Widerstand intensivieren
2. Januar 2026
Lou und Marc von »Widersetzen« zu den Aktionen in Gießen
antifa: Das bundesweite antifaschistische Bündnis »Widersetzen« hat sich im Jahr 2024 gegründet, um den AfD-Parteitag in Essen zu blockieren. Wie ging es danach weiter?
Lou: Seit Essen konnten wir ein stetiges Wachstum beobachten, sowohl was aktive lokale Gruppen anbelangt als auch die Größe der Aktionen selbst. Bei den Protesten gegen den AfD-Parteitag in Riesa waren wir schon 15.000 Menschen! Nach diesem Erfolg haben wir eine Konferenz ausgerichtet, auf der wir das Ziel formuliert haben, in Gießen den AfD-Jugendkongress zu blockieren. An über 80 Orten gab es daraufhin Veranstaltungen, um über die »Generation Deutschland« (GD) aufzuklären, zu erläutern, warum wir deren Gründung blockieren sollten, und zusätzliche Aktionstrainings.
Marc: Wir sind ein Bündnis aus verschiedenen Akteur_innen in Deutschland, aus unterschiedlichen Bereichen: Antirassismus, Antifaschismus, Queerfeminismus, Klimabewegung, Gewerkschaften und Parteijugenden. Uns geht es darum, Bewegungsimpulse zu setzen, um Menschen nachhaltig zu politisieren und antifaschistisch zu organisieren. Wir haben in Essen gemerkt, dass Ziviler Ungehorsam als Praxis für viele Menschen anschlussfähig ist, über das symbolische hinausgeht und ganz praktisch in der Lage ist, den Nazis Räume zu nehmen. Diese kollektive Selbstermächtigung hilft dem Bewegungsaufbau und dabei, widerständiger zu werden und hat das Potenzial, enger zusammenzuschweißen. Überall in Deutschland organisieren sich Leute gegen den Rechtsruck – Widersetzen hat bereits über 60 Ortsgruppen und ist überall präsent. Widersetzen schafft für junge Menschen ein breites Angebot, sich antifaschistisch zu organisieren.
antifa: Wie bewertet ihr die Aktion in Gießen?
Lou: Wir konnten einen massiven Erfolg erzielen, insgesamt gab es 19 Blockaden. Der Kongress konnte nur stark verzögert starten, und insgesamt haben es nur 900 statt der geplanten 2.000 Nazis in die Halle geschafft. Wir dagegen waren mit 15.000 Aktivist_innen in Blockaden sowie insgesamt mit 50.000 Leuten in der Stadt und haben klargemacht: Die Jugend ist antifaschistisch!
Marc: Gießen war eine der größten Aktionen antifaschistischen zivilen Ungehorsams, in der BRD überhaupt. Es war ein großer Erfolg nach innen, also für die Leute, die lange geplant und daran gearbeitet haben, aber auch nach außen, weil die Menschen, die sich angeschlossen haben, effektiv blockieren konnten. Wir hoffen, dieses Potenzial für die Zukunft nutzen zu können.
antifa: Das Ganze lief nicht ohne Repression ab.
Lou: Im Vorhinein haben Polizei und Innenministerium Hessens ein Bild linksextremer Gewalt aufgemacht und versucht, die Proteste zu delegitimieren. Das gipfelte im Verbot der Demo in der Weststadt, was einen massiven Eingriff ins Versammlungsrecht darstellt. In Berlin wollten Studierende über die Aktion aufklären, das wurde ihnen von den Unileitungen der Humboldt-Uni und der Freien Uni untersagt – auf Druck der AfD. Diese Entwicklung finden wir besorgniserregend, weil uns die Räume genommen wurden aus vermeintlicher Angst vor der AfD.
Marc: Es scheint so, als wären die Aussagen der Polizei eine Legitimation, um massive Kapazitäten und Räumungsmittel zu organisieren. Gründe zum Einsatz haben sie nicht gefunden, es gab aber trotzdem eine massive Polizeipräsenz und ein Drohszenario durch Technik wie Wasserwerfer und Räumpanzer. Dieses linksextreme Drohszenario aufzumachen, während in der Halle Rechtsradikale sitzen und über die Deportation ganzer Bevölkerungsgruppen diskutieren, steht offensichtlich in keinem Verhältnis.
antifa: Wie schätzt ihr den Gründungskongress selbst ein?
Lou: Es hat sich bewahrheitet, was Widersetzen in seiner Öffentlichkeitsarbeit im Vorhinein herausgestellt hat: In der GD sind die gleichen Nazis wie in der Jungen Alternative mit nachweislich sehr guten Verbindungen ins extrem rechte Vorfeld, was sie selbst erklärt stärken wollen. Für die AfD ist die Jugendorganisation ein gesellschaftliches Scharnier, um ihre politische Agenda und Hetze auf die Straße zu tragen. Deswegen waren auch viele Vertreter »alternativer« Medien und rechte Influencer geladen – das ist ein zunehmend wichtigeres politisches Feld, um in soziale Medien zu wirken. Hier liegt das besondere Potenzial einer Jugendorganisation.
Marc: Die rechte Szene ist überraschend jung geprägt. Die AfD versucht das abzuschöpfen und die Menschen nachhaltig an die Partei zu binden. Besonders gefährlich scheint uns die bessere Verbindung zu jenen, die bisher keine starke Verbindung zur Partei hatten. Es sollen organisierende Angebote geschaffen werden, und es geht natürlich auch um Gelder. Wenn man sich den Kongress anschaut, ist auffällig, dass es zum Großteil junge Männer sind, die sich am lautesten zujubeln, wenn es um Deportationsfantasien wie in den USA sowie den zugehörigen Ausbau polizeilicher Kapazitäten und paramilitärischer Infrastruktur geht.
antifa: Wie geht es nach Gießen weiter?
Lou: Die nächste große Veranstaltung steht fest, Mitte 2026 wird in Erfurt wieder ein AfD-Parteitag zu blockieren sein. Viel entscheidender ist aber, dass es in allen Ortsgruppen weitergeht, dass aktiv organisiert und auch lokal gegen den Faschismus Widerstand geleistet wird. Das hat letztes Jahr schon vermehrt geklappt, aber die Hoffnung ist, dass sich das intensivieren lässt.
Marc: Uns geht es nicht nur darum, zu einem bestimmten Ereignis möglichst viele Menschen auf die Straße zu bringe, sondern darum, diesen massenhaften Widerstand nachhaltig zu organisieren – weil wir aus der deutschen Geschichte gelernt haben, dass wir uns im Kampf gegen den Faschismus früh organisieren müssen. Weil es zu spät ist, wenn er einmal an der Macht ist.
Lou und Marc sind aktiv im antifaschistischen Bündnis »Widersetzen«, das zu den Protesten gegen das Gründungstreffen der AfD-Jugendorganisation »Generation Deutschland« am 29. November 2025 mobilisiert hatte. Foto und Infos: widersetzen.com


























