Ein Ort, der verbindet
2. Januar 2026
100 Jahre Antifaschismus in Heideruh: Interview mit Bea Trampenau
antifa: Die Antifaschistische Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh gibt es 2026 seit 100 Jahren. Gratulation. Was macht ihr – und wer seid ihr?
Bea Trampenau: Heideruh ist in erster Linie ein politisches Tagungshaus, aber auch ein Ort für Erholung von Gruppen und Einzelnen. Die älteren Generationen verbinden Heideruh eher mit Urlaub, die jüngeren mit politischer Bildungsarbeit. Wir sind ein Vollpensionsbetrieb mit Gästezimmern, Zeltplatz und Wohnmobilstellplätzen sowie einem großen Außengelände mit Spielplätzen, Barfußpfad und vielem mehr. Darüber hinaus haben wir eine eigene Bildungsarbeit. Wir machen Erinnerungsarbeit gemeinsam mit der Stadt Buchholz, organisieren Veranstaltungen gegen Rechts und bieten Fortbildungen an. In den letzten zwei Jahren kommen zum Beispiel regelmäßig Gruppen der »Omas gegen Rechts« zu uns, um sich weiterzubilden oder Reflexionsworkshops zu machen.
antifa: Einige eurer Flyer zeigen eine Tafel mit der Inschrift »Erbaut 1952 in Gemeinschaftsarbeit für den Frieden«. Warum sprecht ihr trotzdem 2026 von 100 Jahren Heideruh?
B. T.: Das Gebäude mit dieser Tafel ist eines von acht auf dem Gelände. Es wurde zwischen 1945 und 1952 aus den Trümmern Hamburgs errichtet, vor allem von politisch Verfolgten. Deshalb ist es ein Herzstück von Heideruh. Unser Motto auf der Tafel stammt aus dem Buchenwald-Schwur: »Damit niemals geschehe, was gestern geschah.« Es ist unser Schlafhaus – aber eben nur eines von mehreren und nicht das erste.

Das Foto zeigt Bea Trampenau (links) neben der Holocaustüberlebenden Peggy Parnass sowie Cornelia Kerth und Christiane Chodinski von der Hamburger VVN-BdA beim Heideruh-Sommerfest 2024.
Das erste Haus wurde 1926 von einer Hamburger Widerstandsgruppe um Ernst Stender und Franz Jacob gekauft – zur Erholung, aber auch für konspirative Treffen, hier mitten im Wald. 1936 wurde die Familie Stender enteignet, und Heideruh fiel an die Naziverwaltung.
1945 ging die britische Armee auf das Komitee politisch Verfolgter in Hamburg zu, die Vorgängerorganisation der VVN. Sie fragten, ob diese Kinderheime für befreite Kinder aus den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Neuengamme betreiben könnten. Das geschah in Blankenese, Wentorf und Steinbeck. Heideruh wurde erwünscht für die eigenen traumatisierten Kinder der politisch Verfolgten.
Die Briten verfügten eine Rückenteignung. Das Grundstück wurde zweckgebunden für die Erholung politisch Verfolgter und die Erziehung im Sinne des Friedens. Heideruh – damals »Erholungsheim Seppensen« – wurde zum VVN-Kinderheim. Die sogenannten Rotwinkler:innen, Hinterbliebene und Angehörige haben Heideruh aufgebaut. Hinzu kam die FDJ: Von 1946 bis 1952/53 war Heideruh die erste Oberleitungsschule der FDJ; die FIR organisierte internationale Jugendcamps und Begegnungen mit Widerstandsgruppen aus ganz Europa.
Dann kam die Adenauer-Ära: Die VVN Hamburg wurde verboten, ebenso die FDJ und die KPD. Heideruh musste in eine Art Tauchstation gehen, um nicht ebenfalls verboten zu werden. Die Verantwortung blieb bei der VVN. Bis in die 2010er-Jahre stellte sie die Geschäftsführung, die Vorstände waren bis in die 1990er-Jahre überwiegend von der VVN geprägt.
Nach 1989 kamen viele Menschen aus der ehemaligen DDR nach Heideruh und prägten den Ort stark. Ich sage oft: Heideruh ist der ostgeprägteste Ort im Westen. Viele übernahmen Verantwortung als Mitarbeitende, viele Gäste kamen. Gleichzeitig begann sich die VVN langsam zurückzuziehen.
Heute ist die VVN immer noch so etwas wie die große Schwester, aber sie trägt Heideruh nicht mehr institutionell. Ich selbst bin VVN-Mitglied und Geschäftsführerin, aber die Bildungsarbeit und Reisen der VVN finden kaum noch hier statt. Unter Mitarbeitenden und Vorständen gibt es keine VVN-Mitglieder mehr. Heideruh wird heute vor allem von autonomen Antifa-Zusammenhängen und DKP-Mitgliedern getragen.
antifa: Und was bedeutet das konkret für das Jubiläum?
