Genug Erinnern für alle
2. Januar 2026
Wie muss sich das Gedenken an den Holocaust verändern?
Susanne Siegert plädiert dafür, dass sich antifaschistische Erinnerungskultur verändern muss. Zum einen wegen des schon viel beschriebenen Verlusts der Zeitzeug*innen und zum anderen, genauso wichtig, wegen der veränderten Nutzung von Medien. Gleichzeitig bietet die allumfassende Digitalisierung heute auch völlig neue Möglichkeiten der Recherche wie der Präsentation von deren Ergebnissen.
Erinnerungskultur also, aber anders. Wie, dazu hat sie selbst reichlich Erfahrung. Die 1992 in -Bayern geborene Journalistin recherchiert aufwendig online und publiziert dann die Ergebnisse. Begonnen hat alles mit »Mühldorfer Hart«, einem vergessenen Außenlager des KZ Dachau nahe ihrem Wohnort.
Nun betreibt sie seit Dezember 2020 den Account keine.erinnerungskultur auf Instagram und TikTok mit mehr als 300.000 Followern. Für diese Arbeit bekam sie 2024 den »Grimme-Online-Award für Wissen und Bildung« und im Jahr darauf den »Margot-Friedländer-Preis« für Beiträge zur Förderung einer aktiven Erinnerungskultur.

Susanne Siegert: Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss. Piper Verlag, München 2025, 240 Seiten, 18 Euro
Sie plädiert für eine pluralistische, neue Gedenkarbeit mit einem Schwerpunkt auf der Verantwortung der Nachfahren der Tätergeneration – anstelle unserer »einstudierten« gemeinsamen Rückschau mit den Opfern. Dies ist nicht nur deswegen plausibel, weil nur 0,3 Prozent der Deutschen im Nationalsozialismus Verfolgten geholfen haben.
Nebenbei vermittelt Siegert in ihrem Buch auf eine gute Weise neues historisches Wissen, stellt Widerstandstraditionen in anderen europäischen Ländern und wichtige Debatten (etwa Historikerstreit 1 und 2) verständlich vor, skizziert sowie kritisiert scharf gängige Erzählungen und weist auf weniger bekannte Orte, auf bisher vernachlässigte Opfergruppen und auf vergessenen, nicht ins gewohnte Bild passenden Widerstand hin.
Es geht also um weniger bekannte NS-Verbrechen, und darum, dass Erinnern nicht nur an den üblichen Jahrestagen und als ein vor allem von Versöhnung getragenes Theaterstück aufgeführt wird. Erinnern ist vor allem kein Nullsummenspiel, denn, so ihre These, es ist genug Erinnern für alle da. Gleichzeitig zeigt dieses kluge und interessante Buch, wie wichtig eine aktive, vielfältige Gedenkkultur ist, um künftige Generationen, auch ohne direkte Zeitzeugenberichte zu erreichen. Allen, die sich für das Thema interessieren, sei es zur Lektüre dringend empfohlen. Wer tiefer einsteigen will, findet in den Fußnoten und der genannten Literatur viele weitere nützliche Hinweise. Siegert reist auch zu vielen Buchvorstellungen, die Termine sind auf der Website des Verlages einsehbar.
Bernd Hüttner

























