat damit seine Pflicht erst mal erfüllt. Stufe zwei tritt allerdings schon ein Jahr später in Kraft: Dann ist für Männer auch die Musterung Pflicht. Ein Schelm, wer dabei an die Debatte über fehlende Voraussetzungen für eine »neue Wehrpflicht« in Struktur und Logistik der Bundeswehr und ihrer Verwaltung denkt, und weiteren »Aufwuchs« kommen sieht, wenn Kapazitäten für Unterbringung und Ausbildung geschaffen sind …

2011 war die Wehrpflicht »ausgesetzt« worden, weil man im Wesentlichen davon ausging, dass die Kriege der Gegenwart und Zukunft eher Spezialisten verlangen als Kanonenfutter. Zudem konnten Wehrpflichtige auch nicht ohne massive politische Probleme in die Auslandseinsätze geschickt werden, die mit einer seit 1990 »gewachsenen deutschen Verantwortung« einhergingen.

Generationen »deutscher Männer«

Eingeführt worden war die Wehrpflicht mit Gründung des Deutschen Reiches 1871. Kaiser und Führer haben per Wehrpflicht Generationen »deutscher Männer« geschaffen und in die Schützengräben von »WK 1« und »WK 2« geschickt. Dass am Ende des Ersten Weltkriegs die Novemberrevolution stand, begründete die Legende vom »Dolchstoß« und war Ausgangspunkt für Hitlers Devise, dass neue deutsche Größe nur nach dem Sieg über den »inneren Feind« erkämpft werden könne, so dass alle Art von Repression gegen tatsächliche oder vermeintliche Gegner des Naziregimes immer auch mit dem Verlust der »Wehrwürdigkeit« einherging – bis die Betroffenen aus Zuchthäusern und KZs für das »Bewährungsbataillon 999« geholt wurden, um den Rückzug der Wehrmacht mit ihrem Leben zu bezahlen.

Ausgerechnet von Franz Josef Strauß ist der schöne Satz aus dem Jahr 1949 überliefert: »Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen.« Solcherlei Abkehr vom preußisch-deutschen Militarismus, der von den Alliierten in Potsdam als eine Grundlage für Angriffs- und Vernichtungskrieg erkannt worden war, hielt allerdings nur kurz. Schon 1950 setzte die Debatte über die »Wiederbewaffnung« ein. Nachdem Adenauer den Forderungen von Hitlers Generälen nach dem Ende der »Diffamierung« der Wehrmacht und Waffen-SS mit einer »Ehrenerklärung für den deutschen Soldaten« nachgekommen war, wurde 1957 der erste Jahrgang Wehrpflichtiger in Kasernen eingezogen, die oft die Namen von Kriegsverbrechern trugen, und von deren ehemaligen Kameraden ausgebildet wurden.

Nach der Abschaffung der Wehrpflicht strebte die erste deutsche Verteidigungsministerin von der Leyen danach, der Bundeswehr das Image eines »attraktiven Arbeitgebers« zu verpassen, von »Mach, was wirklich zählt«, bis zur betrieblichen Kita, familienfreundlichen Arbeitszeiten und kostenlosen Bahnfahrten in Arbeitskleidung – von den Auslandseinsätzen an bis zu 13 Kriegsschauplätzen gleichzeitig mal abgesehen.

In dem Maß, in dem »Kriegstüchtigkeit« als gesellschaftliches Ziel definiert wird, kehrt nun allerdings auch der »Krieger« als Vorbild zurück. Im letzten Moment konnte durch öffentliche Interventionen die Ergänzung des geltenden Traditionserlasses um die »bedeutende Rolle für traditionsstiftende militärische Exzellenz«, die der »Gründergeneration der Bundeswehr« zukomme, verhindert werden. Warum erinnert mich das ebenso wie Priorisierung der Aufrüstung im Bundeshaushalt, Förderung von Rüstungsforschung und -produktion und eben die Reaktivierung der Wehrpflicht an die programmatische Schrift »Streitkraft Bundeswehr« der AfD (2019)? Ganz verwunderlich ist es allerdings nicht, besteht doch der »Arbeitskreis Verteidigungspolitik« der AfD aus zum Teil hochrangigen Ex-Offizieren der Bundeswehr.

Dienen statt Jobperspektive?

Die Wehrdienstoffensive mit Option zur Pflicht kommt in einer Zeit, in der die Chefin der Bundesanstalt für Arbeit verkündet, die Chancen, einen Job zu finden, seien für Arbeitslose so niedrig wie nie und besonders betroffen seien Berufseinsteiger. Da sieht mancher einen Wehrdienst mit Einstiegsgehalt von 2.600 Euro brutto zuzüglich Führerschein und der Möglichkeit einer auch zivil nutzbaren Berufsausbildung als Chance. Wenn es am Ende für die »Kriegstüchtigkeit« zu wenige sind, führt vermutlich an der »neuen« Wehrpflicht kein Weg vorbei. Gut, dass beim ersten bundesweiten Schulstreik bis zu 50.000 Schülerinnen und Schüler dazu deutlich NEIN gesagt haben.

Cornelia Kerth