Germanen neu erzählt

2. Januar 2026

Mythenkritisches Buch über deutsche Vorgeschichte

»Die Germanen« als Mythos und Konstrukt sind in allen Spielarten des deutschen Nationalismus bis hin zum Nazismus ein wichtiger Teil der jeweiligen Geschichtserzählungen. Die sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert als Wissenschaft herausbildende Ur- und Frühgeschichtsarchäologie ging mit verfestigten nationalistischen Deutungsmustern an die Bodenfunde und baute sie ins bestehende Germanenbild ein, während sie gleichzeitig viel neues, über die Schriftquellen hinausgehendes Wissen zusammentrug.

Das nationalistisch geprägte Germanenbild ist in Deutschland kulturell tief verwurzelt. Während die moderne Wissenschaft dieses Bild nach 1945 zunehmend hinterfragte und auseinandernahm, bis so gut wie nichts mehr davon übrig blieb, wirkt es unterhalb der akademischen Schwelle mächtig weiter auf ein großes Publikum – in populärwissenschaftlichen Werken und in Kinderbüchern, Filmen, Comics und Romanen, auf Mittelaltermärkten und in der Reenactment1-Szene.

Karl Banghard, Autor von »Die wahre Geschichte der Germanen«, meint, dass es nicht reiche, das nationalistische Germanenbild akademisch zu zerstören und eine weiße Fläche zu hinterlassen. Vielmehr gelte es, die alten Bilder mit neuen Deutungen zu überschreiben, die zwar nicht schlechthin »wahr« sein können, aber doch näher an der historischen Wahrheit liegen.

Banghard leitet seit über 20 Jahren das »Archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen« am Teutoburger Wald. Gegründet unter dem Naziregime als weltweit erstes Freilichtmuseum zu den Germanen, verkörperte es den völkischen Umgang mit der Überlieferung und den archäologischen Befunden, während es heute ein glänzendes Beispiel für kritische, entmystifizierende Experimental- und Siedlungsarchäologie darstellt. Aus Oerlinghausen stammen mehrere verdienstvolle Veröffentlichungen, die wie mit einem Hammer den extrem rechten Geschichtsschwindel zertrümmern, so etwa das Schindluder, das in rechten Szenen mit vermeintlich germanischer Symbolik betrieben wird2.

Karl Banghard: Die wahre Geschichte der Germanen. Propyläen Verlag, Berlin 2025, 272 Seiten, 22 Euro

Karl Banghard: Die wahre Geschichte der Germanen. Propyläen Verlag, Berlin 2025, 272 Seiten, 22 Euro

Banghards Germanenbuch ist nicht nach gesellschaftlichen Bereichen wie etwa germanische Wirtschaft, Politik, Kultur oder Kriegführung gegliedert. Der Autor will nämlich nicht den falschen Eindruck erwecken, dass es eine historisch fassbare »germanische Gesellschaft« als einigermaßen dauerhaftes und einheitliches Gebilde gegeben hätte. Stattdessen präsentiert Banghard seine Buchkapitel als zeitlich geordnete essayistische Schlaglichter, die jeweils mehrere wichtige Aspekte und wissenschaftliche Diskussionsstränge erhellen – von dem ersten archäologisch darstellbaren Auftreten der Germanen im heute deutschsprachigen Raum Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung bis zur Übergangszeit von Spätantike und Frühmittelalter.

Banghard zeigt die zuerst von römischen Autoren unter der Bezeichnung »Germanen« zusammengefassten Gruppen als ein Kontinuum sich dynamisch entwickelnder, einander hinsichtlich Sprache, Wirtschaftsweise und Kultur relativ nahestehender Verbände, die sich von der griechischen, römischen oder keltischen Zivilisation deutlich unterschieden. Statt, wie in der deutschnationalen Geschichtserzählung üblich, den römisch-germanischen Gegensatz zu betonen, arbeitet Banghard die vielfältigen Austauschbeziehungen und die Verwobenheit der römischen mit der germanischen Welt heraus. Diese wechselseitige Durchdringung wird heute erst in der Gesamtschau der archäologischen Befunde so recht klar und überrascht wirklich. Dabei lässt Banghard die römisch-germanische Verschiedenheit keineswegs verschwinden, sondern hilft, sie besser zu verstehen. Banghards begeistertes wissenschaftliches Interesse gilt nicht nur den Germanen, sondern auch Rom, sodass auch Rom-Fans mit seinem Buch voll bedient werden.

Voller Sachkenntnis macht Banghard darauf aufmerksam, dass germanische Gesellschaften auch die Liebe zum Frieden und Individuen jenseits klar definierter Männlichkeit oder Weiblichkeit kannten, ethnische und religiöse Vielfalt zuließen, Vorformen ökologisch-nachhaltigen Wirtschaftens praktizierten, dass sie fernab jeglicher Primitivität eine erstaunliche Innovations- und Veränderungsfähigkeit besaßen.

Das ganze Buch ist äußerst lebhaft und schwungvoll geschrieben; es liest sich von allein. Banghard würzt stark mit Witz und Wortspielen, aber selbst wenn das nicht nach jedem Geschmack ausfallen mag, so dürfte es doch auch nicht sehr stören. Der Autor lässt die Kritik an der nationalistischen Geschichtswissenschaft und Archäologie in Deutschland immer wieder einfließen, bleibt jedoch erfreulicherweise auf sein Thema konzentriert.

Ein Kritikpunkt zum Schluss: In seinem Bestreben, das nationalistische Germanen-Bild mit neuen Erkenntnissen zu überschreiben, hat Banghard die Germanen vielleicht zu positiv gezeichnet. Zur Härte dieses Daseins, zu Gewalt, Mangel und Krankheit in den germanischen Gesellschaften liest man im Buch deutlich zu wenig.

Mathias Wörsching

1 Als Reenactment bezeichnet man die möglichst originalgetreue Nachstellung historisch belegter Ereignisse.

2 Siehe afm-oerlinghausen.de/nazis-im-wolfspelz/geschichtsschwindel