Franco und sein Erbe

2. Januar 2026

Deutsch-spanische Deals und das Wiederaufleben autoritärer Strukturen

50 Jahre nach dem Tod des spanischen Diktators Franco hat das Land weiterhin ungelöste Konflikte mit seiner autoritären Vergangenheit. An dieser historischen Hypothek trägt auch das als »Weltmeister« des historischen Andenkens geltende Deutschland eine wesentliche Mitverantwortung: nicht nur, weil die franquistische Diktatur ohne die militärische Hilfe Hitlers und der Legion Condor kaum denkbar gewesen wäre, sondern auch, weil deutsche Politiker das Regime später politisch hofierten und es als Bollwerk gegen den Kommunismus legitimierten. Über Jahrzehnte hinweg wurde der Franquismus zu einem festen Bestandteil des politischen und ideologischen Gefüges Westeuropas im Kalten Krieg. Spanien öffnete sich für NATO-Stützpunkte, pflegte enge Beziehungen zu westlichen Geheimdiensten und weist bis heute nicht vollständig aufgeklärte Verbindungen zu den Stay-behind-Strukturen (Gladio) sowie zu deren Rolle im Kontext staatlichen Terrors auf.

Die Normalisierung der spanischen Diktatur war kein Zufall, sondern Ausdruck eines antikommunistischen Projekts, das Erinnerung, Gerechtigkeit und demokratische Prinzipien dem Mythos des »christlichen Abendlandes« unterordnete. Nach dem franquistischen Sieg im Bürgerkrieg etablierte sich ein Regime, das von systematischer Repression, dem vollständigen Fehlen politischer Freiheiten, der Unterordnung der Frauen, Zensur und Terror als Herrschaftsinstrument geprägt war. Ein zentrales Instrument dieser internationalen Strategie war das Europäische Zentrum für Dokumentation und Information (Centro Europeo de Documentación e Información, CEDI), das 1952 auf spanische Initiative hin und unter Mitwirkung von Persönlichkeiten wie Otto von Habsburg gegründet wurde (siehe Spalte).

Francos Tod 1975 bedeutete keine radikale Zäsur, sondern einen ausgehandelten Übergang. Die Monarchie wurde restauriert, zentrale wirtschaftliche und institutionelle Strukturen des Regimes blieben unangetastet, und die Verbrechen blieben straflos. Sogar das Strafgericht gegen politische Gegner wurde umbenannt und mit denselben Richtern weiterbetrieben. Zehntausende Opfer liegen bis heute in Massengräbern. Dieses strukturelle Schweigen erklärt, warum der Franquismus im öffentlichen Raum nie vollständig delegitimiert wurde. Auch die demokratischen Defizite des post-franquistischen Staates stellten kein Hindernis für den NATO- und den EU-Beitritt Spaniens 1982 beziehungsweise 1986 dar.

Unzählige Ermordete liegen noch immer in anonymen Gräbern, während politische, militärische und wirtschaftliche Beziehungen mit der Diktatur jahrzehntelang als »Realpolitik« galten. Die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Die Entwicklung des CEDI und der deutsch-spanischen Beziehungen zeigt, dass die BRD – wie der Historiker Frank Bösch belegt hat – eine Geschichte von Deals mit Diktaturen hat.1

Heute gehen jene autoritären Samen auf, die nie wirklich beseitigt wurden. Unter Jugendlichen erleben franquistische Symbole ein Revival: Sie singen die Hymne Cara al Sol, tragen Embleme der 1933 gegründeten Faschistenpartei Falange und verbreiten entsprechende Inhalte über TikTok und Memes. Kürzlich kam es zu martialischen Naziaufmärschen mit Hitlergrüßen durch Madrid. Im Baskenland erhielten sie einen Dämpfer durch Antifas, die im November eine große Demo organisierten. Die Banalisierung der Diktatur bleibt trotz einer progressiven Regierung weitgehend folgenlos, während das sogenannte Maulkorbgesetz weiterhin Linke, Gewerkschafter:innen und politische Aktivist:innen kriminalisiert.

Gegenbewegungen gibt es einige. Der Pädagoge Enrique Javier Díez Gutiérrez initiierte jüngst eine »antifaschistische Bildungsinternationale«, um dem politischen und pädagogischen Vakuum mit kritischer, demokratischer Bildung zu begegnen. Wahrheit, Gerechtigkeit und Aufklärung sollen der Ästhetisierung des Faschismus entgegengesetzt werden. Auch die Regierung hat ein neues Gesetz verabschiedet, mit dem die jüngste Geschichte erstmals verpflichtend an Sekundarschulen und Gymnasien gelehrt wird. Dieses erlaubt zudem theoretisch erstmals die strafrechtliche Verfolgung der Verbrechen der Diktatur und verpflichtet zur Öffnung der Massengräber sowie zur Exhumierung der Gebeine. Dieser Prozess kommt voran: Viele Nachfahren erhalten durch DNA-Verfahren die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen zurück und können sie endlich bestatten.

Doch es droht eine rechte Regierung zusammen mit den Faschisten von Vox – und Europa schaut erneut weg. Es drängt sich die Frage auf, ob hier eine nostalgische Sehnsucht nach einem autoritären Spanien fortlebt: einem Land sozialer Ungleichheit, politischer Unmündigkeit und eiserner Herrschaft, das man nach Belieben dirigieren kann. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich in Spanien kürzlich lediglich in Gernika für die Verbrechen der Legion Condor entschuldigt, obwohl diese im ganzen Land agierte und maßgeblich zum Sieg Francos beitrug. Über die Zeit nach dem Krieg schwieg er weiterhin.

Carmela Negrete

CEDI: Zentrum der Elite

Das CEDI entwickelte sich zu einem internationalen Treffpunkt konservativer, katholischer und autoritärer Eliten, die ein Europa verteidigten, das auf Hierarchie, Tradition und Antikommunismus beruhte. Zahlreiche Minister, Abgeordnete und Spitzenpolitiker von CDU und CSU, darunter Franz Josef Strauß, Eugen Gerstenmaier und Richard Jaeger, nahmen an diesen Netzwerken in Spanien teil, wurden von Franco persönlich empfangen und trugen zur öffentlichen Legitimierung seines Regimes bei. Auch der deutsche Bundesnachrichtendienst unterstützte diese Strukturen aktiv. Gleichzeitig ist bekannt, dass Spanien nach 1945 zahlreichen NS-Tätern als Zufluchtsort diente. In dieser Logik erschien Spanien nicht als brutale Diktatur, sondern als Hüter des »abendländischen Erbes« und des Christentums gegenüber der angeblichen »roten Bedrohung«. Deutschland hielt seit 1952 nicht nur diplomatische Beziehungen aufrecht, sondern schloss in den 1960er-Jahren auch ein Anwerbeabkommen, das bis 1972 Hunderttausende spanische Arbeitskräfte in die BRD brachte. 1963 verbrachte Konrad Adenauer mehrere Tage im Reich General Francos, ließ sich vom Diktator Denkmäler und Museen zeigen und lobte öffentlich die deutsch-spanischen Beziehungen.

1 chbeck.de/boesch-deals-mit-diktatoren/product/36194839