B. T.: 100 Jahre Heideruh – das ist für mich als Antifaschistin ein Wahnsinnsjubiläum. Dieses Projekt wurde vor 100 Jahren von Menschen gegründet, von denen fast alle später ermordet wurden. Ich habe bislang keinen aus dem Jahr 1926 gefunden, der überlebt hätte.
Und trotzdem wurde Heideruh 1945 sofort wieder aufgebaut, von den Rotwinkler:innen. Dieses Projekt hat alles überstanden – und existiert bis heute. Das ist etwas ganz Besonderes, und das wollen wir feiern. Nicht nur mit antifaschistischen Verbündeten, sondern auch sichtbar für die Stadtgesellschaft rund um Buchholz.

Heideruh nachhaltig antifaschistisch, das Motto von 2020. Fotos: Heideruh e.V.
Wir haben dafür am 19. April das Theater »Empore« in Buchholz gemietet und ein sehr vielfältiges Programm zusammengestellt – mit Menschen, die Heideruh geprägt haben. Rolf Becker, der leider kürzlich verstorben ist, sollte den Buchenwald-Schwur verlesen. Es wird eine Podiumsdiskussion geben, unter anderem mit dem Buchholzer Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse, Ulrich Schneider und Conny Kerth, sowie mit Menschen, die Verantwortung für Heideruh übernommen haben. Dazu kommen Kunst und Kultur aus den USA und vom Hamburger Schauspielhaus.
Unser Sommerfest wird 2026 ein Sommerfest(ival): eine ganze Woche lang Open Stage mit Kulturschaffenden aus der ganzen Republik, die Heideruh verbunden sind – von der Main-Kapelle bis zu Gina Pietsch mit ihrer Hommage an Esther Bejarano. Wir planen Filmnächte mit allen Filmen, die je über Heideruh gemacht wurden, eine Matinee und eine politische Podiumsdiskussion zur Frage, wie ein breites Bündnis gegen Rechts aussehen kann.
Heideruh ist ein Ort, der sehr unterschiedliche, teils auch zerstrittene Gruppen zusammenbringt. Wir haben eine klare Linie: keine Zusammenarbeit mit Kräften, die eine Kooperation mit Faschisten tolerieren. Diese Klarheit wird uns sehr positiv zurückgespiegelt. Gleichzeitig bleiben wir offen für unterschiedliche politische Zugänge – Antifaschismus und dieser Ort ist das verbindende Element.
Zum Jubiläum aktualisieren wir außerdem unsere Geschichtsschreibung, fahren in britische Militärarchive nach London, erneuern unsere Ausstellung und entwickeln neue Materialien – von Gedichtbänden aus Gästebüchern bis zu Spielen wie Memory oder Puzzle. Es ist gerade eine sehr kreative Phase, getragen von jungen, mittelalten und älteren Menschen gemeinsam.
Wir hoffen, dass viele kommen und die Programme wahrnehmen. Und wir hoffen auch, dass das Jubiläum hilft, Heideruh weiter zu verankern: als Gedenkort, als lebendigen Erinnerungsort und als Ort antifaschistischer Zukunft. Die junge Generation will übernehmen – das ist keine Frage. Die Zukunftsidee ist da.
antifa: Wie steht es aktuell um die Zukunft von Heideruh – und wie können Leser:innen euch unterstützen?
B. T.: Ganz klar: durch Buchen, Besuchen und Spenden. Die größte Herausforderung sind die Finanzen. Wir können aus baurechtlichen Gründen keine zusätzlichen Betten schaffen. Gleichzeitig steigen die Personal- und Betriebskosten, weil heute nicht mehr in dem Maße ehrenamtlich gearbeitet wird wie früher. Die Preise können wir aber nicht einfach erhöhen, weil sonst viele antifaschistische Gruppen nicht mehr kommen könnten. Unsere Achillesferse sind also die Finanzen. Am besten hilft man uns, indem man hierherkommt, Urlaub bucht oder spendet.
Darüber hinaus freuen wir uns über Menschen, die ihre Professionalität einbringen: Handwerker:innen, Bibliothekar:innen oder Menschen, die Förderanträge schreiben können. Engagement gibt es hier sehr viel – was oft fehlt, ist Professionalität. Ich bin zum Beispiel eigentlich Sozialarbeiterin. Bei unseren Bauwochen gehöre ich trotzdem regelmäßig zu den technisch Kompetentesten – und das ist ehrlich gesagt kein besonders gutes Zeichen. Es wäre schon schön, wenn beim nächsten Projekt ein paar echte Handwerker:innen mit am Start wären. Kurz gesagt: Heideruh lebt davon, dass Menschen kommen, bleiben, mitarbeiten und uns unterstützen.
Bea Trampenau ist Geschäftsführerin vom Heideruh e. V. und Mitglied der VVN-BdA.
Infos: www.100-Jahre-heideruh.de.
Interview: Andreas Siegmund-Schultze
Das Interview erscheint hier in einer umfangreicheren Fassung als in der Printausgabe.

























