Zwischen Tel Aviv und Teheran
2. Januar 2026
Wie zwei Menschen aus offiziell verfeindeten Staaten Freundschaft und Hoffnung finden
Die deutsch-israelische Jüdin Katharina Höftmann Ciobotaru (im Buch »Nina«) und der iranische Muslim Sohrab Shahname – ein Pseudonym (im Buch »Sohrab«) haben 2024 zwischen Tel Aviv und Teheran einen intensiven E-Mail-Austausch und lassen uns im Buch mitlesen.
Beide berichten über ihre individuellen Alltagserfahrungen, ihre jeweiligen soziokulturellen Kontakte und tauschen sich über komplexe Politiken aus. Der Schriftwechsel ist intim und politisch zugleich. Es werden persönliche Verständigungsbrücken zwischen den politisch verfeindeten Staaten Israel und Iran aufgebaut.
Schmerz und Angst seit dem 7. Oktober
Nina gibt Zeugnis über ihren eigenen Schock und den ihrer Freunde_innen infolge des brutalen Hamas-Überfalls auf Israel am 7. Oktober 2023: »Wir haben dieses gemeinsame Verständnis, dass wir alle seither in einer Art Hölle leben.« Als sie wegen körperlicher Leiden zu einer Physiotherapeutin ging, erfuhr sie: »dass ich wohl einfach nur ›7. Oktober‹ habe … sie erzählte mir, dass ganz viele ihrer Patienten mit den gleichen Symptomen zu ihr kämen«. Und Nina schließt: »In mir steckt einfach so viel Schmerz und Angst seit dem 7. Oktober. Zu viel, um sie zu bewältigen.«
Sohrab antwortet: »Ich kann absolut verstehen, was du seit dem 7. Oktober durchgemacht hast. Ich habe auch öfter Panikattacken aufgrund der vielen schlimmen Situationen hier« – und er berichtet über bedrückende Repressionen im Iran: »Ich bin in Schulen mit Direktoren und Lehrern aufgewachsen, die versucht haben, uns das Hirn zu waschen, die uns Lügen über Israel erzählt und den Niedergang des jüdischen Staates heraufbeschworen haben.« Und »was so eine Diktatur am Ende mit einem macht: Weil sie so unberechenbar ist, lebt man permanent in latenter Angst«.

Katharina Höftmann Ciobotaru, Sohrab Shahname: Über den Hass hinweg. Penguin Random House Verlagsgruppe, München 2025, 272 Seiten, 24 Euro
Nina ist ihrerseits empört über die Netanjahu-Regierung in Israel: »Unsere rassistische Regierung und die Fanatiker in unserem Land machen mich unfassbar wütend, ihr Hass steht gegen alles, wofür ich kämpfe.« Die Botschaften in den Briefen wechseln zwischen allen Ebenen: Individuelle Wünsche werden ausgetauscht, über kulturelle Erlebnisse wird berichtet, autobiografische Notizen werden vorgetragen, politische Orientierungen werden erörtert. Sie schließen Freundschaft. Sohrab: »Wie Zwillinge. Wie Bruder und Schwester, die sich in Zeiten der Gefahr fest an den Händen halten«. Sie sind sich einig im kritischen Austausch über ihre jeweiligen Regierungen. Sie diskutieren über politische Umwälzungen in Israel und im Iran.
Nina: »Wir werden Bibi los und ihr die Mullahs«. Sohrab: »Mit einer Kombination aus Revolution und Reformen«. Und sie teilen sich gegenseitig sorgenvoll angesichts von Krieg, Diktatur und Autokratie mit. Nina: »In Israel fühlt es sich oft so an, als könnte das Leben jeden Augenblick vorbei sein«. Sohrab antwortet mit einem iranischen Sprichwort: »› Die Welt besteht aus zwei Tagen‹. Es sagt das Gleiche aus, was du beschrieben hast«.
Ninas Plan, aus dem Schriftwechsel ein Buch zu machen, um zu zeigen: »dass die Menschen aus zwei Ländern, die – offiziell – verfeindet sind, sich mit Respekt und Sympathie schreiben«; führt bei Sohrab zu großen Ängsten: »Ich wäre doch nicht der erste Regimegegner, der jahrelang eingesperrt würde, oder, noch schlimmer, sang- und klanglos verschwinden«. Nina verspricht: »Ich würde nie etwas tun, was deine Sicherheit gefährdet«, und sichert ihm Anonymität zu. Sohrab stimmt schweren Herzens zu.
Alle Zeichen standen seither für Sohrab auf Spannung. Das ist für ihn vermutlich Antrieb und Motivation, den Iran über die Grenze nach Armenien heimlich zu verlassen – ein Weg in die Freiheit? Er schreibt seinen letzten im Buch dokumentierten Brief an Nina aus Jerewan: »als ich hier ankam, war ich doch schockiert«. Sein Schock war ein positiver: »ich sehe, dass die Menschen hier glücklicher sind als im Iran … während ich am Anfang noch Angst hatte, verhaftet zu werden, habe ich mich innerhalb weniger Tage an diesen neuen Normalzustand gewöhnt!«. Und: »Mein Leben ist nun angefüllt mit unendlichen Möglichkeiten«.
Angst und absolute Hoffnungslosigkeit
Ninas letztes Dokument folgte drei Tage danach. Sie berichtet Sohrab, dass sie einen wunderbaren Sommerurlaub in Griechenland mit ihrer Familie erlebt hatte: Jetzt »sind wir zurück in Israel. Und es ist härter als je zuvor«. Der Krieg hatte sie eingeholt: »Es fühlte sich wieder wie der 7. Oktober an. Angst und absolute Hoffnungslosigkeit krochen in jede Faser meines Körpers. Dies ist der längste Krieg, den Israel jemals erlebt hat. Und es scheint, als würde er nie enden …Werden wir in der Lage sein, die Regierung zu verjagen, die den Schutz ihrer Bürger immer noch nicht zu ihrer obersten Priorität macht?«
Mein Fazit: Das Buch ist ein Dokument persönlicher Sympathie und Freundschaft über alle politischen Grenzen hinweg. Und es ist ein Dokument des Ausgeliefertseins von Menschen in Diktaturen und autokratisch regierten Demokratien. Ich finde, das Buch sollte gelesen und diskutiert werden.
Harry Friebel

























