Hamburgs Roter Widerstand
2. Januar 2026
Ein historischer Roman über kommunistische Gegenwehr an der Alster
Mehr als 35.000 Menschen versammelten sich am 21. März 1931 in Winterhude im Norden Hamburgs, um Ernst Henning das letzte Geleit zu geben. Es war auch ein Massenprotest gegen den NS-Terror. Denn der Metallgewerkschafter war in Hamburg bekannter Politiker der KPD und beteiligte sich auch im Rotfrontkämpferbund am Kampf gegen den aufkommenden NS-Faschismus.
Am 14. März 1931 wurde Henning in einem Bus auf dem Rückweg von einer KPD-Versammlung von SA-Männern erschossen. Sein Begleiter wurde schwer verletzt und verlor ein Auge. Eine Berufsschullehrerin, die zufällig auch im Bus saß, wurde ebenfalls durch die Schüsse verwundet. Die faschistische Mordtat sorgte damals wegen ihrer Brutalität für große Empörung.
Heute ist Henning über Hamburg hinaus kaum noch bekannt. Daher ist es sehr erfreulich, dass Heinz Jürgen Schneider seinen Geschichtsroman »Rote Marine« mit Hennings Beerdigung beginnen lässt. Die Rote Marine war wie der ihr übergeordnete Rotfrontkämpferbund nach dem 1. Mai 1929 von der Reichsregierung verboten worden, agierte aber in der Illegalität weiter gegen die aufkommende NS-Bewegung. Einer ihrer führenden Protagonisten war Johann Wilhelm Jasper, der wegen angeblicher Beteiligung an Überfällen auf die SA 1934 hingerichtet wurde.
Sein Schicksal spielte in Schneiders Buch eine zentrale Rolle. Der 1953 geborene Heinz Jürgen Schneider hat über 30 Jahre als linker Rechtsanwalt gearbeitet und auch immer wieder Antifaschist*innen vor Gericht verteidigt. In seiner Freizeit hat er fünf Kriminalromane geschrieben: »Tod in der Scheune« (2009), »Tod am Hafenkai« (2011), »Tod in der Ballnacht« (2012), »Im Land der Lügen« (2014) und »Zwanzig Millionen« (2018).

Heinz Jürgen Schneider: Rote Marine. Verlag Tredition, Ahrensburg 2024, 500 Seiten, 19 Euro
In seinem neuesten Buch »Rote Marine« gelingt Schneider eine beeindruckende Beschreibung der letzten Jahre der Weimarer Republik. Schneider beschreibt das Leben von vier Personen aus dem Umfeld der KPD in Hamburg und zeigt, wie sich der NS-Faschismus erst langsam und dann immer schneller ausbreitet und schließlich die Macht übernimmt. Wichtig ist, dass er dabei auch die Arbeit der Genossinnen gewürdigt hat und sie nicht einfach als Gefährtinnen ihrer Männer darstellt, wie es häufig geschieht.
Der Einstieg mit den Trauerkundgebungen für Ernst Henning, einem frühen Opfer des NS-Terrors, ist gut gewählt. Denn viele Leser*innen stellen sich vermutlich die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass trotz des großen Widerstands gegen den braunen Terror die Nazis drei Jahre später die unumschränkte Macht in Deutschland ausüben konnten und die Gegenkräfte tot, im KZ oder auf der Flucht waren. Im Buch geht es immer wieder auch um die Fehler in den eigenen Reihen. So endet das erste Kapitel über den Trauerzug für Ernst Henning mit der Frage: »Ein Gedanke ging allen durch die Kopf und musste noch besprochen werden. Hätte der Parteischutz nicht vor einer Woche im Autobus zwischen Zollenspieker und Hamburg sitzen müssen?«
Das Buch überzeugt besonders, weil Schneider unterschiedliche linke gesellschaftliche Milieus darstellt, die damals die KPD unterstützten. Da waren die emsigen Parteiarbeiter*innen, oft in ärmlichen Verhältnissen, die schon vor 1914 lange in der SPD aktiv waren, bis sie dann nach dem Ersten Weltkrieg in der KPD ihre politische Heimat fanden. Dazu gehören im Buch Claus, Anni und Jonny. Dann gibt es eine junge Generation, darunter viele Frauen, die über die avantgardistische Kunst der jungen Sowjetunion, ihre Filme, ihre Theaterstücke, Zugang zur kommunistischen Bewegung fanden. Dafür steht im Roman die Kunststudentin und KPD-Sympathisantin Alma Kalender.
Schneider gelingt es überzeugend, diese unterschiedlichen Milieus in den realen Kämpfen zwischen 1931 und 1933 darzustellen. Es werden keine Held*innen gezeigt, sondern Kommunist*innen mit und ohne Parteibuch in all ihren Widersprüchen, die an unterschiedlichen Orten ihre politische Arbeit machen. Dabei fällt auf, dass die Protagonist*innen spätestens Ende 1932 einerseits mit einer Machtübertragung an die Nazis rechnen, andererseits sich aber nicht vorstellen konnten, wie sich dadurch ihr Leben verändern würde.
So hatte sich Ende 1932 eine kleine Gruppe in Berlin getroffen, die sich auf eine Delegationsreise in die Sowjetunion vorbereitete, die im Mai 1933 beginnen sollte. Doch sie hat nie stattgefunden. Zu diesem Zeitpunkt war ein Teil der Gruppe schon verhaftet, andere waren auf der Flucht
Wir können im Roman mitverfolgen, wie problemlos sich das Bürgertum an die braunen Machthaber anpasste. Auch bei der Repression gegen Linke konnten die Nazis an die Vorarbeit in der Weimarer Republik anknüpfen. Im Buch sind mehrere Steckbriefe von Hamburger Kommunist*innen abgedruckt, die bereits von der Polizei der Weimarer Republik angelegt wurden. Die Nazis konnten sie wie auch das Personal, das sie erstellt hatte, gut gebrauchen. Schneiders linkes Geschichtsbuch für das der Autor auch im Archiv der Hamburger VVN-BdA recherchierte, kommt zum richtigen Zeitpunkt. Angesichts der weltweiten Rechtsentwicklung wirken manche Szenen aus dem Buch erschreckend aktuell.
Peter Nowak

























